Anita 2 iconBetrachtungen um die Frage, ob eine Stadt ihre Einwohner prägt, oder umgekehrt, der Charakter der Einwohner die Stadt, rücken verstärkt in einem Monat und in einem Jahr – März 2018 – in den Mittelpunkt des Interesses, in dem man noch intensiver jener gedenkt, die nach den Geschehnissen im März 1938 Wien verlassen mussten. Aus denjenigen unter ihnen, die Tänzerinnen oder Tänzer waren, hätte sich – wäre dem nicht die künstlerische Eigenwilligkeit und Eigenständigkeit der einzelnen Persönlichkeiten entgegengestanden – ein exquisites Tanzensemble von Facetten eines selbstbewussten „WienerInnentums“ bilden lassen.

02 vonEinem webDie 100. Wiederkehr des Geburtstags des „Componisten“ Gottfried von Einem am 24. Jänner gibt Anlass, über ein künstlerisches Berufsfeld nachzudenken, das der 1918 in der Schweiz Geborene und 1996 im Waldviertel Gestorbene über Jahrzehnte hin (auch) verkörperte: das des Ballettkomponisten. Als Vertreter des Musiktheaters des mittleren 20. Jahrhunderts pflegte Einem nämlich nicht nur die Oper, sondern auch das Ballett. Für ihn sei, so Einem, ein „schweigender Körper“ etwas Wunderbares. „Kein Gesang, keine Sprache, kein Laut: Nur der Körper in seiner ganzen Grazie.“

02 Minkus K webDie Wiener Gastspiele der Matilda Kschessinskaja 1903 und 1912 verliefen spektakulär. Die Beachtung, die man der Mariinski-Ballerina entgegenbrachte, betraf vielerlei: ihre Schönheit, ihren Schmuck, ihre Nähe zum Zarenhof – der Zarewitsch nannte seine Geliebte „Little K.“ –, gewiss auch ihr Können. All dies mochte ein damals wieder in Wien lebender, lange Zeit als Ballettkomponist in Russland tätig gewesener Musiker genutzt haben, um sich in Erinnerung zu rufen. Ob Ludwig Minkus nun die Kschessinskaja in Wien tatsächlich traf, ist nicht überliefert.

2 DeKeersmaeker

Das Wieder-Sehen von Kunst gehört zu den außerordentlichen Erlebnissen, wobei das ausschließlich für den Körper sowie eine körperliche Wiedergabe Konzipierte einen ganz besonderen Platz einnimmt. Mehr als andere künstlerische Äußerungen nämlich ist seine Entstehung doch von einer psychischen und physischen Verfasstheit, dazu von einem bestimmten Umraum abhängig. Das Wieder-Sehen von Tanzstücken ist also nicht nur ein Wiedereintauchen in den Entstehungsraum der Kreation mit allen ihren Beteiligten, sondern auch ein Zurückgehen in die Vergangenheit der ZuseherInnen.

02 Giselle YakovlevaDie Größe eines Werks zeigt sich in der Vielfalt seiner Interpretationsmöglichkeiten. Wobei – im besten Falle – jedes einzelne „reworking“, eine von der Traditionslinie abweichende neue Sicht auf ein Werk, immer andere Facetten ursprünglicher Problemstellungen zutage fördern kann. Dies zeigt sich besonders bei „Giselle“, das wieder am Spielplan des Wiener Staatsballetts steht. Dass dieses romantische Ballett ebenso wie viele seiner neuen Fassungen oft mit Farben in Zusammenhang gebracht wird, kommt nicht von ungefähr.

ErdmaennchenBei Rückblicken auf Spielzeiten oder Tanzfestivals kommen besondere Ereignisse zur Sprache, werden Programmtrends erörtert, Ausführende hervorgehoben, Entwicklungen aufgezeigt und in Relation zu Vergleichbarem gestellt. Zuständige KuratorInnen werden gelobt oder geschmäht. Nur eine beteiligte Körperschaft – (noch immer) tragende Säule aller theatralischen Unternehmungen – bleibt, wie gewöhnlich bei solchen Betrachtungen, beharrlich ausgespart: das Publikum.

02 Schlagobers webThe good news currently coming from the USA relates to stage dance. It is there that a choreographer – Alexei Ratmansky, originally from Russia – has dared to turn to ballet music which – relative to its author’s fame – has long gone unnoticed. Perhaps, coming from America the work, namely Richard Strauss’s “Schlagobers” (“Whipped Cream”), first produced in Vienna in 1924, will become what it was originally intended to be, a delicacy of the international repertory.