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chanelEs war doch in Wirklichkeit alles ganz anders... 300.000 Francs, nach heutigem Wert etwa € 239.000, ließ Coco Chanel 1920 dem finanziell klammen Sergei Diaghilev zukommen, um die Wiederaufnahme von „Le Sacre du printemps“ zu finanzieren. Das blieb nicht lange unter dem Siegel der Verschwiegenheit, wie eigentlich vereinbart. Chanel, nun zur Mäzenin der Ballets Russes avanciert, hatte im Machtkampf mit ihrer älteren Freundin Misia Sert, der Muse und engen Vertrauten Diaghilevs, gepunktet.

Den bescheidenen Anfängen als Hutputzerin war Chanel inzwischen in die Mode- und Kunstavantgarde entwachsen. 1922 entwarf sie die Kostüme für Cocteaus Bühnenfassung von „Antigone“, zwei Jahre später kleidete sie die Tänzer der Ballets Russes für „Le Train bleu“ in sportlich-eleganten Riviera-Chic (eine Rekonstruktion von „Le Train bleu“, getanzt vom Ballett der Pariser Oper findet man beispielsweise auf der DVD „Picasso and Dance“, 2005.) Die Kostüme für Balanchines „Apollon musagète“ überarbeitete sie 1929. Ein Foto zeigt sie lachend auf den Schultern von Serge Lifar, ihrem Tänzer-Favoriten der Ballets Russes. Dass Mademoiselle 1927 auch Felia Doubrovska als Hostess in „Les biches“ stilistisch up to date brachte und Alexandra Danilova in „The Gods Go A-Begging“ einkleidete bleibt unerwähnt. Später arbeitete sie an den Kostümen für Salvador Dalis bizarr-surrealistisches „Bacchanale“, mit dem die Ballets Russes de Monte Carlo 1939 durch Amerika tourten. Das Corps de ballet auf Krücken, das Bühnenbild dominiert von einem überdimensionalen Schwan mit klaffendem Loch in der Brust - eine deftige Dosis Avantgarde für unerfahrenes Publikum außerhalb der US-Metropolen.

Für die Arbeit an der kürzlich erschienenen Biografie von Coco Chanel erhielt die englische Journalistin Justine Picardie erstmals unbegrenzten Zugang zu den Chanel-Archiven. Karl Lagerfeld, Chanels Nachfolger im Modeimperium, illustrierte das Buch nicht nur mit zahlreichen Farbzeichnungen, sondern verlegte es auch im 2010 gegründeten L.S.D. Verlag – wobei L für Lagerfeld, S für Steidl und D für Druckerei steht. Alles ganz harmlos also, wobei die Assoziation zu süchtig machendem (Lese-)Stoff natürlich gewollt ist.

Immer wieder stützt Picardie sich auf die Erinnerungen dreier Wegbegleiter und Freunde Chanels, die alle auch eigene Biografien der Grande Dame verfassten: Den Erzähler und Diplomaten Paul Morand, Marcel Haedrich, Journalist und Chefredakteur der Marie-Claire und vor allem auf die Psychoanalytikerin Claude Delay. Deren Aussagen gewähren wohl die tiefsten Einblicke in Chanels Persönlichkeit. Trotzdem bleibt vieles unergründlich. Gabrielle Chanel verstand es meisterhaft, ihre Vergangenheit zu verschleiern, ihre Geschichte zuzuschneiden wie ein maßgefertigtes Kostüm. Hier eine Episode zu verlieren, dort ein Detail wie einen Stoffrest fallen zu lassen, ein anderes zu kaschieren. Eine Schere hätte ihr Emblem sein können. Mademoiselle schnitt übrigens bei jeder neuen Kollektion die Haare ihrer Mannequins, wie auch ihr eigenes, höchstpersönlich.

Um der vielschichtigen Persönlichkeit Chanels, der Frau hinter der Maske des Ruhms, auf die Spur zu kommen, muss man ihre Kindheit kennen. Ihre Mutter verlor sie als Elfjährige, der Vater, ein umherreisender Händler, schien vor der Familie immer auf der Flucht gewesen zu sein. Nach dem Tod der Mutter gibt er Gabrielle und ihre beiden Schwestern in einem Kloster in der Auvergne ab und verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Bis zuletzt kam Chanel über die traumatischen Kindheitserlebnisse nicht hinweg. Die Eindrücke im Kloster Aubazine, Strenge, Einfachheit, emotionale Kälte, Gerüche, Farben, auch Architektur und Ornamente, prägten ihre Entwicklung in den darauf folgenden Jahren. Sie bewegt sich zwischen konträren Polen. Einerseits strikter Distanz, beispielsweise schwelgt ihr Pariser Apartement in überbordender Fülle, andererseits Nähe: In ihrer südfranzösischen Villa lässt sie die Treppe exakt der von Aubazine nachgestalten.

Ihre erste Amerikareise 1931 - Hollywood hatte sie als Kostümdesignerin gewinnen können -  barg insofern auch symbolischen Charakter. Die „Neue Welt“ war für das Mädchen Gabrielle der Ort, von dem sie glaubte, ihr Vater würde hier sein Vermögen machen. Vielleicht hoffte sie insgeheim, ihn dort wiederzufinden.

Ob Strawinski eine Affäre mit Chanel hatte bleibt Gerücht, jedenfalls stellte sie dem völlig verarmten Komponisten und dessen Familie vorübergehend ihre Villa am Stadtrand von Paris zur Verfügung und unterstützte ihn regelmäßig finanziell. Tatsache ist jedoch, dass sie nach Diaghilevs Tod 1929 dessen Schulden beglich und zusammen mit Misia die Beisetzung organisierte. Trotz Ränkespielen und Machtkämpfen blieben die beiden Frauen im Guten wie im Schlechten untrennbar miteinander verbunden. Misia starb 1950, 21 Jahre vor Chanel.

Siebzigjährig gelang Chanel ihr Nachkriegs-Comeback, was sie vor allem der Treue und Wertschätzung der amerikanischen Modeszene zu verdanken hatte. 1969 war dieses Comeback Thema eines Broadway-Musicals. Katherine Hepburn spielte Chanel, die Choreografie hätte John Cranko übernehmen sollen, der aber ablehnte. Vielleicht eine vorausschauende, kluge Entscheidung, denn die Kritik ging mit der Inszenierung hart ins Gericht. Chanel, der die Aussicht auf eine Konfrontation mit sich selbst wenig behagte, erlebte die Premiere nicht. Kurz vor ihrer Abreise nach New York schlug das Schicksal zu. Ein plötzlicher Nervenschaden lähmte ihre rechte Hand.

Äußerlich war Coco Chanel eine unerschrockene, unabhängige Kämpferin. Was sie wollte wusste sie durchzusetzen, man zollte ihr nicht nur Respekt, sondern verehrte sie. Äußerlich schien es, als hätte sie sich von ihrer Kindheit befreit. Im Kern jedoch war sie der klösterlichen Einsamkeit schmerzhaft nah. Es gab nicht Schlimmeres für sie als alleine zu sein, sie glaubte, ihr Leben verfehlt zu haben. „Eine Frau, die nicht geliebt wird, ist keine Frau... ganz gleich wie alt sie ist... Eine Frau muss von einem Mann betrachtet werden, der sie liebt. Ohne diesen Blick stirbt sie.“

Justine Picardie: „Chanel - Ihr Leben“, L.S.D. Verlag, 2011, 428 Seiten mit zahlreichen Zeichnungen und Fotos

Zu diesem Artikel siehe auch die Beiträge „Poiret“ und „Fashion History

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