KalerDas dreiteilige Programm „Calibrate“ war ein Pilotprojekt des Tanzquartier Wien (TQW) für Absolventen der etablierten Ausbildungsinstitutionen Österreichs am Übergang ins professionelle Leben. Wunderbar! Möchte man meinen, wäre da nicht das Ergebnis … Denn offensichtlich wollte man den jungen Tänzerinnen und Tänzern wohl endlich beibringen, was Tanzen – according to the TQW – NICHT zu sein hat. Nach dieser Definition hat Tanz nur am Rande mit Bewegung zu tun, vor allen Dingen darf er keine sinnstiftende Choreografie haben. Und er darf das Publikum keinesfalls unterhalten.

Paul Wenninger („Trope“) ließ seine Tänzercrew die Bewegungen von Industriearbeitern nachmachen. Die Arbeitsvorgänge liefen parallel auf Bildschirmen, doch die waren in der Distanz kaum erkennbar. Was der Zuschauer sah, war eine Art von Pseudo-Pantomime, bei der die transferierten Bewegungen von den Tänzerinnen und Tänzern kraftlos und ohne Körperspannung imitiert wurden. Würden die Arbeiter ihre Bewegungsabläufe derart intentionslos ausführen, es würde wohl nie ein Haus gebaut, keine Straße repariert, weder Pläne gezeichnet noch Schablonen gefertigt werden. Alix Eynaudis „Justiceforall“ ist ein weiteres Paradebeispiel für die traurige Ratlosigkeit der Performance-Szene. Das Stück ist laut Programmheft von Art brut-Gemälden und Poesie inspiriert. Eine mehrseitige Dokumentation liefert die Bilder und Texte mit denen gearbeitet wurde. Was wir sahen: drei Tänzer bei der Fingermalerei, jeder tanzte ein Solo – aber bitte keinen Bewegungsfluss aufkommen und keinen Ausdruck erkennen lassen. Das Ganze blieb eine beliebige Versuchsanordnung, ohne  Kontext oder roten Faden. Dabei kann das magere Ergebnis von „Calibrate“ nicht auf Zeitmangel zurückzuführen sein. Immerhin wurde bereits im Sommer mit der Arbeit begonnen. (Ich gestehe, dass ich den dritten Beitrag von Ian Kaler, „Screens“ nach etwa 15 Minuten verlassen habe. Bis dahin waren die Tänzer schwer atmend auf Riesenscreens zu sehen.)

Mit solch einem Programm will man den tänzerischen Nachwuchs fördern, der jahrelang intensiv trainiert hat, um Bestleistungen zu erreichen? Und dann lässt man die jungen Tänzer wie ahnungslose Amateure dastehen? (Wenn man freilich an Jérôme Bels „Gala“ denkt, einem der Highlights in der Geschichte des TQW, hinkt dieser Vergleich gewaltig, denn die beteiligten Amateure agierten dort wie Vollprofis.) Und das wird dann als Teil der Erfolgsstory TQW verkauft?

Aber ja, in Wien wird als Erfolg verkauft, was anderswo zumindest einen Hauch von Zweifel aufkommen ließe. Tatsache ist, dass es hierzulande noch immer an denselben Symptomen krankt, wie zu Beginn der zeitgenössischen Tanzentwicklung Anfang der 1980er Jahre: Es gibt keine Compagnien für die Absolventen der zeitgenössischen Tanzausbildungsstätten. Das Experiment wird zum Mainstream erklärt und marginalisiert den Tanz so immer weiter. Das Tanzquartier Wien (TQW) verstärkt diesen Zustand mit einer Programmierung für eine eng definierte Zielgruppe.

Und doch wird das TQW von Politik und von Kollegen der etablierten Presse (die zum Teil auch immer wieder eigene Veranstaltungen dort abhalten) als Erfolg verkauft. Wie kommt man eigentlich dazu, wenn ein Theater mit einer Kapazität für 300 Zuschauer permanent durch Absperrungen um etwa ein Drittel verkleinert wird, und es selbst dann höchstens bei der Premiere gut gefüllt ist? In der zweiten Vorstellung findet man, wie bei „Calibrate“, höchstens noch eine Handvoll Leutchen versammelt. Wo liegt der künstlerische Erfolg? Etwa in dem erwähnten Programm, das die Absolventen der drei Ausbildungsstätten für zeitgenössischen Tanz – MUK Wien, SEAD Salzburg und Bruckneruniversität Linz – wie Dilettanten aussehen lässt?

Kalibriert gehört vielmehr das TQW, das seit seiner Eröffnung vor 15 Jahren eine verfehlte Ausrichtung verfolgt. Selbst eingefleischte Tanzfans haben die Location von ihrem Radar gelöscht, nachdem sie vom Gebotenen mehrmals frustriert wurden. Wer qualitätvollen, zeitgenössischen Tanz sehen will, muss nach St. Pölten pilgern oder auf den Sommer warten, wenn Impulstanz wieder Besucherrekorde vermeldet. Inzwischen sitzen wir weiter mit einem Häufchen Hartgesottener, die schon etwas von einer Sekte an sich haben, in der Blackbox der Halle G.

Nachdem den politischen Entscheidungsträgern offensichtlich egal ist, was inhaltlich passiert, könnte zumindest die Annahme durch das Publikum (=Wahlvolk) ein Kriterium sein. Ist es offensichtlich nicht, sonst würde man nicht seit 2001 zuschauen, wie das Programm maximal ein kleines Grüppchen anlockt und diesen Moloch weiterhin mit Millionen von Steuergeldern subventionieren.

Die Wahl der nächsten TQW-Leitung steht vor der Tür. Mögen die (politisch) Verantwortlichen endlich realisieren, dass es eine Zäsur braucht, um dem Tanz einen Aufschwung zu geben, auch weil die Tanzausbildungen in diesem Land mittlerweile hochkarätig sind. Und es würde wohl auch nicht schaden, das abhanden gekommene Publikum wieder ins Tanzquartier zu locken. Mit „more of the same“ wird das alles nicht gelingen. Sollte der folgende Satz von Mailath-Pokorny in der Ausschreibung für die Neubesetzung der TQW-Intendanz sogar auf Erneuerung abzielen: „Damit die künstlerische Arbeit im Tanzquartier Wien weiter so gut läuft wie aktuell (??? Anm.), muss man sie Veränderungen aussetzen.“