Einfach ein raffiniertes Spiel
Als Jérôme Bels „The Show must go on“ 2001 uraufgeführt wurde, gab es beim Publikum Protestreaktionen und Ratlosigkeit. Dass es seither zum Kultstück mutiert ist, liegt wohl daran, dass das Publikum ein großes Vergnügen an den choreografierten Popsongs hat und seine Rolle als Mitspieler genießt. In der Wiener Version harmonierten Cast und Zuschauer besonders gut.
Als Performance ist „The Show must go on“ auch heute noch frech. Zwanzig bunt zusammen gewürfelte DarstellerInnen illustrieren neunzehn Songs aus 30 Jahren Pop-Geschichte. Ein DJ vor der Bühne legt mit zelebrierter Gelassenheit die Platten auf, sprich: CDs ein. Ein einfaches Konzept.
„Good Night“ (West Side Story) erklingt im dunklen Saal, bei „Let the Sun Shine“ (Hair) erhellt sich die Bühne, Auftritt der DarstellerInnen zu „Come Together“, zum Refrain von David Bowies „Let’s Dance“ wird geshakt, „Lets Move It Move It“ wird zum orgiastischen Abtanzen, bei „Ballerina Girl“ verlassen die Männer natürlich die Bühne, während sich die Damen in Ports de bras üben. Und so weiter und so fort.
Spätestens nach dem dritten Song weiß man, wie es weitergeht. Das stört aber niemanden, am wenigsten den Choreografen, der die Vorhersehbarkeit als Stilmittel einsetzt und gerade das macht diese Show grandios. Denn unter der simpel erscheinenden Oberfläche läuft ein raffiniertes Spiel mit allen Facetten des kollektiven Gedächtnisses und mit allen Konventionen des Theaters ab. Die ZuschauerInnen juckt es bereits in den Füßen, obwohl sie anders als beim Rockkonzert brav auf Stühlen sitzen. Und doch sind sie hier wie dort gleichermaßen involviert. Jubel über den DJ (Tom Barcal), der als „Private Dancer“ im Spotlight ein Tänzchen bietet – mit todernster, fast gelangweilter Miene. Gelächter zum Titanic-Song – in der sich die PerformerInnen in der entsprechenden Haltung paaren. Ein Handy-Lichtermeer leuchtet zu „Imagine“ und bei „Sound of Silence“, bei dem der Ton immer wieder abgedreht wird, kommt das Lied eben aus dem Zuschauerraum.
Die Stimmung in der Halle E des Museumsquartiers ist am Dampfen, aber dieses Publikum ist diszipliniert. Wenn die DarstellerInnen zu dem Police-Hit „I’ll be watching you“ an der Rampe stehen und ins Publikum starren, gibt es zu meiner großen Überraschung keine einzigen Klatscher. Saßen da lauter Eingeweihte?
Wie auch immer, nach diesem Aufmarsch – normalerweise am Ende einer Show – geht es noch ein bisschen weiter, um mit Queen und dem titelgebenden Song auf leerer Bühne zu schließen.
Großartig das Wiener Casting von Frédéric Seguette und Dina ed Dik. Wer unter den ZuseherInnen wird nicht an diese Show denken, wenn er/sie wieder „Into My Arms“, „Maria Maddalena“ oder „Killing me softly“ hört? Das kollektive Gedächtnis ist um eine Facette reicher.
Schön war’s!
Jérôme Bel „The Show must go on“ (Wiener Version), Tanzquartier Wien in der Halle E des MQW am 17. Februar 2012
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