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studentscorner 01Die vorliegende Bachelorarbeit ist als Bestandsaufnahme (aus dem Jahr 2012) zu sehen, die den freien Tanz in Linz untersucht. Gegenstand der Untersuchung sind einerseits die damals aktuellen, strukturellen Gegebenheiten, die die oberösterreichische Landeshauptstadt für Künstler, insbesondere für Tanzschaffende, bietet und andererseits die Auffassungen von Künstlern und Kulturarbeitern mit Oberösterreich-Bezug hinsichtlich eines entsprechend begünstigten Arbeitsfeldes.*

Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht die Frage, wie Linz als oberösterreichische Landeshauptstadt künftig eine vollwertige „Tanzstadt“ werden kann. Die erstellte Arbeit soll nicht nur einen Einblick in die gegenwärtige Situation von freien Tanzschaffenden aus Oberösterreich geben, sondern auch mögliche Entwicklungsansätze anbieten. Wenngleich diese Arbeit keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, sollen die wesentlichen Grundpfeiler einer Strukturverbesserung für Tanzschaffende und einige Entwicklungsmöglichkeiten für Linz als Tanzstadt hervorgehoben werden.   

Die Arbeit gliedert sich in drei Teile: Theoretischer Teil (Kapitel 1: „Kulturpolitik und öffentliche Mittel“ und Kapitel 2: „Tanz in Linz“), empirischer Teil (Kapitel 3: „Tendenzen der Stellungnahmen“) und Leseteil (Kapitel 4: „Interviews mit Protagonisten des freien Tanzes mit OÖ-Bezug“).  

Im ersten Kapitel „Kulturpolitik und öffentliche Mittel“ wird zuerst ein kurzer Einblick in die Geschichte der österreichischen Kulturpolitik gegeben und in einem weiteren Schritt werden die einzelnen Gebietskörperschaften und die Vergabe von Fördermittel erläutert. Dabei werden die Stadt Linz, das Land Oberösterreich und das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur (BMUKK) auf drei Aspekte untersucht:  

Erstens werden das Leitbild und die darin verankerten kulturpolitischen Ausrichtungen hinsichtlich der Bezugnahme auf freie Kunst- und Kulturschaffende sowie auf die Tanzsparte im Speziellen beleuchtet. Zweitens werden Fördermittel betreffende Schwerpunktsetzungen für freies Tanzschaffen und drittens die tatsächlich vergebenen Fördermittel für Choreografen und Tänzer in Oberösterreich herausgearbeitet. Als Quelle dienen hierfür vor allem die offiziellen Internetauftritte von Stadt, Land und BMUKK. Es ist zu betonen, dass durch die Angabe von Förderbeträgen keineswegs Budgetanalysen beabsichtigt sind, sondern lediglich der Versuch unternommen wird, veröffentlichte Fördermittel für den freien Tanz Oberösterreichs im Überblick herauszuarbeiten.  

Das zweite Kapitel „Tanz in Linz“ bezieht sich vor allem auf das Tanzschaffen in Linz und einige Faktoren, die den freien Tanz in Linz beeinflussen. Es wird auf Institutionen und Initiativen eingegangen, die sich gezielt mit dem Zeitgenössischen Tanz auseinandersetzen. Unter Spielstätten und Aufführungsorte sind jene Orte angeführt, die darstellende Kunst präsentieren und insbesondere für Tanzproduktionen relevant sind. Im Abschnitt „Proberäume, Produktionsorte und die Tabakfabrik“ wird die derzeitige Proberaumsituation in Linz skizziert und weiterführend werden Informationen zur „Tabakfabrik“ gegeben.

Im Anschluss an das zweite Kapitel Tanz in Linz werden in einem gesonderten Kapitel, „Exkurs - Tanz in den Bundesländern“, die wesentlichen Gegebenheiten für freie Tanzschaffende in anderen Bundesländern bzw. Landeshauptstädten Österreichs angeführt.  
Das dritte Kapitel „Tendenzen der Stellungnahmen“ versucht zusammenfassend eine Art Auswertung jener Interviews darzustellen, die mit acht Protagonisten der freien Tanzszene durchgeführt wurden, und soll in Bezug auf den freien Tanz Entwicklungsmöglichkeiten für Linz und Oberösterreich herausarbeiten.  

Im vierten Kapitel „Interviews mit Protagonisten des freien Tanzes mit OÖ-Bezug“ ist die vollständige Transkription der genannten Experten-Interviews eingearbeitet, die die individuellen Anliegen und Perspektiven der Tanzschaffenden zeigen soll.  
Im Sinne eines sozialwissenschaftlichen Verständnisses von Forschung basiert die Untersuchung auf qualitativen Forschungsmethoden. Qualitative Forschung ist als Dialog zu sehen und ist bezeichnend für einen Interaktionsprozess, in dem sich Forscher und Gegenstand verändern (Vgl. MAYRING 2002, S. 32).  

Während der theoretische Teil den Versuch darstellt, bestehende Strukturen und Einflussfaktoren des freien Tanzschaffens (Aktuelle Kulturpolitik, Fördermittel, Institutionen und Initiativen, Spielstätten und Aufführungsorte, Proberäume und Produktionsorte) im Überblick aufzulisten, ist der empirische Teil eine Art Zusammenfassung der Ergebnisse von Experten-Interviews mit acht Tanzschaffenden.  
Diese acht Personen stellen Repräsentanten für die Handlungs- und Sichtweisen der Tanzschaffenden der Freien Szene dar. Sie sind Tänzer und Choreografen und/oder Kulturarbeiter unterschiedlicher Tätigkeitsfelder des Zeitgenössischen Tanzes und weisen einen Bezug zu Oberösterreich – jedoch nicht unbedingt zu Linz – auf.  

Der Oberösterreich-Bezug ist gegeben, wenn die Person in Oberösterreich geboren wurde oder Oberösterreich als Lebens-/Schaffensmittelpunkt gewählt hat bzw. mehrere Jahre in Oberösterreich tätig war. Drei der Befragten können der Freien Szene in Linz zugeordnet werden und fünf haben ihren derzeitigen Lebens- bzw. Schaffensmittelpunkt außerhalb von Linz, vier davon in Wien und eine Person in Brüssel.  

Roidinger1Resümee

Was braucht tatsächlich jemand, der Tanz – zeitgenössischen Tanz – schaffen möchte? Ungeachtet der möglichen und spannenden philosophischen Antworten auf diese Frage, drängt sich die Frage auf, was der Tanz als Kunstform braucht um überhaupt als solche anerkannt zu werden. Der Tanz als ästhetisches Genre, geprägt vom so genannten Konzept-Tanz, hat Einzug in die Wissenschaften gehalten, dennoch bleibt er sowohl in der globalen Kunstszene als auch im globalen Kunstdiskurs beachtlich marginal (Vgl. LEARMANS/MEULDERS in GAREIS/KRUSCHKOVA 2009, S. 104). Und eine dritte Frage sei hier gestellt: Was braucht die Gesellschaft vom Tanz? Der Tanz ist unbeständig und erscheint flüchtig wie die Gesellschaft selbst, dennoch festigt sich sein Wirken – im Erleben des Tanzes, seiner Rezeption und durch deren Reflexion.

Die Arbeit soll ein Beitrag sein, Tanz einmal mehr als Kunstform zu verstehen, seine Voraussetzungen anzuerkennen und seinen fruchtbaren Diskurs anzustoßen - gerade an Orten, die sich seiner Bedeutung nicht ausreichend bewusst sind, jedoch das Potenzial tragen ihn auf ihre Weise weiterzuentwickeln, um sich und ihn - unverwechselbar - zu etablieren.  
Das Bundesland Oberösterreich hat seit vielen Jahren eine Universität, die eine Ausbildung für professionellen Tanz bietet. Deren Absolventen können jedoch die für sie notwendigen Arbeitsbedingungen nicht vor Ort vorfinden. Die Künstler sind gezwungen fortzuziehen, da ihnen selbst die oberösterreichische Landeshauptstadt Linz derzeit weder entsprechende Entwicklungsmöglichkeiten noch dauerhafte Strukturen offeriert. Neben geeigneten Proberäumen und längerfristig angelegten Förderkonzepten fehlen vor allem Angebote für Nachwuchskünstler, die sich nur durch entsprechende Unterstützungsmaßnahmen vor Ort ausprobieren und so zu etablierten Künstlern heranreifen können. Insbesondere das Land Oberösterreich und die Stadt Linz sind gefordert, zeitgenössischen Tanz als eigenständige Kunstsparte und Beitrag kultureller Entwicklung zu sehen und diesen entsprechend und im Speziellen zu fördern. Beispielhaft sind Initiativen in anderen Bundesländern wie etwa die IG Tanz Steiermark, NetzwerkTanz Vorarlberg, szene salzburg einschließlich dem republic und Im_flieger (Wien) zu nennen.  

Mit der Tabakfabrik eröffnet sich ein Areal, das künftig nicht nur Raum für Kunst- und Kulturschaffende unterschiedlicher Sparten bieten soll, sondern sich auf Grund der gegebenen räumlichen Möglichkeiten insbesondere für die Arbeit von Tanzschaffenden eignet. Ähnlich dem Wiener WUK, einem der größten Kulturzentren Europas, erscheint die Tabakfabrik eine einzigartige Möglichkeit, künstlerische Tanzpraxis, Labor und politisches Engagement zu vereinen. Darüber hinaus bedarf es entsprechender Vernetzungsarbeit innerhalb Oberösterreichs sowie Kooperationen mit nationalen und internationalen Institutionen und Künstlern.  

Letztlich erfordert der Bau des neuen Musiktheaters nicht nur die Programmierung von nationalen und internationalen Tanzproduktionen unterschiedlicher Ausrichtung, sondern auch eine entsprechend repräsentative Tanzszene sowie qualitatives Tanzschaffen vor Ort.

* Die Arbeit ist insofern heute nicht mehr ganz aktuell, da sich mittlerweile bezüglich Tanz in Linz und Oberösterreich einiges getan hat.

 

Roidinger2Gerlinde Roidinger, BA BEd

Geboren 1984 im oö Kremstal, Studium des zeitgenössischen Tanzes an der Konservatorium Wien Privatuniversität (MUK Wien) und an der Escola Superior de Danca in Lissabon sowie Studium an der Pädagogischen Akademie (PH Linz) und bei PerformDance in Linz.
Tanz-, Theater und Performanceprojekte seit 2007 in Österreich, Portugal, Estland und der Slowakei, u.a. mit Teresa Ranieri, Hubert Lepka, Sina Heiß, Liis Vares, Ulduz Ahmadzadeh, Jasmin Schaitl und William Costa. 2012 Performance Practice-Teilnehmerin des Festivals „Österreich tanzt“ sowie Mitbegründerin von „tanz.labor.labyrinth“, 2013 tanzwissenschaftliches Förderstipendium der Stadt Wien;

Eigene künstlerische Arbeiten vor allem in Kellern, Foyers und anderen Zwischen-Räumen; seit 2015 Darstellerin in Mein Körper gehört mir sowie Initiatorin von tanztalk – freies Sendungsformat zur Vermittlung von Tanz und Kunst im theatralen, öffentlichen und ländlichen Raum.