keilAls Teil des „Stuttgarter Ballettwunders“ ist Birgit Keil weltweit in Erinnerung. Doch die elegante Ballerina zog es nicht so sehr in die große weite Welt. Ihre Ziele erreichte sie in ihrem unmittelbaren Umkreis, zuerst als Tänzerin und nun als Direktorin der Akademie des Tanzes an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Mannheim und des Badischen Staatsballetts Karlsruhe.

Liest man das Buch über Birgit Keil, das nun anlässlich ihres 70. Geburtstags erschienen ist, gewinnt man den Eindruck, dass es ihr nur um eines geht: um den Tanz und vor allem um Tänzer. Das ist auch nicht weiter erstaunlich. Ihr Beruf war nicht nur eine Berufung, sondern auch eine Erfüllung. Seit ihrer frühen Jugend war das Ballett in Stuttgart ihr künstlerisches Zuhause. Mit 13 tanzte sie dort das erste Mal (ein Solo im Blumenwalzer von „Dornröschen“), mit 17 wurde sie Mitglied des Ensembles, als John Cranko seine Direktion begann, mit 21 Erste Solistin. Ihr Rollenverzeichnis umfasst vier dicht bedruckte Seiten, darunter viele Kreationen: nicht nur für John Cranko, auch für Hans van Manen, Kenneth McMillan oder Uwe Scholz war sie Muse.

Als Reid Anderson 1995 die Leitung der Compagnie nach Marcia Haydée übernahm, war es für Birgit Keil an der Zeit ihr Leben in neue Bahnen zu lenken. Mit Hilfe großzügiger Sponsoren gründete sie die private Tanzstiftung Birgit Keil zur Förderung des tänzerischen und choreografischen Nachwuchses. Die von dieser Stiftung vergebenen Stipendien gehen an begabte TänzerInnen aus aller Welt für die Tanzausbildung an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim, die Keil seit 1997 leitet.

2003 übernahm sie zusammen mit  Vladimir Klos, der ihr auch in allen Etappen ihres Lebens privat und beruflich ein kongenialer Partner ist, die Ballettdirektorin am Badischen Staatstheaters Karlsruhe. Diese Compagnie besticht durch ihre jungen TänzerInnen und ihr vielfältiges Repertoire von der klassischen Ballettliteratur bis zu zeitgenössischen Kreationen gleichermaßen. Der Nachwuchs aus der Tanzakademie Mannheim gewinnt dort erste Bühnenerfahrungen und junge choreografischen Talenten haben immer wieder die Möglichkeit, sich auszuprobieren. So verdiente sich beispielsweise der in Deutschland hoch gehandelte Terence Kohler seine ersten Sporen in Karlsruhe.

Dabei scheint sich Keils Weg geradezu organisch entwickelt zu haben. Beim Lesen gewinnt man den Eindruck, dass diese Tänzerin ihre Karriere immer nur Mittel zum Zweck war. Obwohl sie in ihrer Zeit als Tänzerin auf der ganzen Welt aufgetreten ist, ist davon im Buch relativ wenig zu lesen. Keine Elogen über die internationalen Erfolge. Nach ihrer Lieblingsbühne befragt, kann es in Keils Herzen nur die Met in New York mit der Oper Stuttgart aufnehmen. Es ist ihr aufrichtiges Anliegen, ihr Wissen und Können um den Tanz, der ihr Lebensinhalt ist, an die nächste Generation weiterzugeben.

Das Buch ist natürlich auch eine Danksagung an alle Personen und Institutionen, die Birgit Keil auf ihrem Weg unterstützt haben. Dadurch wird stellenweise das Lesen durch die Aufzählung allzu vieler Namen mühsam. Die Persönlichkeit Birgit Keils wird dennoch übermittelt, vor allem durch die vielen, tollen Fotos.

Wiebke Hüster: „Birgit Keil. Ballerina“, Henschel, Leipzig, 2014

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Birgit Keil. Ballerina: Glück ist, wenn auch die Seele tanzt