WS Bozen1Tanzen verbindet. Das wissen alle, die es tun, und das beweisen auch vermehrt Studien unterschiedlicher Wissensgebiete, die, unter anderem, den gesundheitsfördernden Aspekt von tanzen untersuchen. In Südtirol hat diese kohäsive Wirkung sogar eine (kultur-)politische Dimension, war doch der „Tanzsommer Bozen“ von Anfang an als ein Projekt geplant, „das alle drei in Südtirol beheimateten Volksgruppen gleichermaßen einbinden und das kulturelle Blickfeld weiten sollte“.

Und so lancierten die beiden Kulturabteilungen der Landesregierung, zusammen mit der Stadtgemeinde Bozen, 1985 „auf Basis des Tanzes eine einzigartige Zusammenarbeit im Kulturbereich“. Das war aus damaliger Sicht bahnbrechend, und das Verbindende über das Trennende zu stellen hat heute wohl nichts an Aktualität eingebüßt.

Die Erfolgsgeschichte des Festivals gibt den damaligen Akteuren Recht. Aus dem kleinen, aber feinen „Ballettsommer Bozen“ ist das heutige „Tanz Bozen“ zu einer der nachhaltigsten und größten Veranstaltungen seiner Art in Europa gewachsen. Das zweiwöchige Festival im Juli hat immer die stilistischen Umbrüche und Neu-Verortungen von künstlerischen Positionen mitgemacht und mitgetragen, konnte für jede Form des Tanzes ein Publikum, und vor allem auch Tänzerinnen und Tänzer gewinnen.winterereise

Noch immer werden die beiden Teile des Festivals von Tanz Bozen / Bolzano Danza unterschiedlichen Institutionen durchgeführt. Die Stiftung Haydn-Orchester richtet unter der künstlerischen Leitung von Emanuele Masi das Performancefestival aus. Die Kurse werden vom Südtiroler Kulturinstitut organisiert.

Sharon Booth, künstlerische Leiterin der Workshops von Tanz Bozen führt den langjährigen Bestand vor allem auf den Rückhalt, den das Festival in der Stadt erfährt und die dort herrschende Atmosphäre zurück: „Ich glaube, dass der einladende Charakter von Bozen in den 35 Jahren, in denen Tanz Bozen existiert, eine große Rolle gespielt hat. Sowohl die Menschen als auch die prachtvolle Naturkulisse der Umgebung verleihen der Kultur, der körperlichen Aktivität und der Vielfalt eine Wärme und Offenheit, die es diesem Festival ermöglicht, über drei Jahrzehnte zu gedeihen. Noch nie habe ich eine so kleine Stadt erlebt, die Tänzer so sehr umarmt, wie ich es in Bozen erlebt habe. Es ist einfach wunderschön!“

duboisDie Aufführungen 2019

Das Performancefestival Tanz Bozen hat immer sehr geschickt agiert und sich für den italienischen Raum seine Alleinstellungsmerkmale durch eine Programmation gesichert, die beinahe ausschließlich aus nationalen Erstaufführungen besteht. Auch heuer stehen zahlreiche „prime nazionale“ und mit „Metamorphosis“ von Vigilio Sieni eine Uraufführung auf dem Programm. Weitere klingende Namen der Ausgabe 2019 sind Angelin Preljocaj, Olivier Dubois, Rachid Ouramdane, Christian Rizzo, Gauthier Dance und Merce Cunningham.floe

Ein Aspekt des „zeitgenössischen Tanzes“ ist die Verlagerung der Aufführungen aus dem Theater an öffentliche Plätze. In den letzten Jahren hat der künstlerische Leiter Emanuele Masi vermehrt auf Veranstaltungsorte außerhalb des Stadttheaters gesetzt, um einerseits den Tanz in kulturell weniger privilegierte Gegenden zu bringen, wie etwa in den Parco delle Semirurali, wo heuer Sylvia Gribaudi auftritt. Die Tanzinstallation „Floe“, eine Zusammenarbeit des französischen Zirkuskünstlers Jean-Baptiste André mit dem bildenden Künstler Vincent Lamouroux, wird auf dem Verdiplatz und auf den Talferwiesen für Aufmerksamkeit sorgen. Der Kapuzinergarten, das Merkantilgebäude und die Handelkammer Bozen werden ebenso zu theatralen Räumen wie das Museion. Dort verschmelzen die Videoinstallation des Künstlerinnenduos Renate Lorenz und Pauline Boudry auf der Fassade mit der Performance der französische Tänzerin und Choreografin Latifa Laâbissi zu „Witches Gestures (Hexengesten)“.

workshops1Diversität als programmatische Konstante: Das Kursprogramm

Für die 35. Ausgabe hat die künstlerische Leiterin Sharon Booth ein vielfältiges Angebot zusammengestellt, das Anfängerinnen und Anfänger einlädt, erste Tanzschritte zu versuchen und Profis vor neue Herausforderungen stellt. Und für jene Boznerinnen und Bozner, oder Bozen-Besucherinnen und Besucher, die in den letzten Jahr(zehnten) ein solides Tanz-„Handwerk“ gewonnen haben, gibt es auch heuer wieder andere, aktuelle Tendenzen zu entdecken. Ob für Erwachsene oder Kinder: Das Kursangebot bietet hochkarätige Tanzerlebnisse. 30 internationale Dozentinnen und Dozenten unterrichten von 14. bis 27. Juli Skills in Bollywood, Afro Caribbean Dance, Lindy Hop, Pilates, Feldenkrais oder Yoga sowie unterschiedliche Spielarten von Steppen, Jazz, Urban Dances, Ballett, Modern und Contemporary Dance bis hin zu Community Dance.

In Bozen tanzen: eines der besten Dinge überhaupt

Auf die schwierige Frage nach den Highlights des diesjährigen Sommerprogramms, fallen Sharon Booth spontan ein paar Neuerungen ein:

„Ich freue mich auf unseren neuen „Family Time Ballet“-Kurs, in dem ein Elternteil, ein Großelternteil, ein älteres Geschwister oder eine Tagesmutter die Kinder (von 7 bis 10 Jahren) in einer Ballettklasse begleiten. Mit Kindern zusammen zu tanzen ist immer so magisch, dass es mich zum Lächeln bringt, mir vorzustellen, wie meine eigene Tochter und mein Ehemann zusammen ein Adagio genießen.Ballet Audrey

Wie immer kommen neue Lehrer zu uns, was oft ein großes Highlight ist. Diesen Sommer kommt Bollywood nach Bozen und ich bin gespannt, wie unser neuer Stil dem Hype um diesen fröhlichen Tanz gerecht wird. Ein weiterer Stepplehrer schließt sich uns an und bringt eine Mischung aus amerikanischem Stepp und kubanischen Rhythmen mit. Ein paar neue Optionen in „Repertoire“ sind ebenso aufregend wie die Entwicklung unseres pädagogischen Programms, eine Erweiterung unseres Angebots an „Golden Age“ -Kursen und natürlich „DanceWorks“. Die Bühnenaufführungen in zwei speziell darauf hin arbeitenden Kursen sind mittlerweile ein Highlight unseres Sommers, dieses Jahr kreieren die beide Choreografen Didier Barbe und Fabrizio Lolli mit Live-Musik und ich habe keinen Zweifel daran, dass die daraus resultierenden Auftritte einfach großartig werden!“

WS BozenSeitdem die Tänzerin und Tanzpädagogin aus Kanada 2016 die künstlerische Leitung des Kursprogramms übernommen hat, hat sie eine Reihe neuer Schwerpunkte gesetzt:

„Es war mir sehr wichtig, die Lücke zwischen der Ausbildung und der professionellen Tanzwelt zu schließen. Mit der Entwicklung des Programms „Onstage Please“, bei dem unsere fortgeschrittenen Teilnehmer die Möglichkeit haben, sich an einem Training von Compagnien des Performance Festivals zu beteiligen, haben wir einen Dialog zwischen jungen Tänzern, professionellen Tänzern, Direktoren und Choreografen eröffnet, die es in Tanz Bozen bisher nicht gab. Darüber hinaus haben wir unser „Repertoire“ -Programm erheblich erweitert, damit fortgeschrittene Tanzschüler berühmte Choreografien erlernen und verstehen können, wie sich die Technik in ein bestimmtes Bewegungsvokabular verwandelt.GoldenAge Sam

Das Einbringen von „Gaga“ war auch eine wichtige Priorität, da diese physische Sprache von Ohad Naharin so roh, einzigartig und für eine Vielzahl von Tanzteilnehmern zugänglich ist. Jeden Sommer ist ein anderer Lehrer gekommen, und immer erreichen die Gaga-Kurse die maximale Kapazität an Teilnehmern.

Ich glaube wirklich, dass Tanz für JEDEN ist. In gewisser Weise sehnen wir uns alle danach „das Tanzbein zu schwingen“ und so führte ich „I“ für inklusive Kurse ein. Das begann erst letzten Sommer und die „I“ -Kurse waren unglaublich vielfältig und diese Vielfalt machte allen große Freude. Alle Altersgruppen, Backgrounds, Erfahrungen und Fähigkeiten waren anwesend. In einem Kurs war eine Frau im Rollstuhl Partnerin einer Solistin des Dresdner Balletts. Wirklich inspirierend zu sehen, wie Kreativität in diesem Austausch von Unterschieden entsteht.

In diesem Sinne hat sich Sharon Booth für die nächsten (35) Jahre zum Ziel gesetzt, die getrennten Bereiche näher zusammenzubringen.

gauthier„Ich würde gerne die Zusammenarbeit zwischen unseren Workshops und den Performance Festival verstärken. In unserem Lehrerteam haben wir so unglaubliche Choreografen und Performer, dass es eine Verschwendung ist, ihre Arbeit nicht auf der Bühne zu präsentieren.

Es ist auch eine Priorität, auf der Vielfalt unseres Programms aufzubauen - konsequent neue Stile und Lehrer einzuführen und gleichzeitig die Kontinuität grundlegender Techniken und geliebter ‚Stammgäste‘ aufrechtzuerhalten… das ist definitiv ein Balanceakt.

Schließlich soll die Atmosphäre der Workshops Tanz Bozen erhalten, ja sogar geschützt werden. In unseren Studios vibriert eine positive Stimmung, die ihresgleichen sucht. Die Lehrer, Musiker und Teilnehmer lernen in diesen zwei Wochen buchstäblich voneinander und bringen bessere Künstler und Menschen hervor. Es mag lächerlich klingen, aber fragen Sie jemanden und er wird dafür bürgen, dass es eines der besten Dinge überhaupt ist, mit uns in Bozen zu tanzen!“

TanzBozen / Bolzano Danza, Festival 12. bis 26. Juli 2019, Workshops 14. bis 27. Juli 2019