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comeback_jaska1Schwer statt schwebend. Die  angesehene ehemalige Solotänzerin Marialuise Jaska feiert ein Comeback. Allerdings nicht alleine. Drei Kolleginnen –Susanne Kirnbauer, Renate Loucky, Violetta Storch und ein Kollege, Percy Kofranek, sind dabei, wenn die junge Choreografin Doris Uhlich deren „Come Back“ auf der Bühne des brut arrangiert. Die monatelange archäologischen Grabungsarbeiten im Gedächtnis der TänzerInnen hat reiche Früchte getragen. Die Uraufführung im Rahmen des steierischen herbst 2012 erntete stürmischen Applaus.

Lang zögern musste Marialuise Jaska nicht, als Doris Uhlich von ihrer Idee erzählte und fragte, ob die ehemalige Solotänzerin an der Wiener Staatsoper (auch Lehrerin, Probenleiterin und Ballettdirektorin am Landestheater Innsbruck) mitmachen würde. Wie ihre Kolleginnen sagte die Jaska gleich zu. Nicht ahnend, was auf sie zukommen würde.

Doris Uhlich ist bei der Verwirklichung ihrer Choreografien und Stücke ebenso gnadenlos und streng wie der Ballettchef Manuel Legris mit seinem Ensemble. Doch wie dieser seine „Kinder liebt“  und väterlich betreut, so empathisch und liebevoll geht auch Uhlich mit ihrem Team um. Ihr das Epitheton „mütterlich“ beizugeben, ist nicht gerade passend, ist doch die international erfolgreiche Tänzerin / Choreografin eher im Alter der Kinder ihres für „Come Back“ zusammengestellten Spitzenensembles.

Dass Marialuise Jaska auch während ihrer aktiven Zeit nicht nur auf sondern auch an der Spitze tanzte, ist unbestritten. Ihre unverwechselbare Persönlichkeit animierte immer wieder ChoreogerafInnen, Rollen für sie zu schaffen: Ruth Berghaus in „Orpheus“, Fred Howald in „Valse triste“, Erich Walter in „Der Golem“, Jochen Ulrich in „Tantz-Schul“ und „An-Tasten“ und auch (damals) junge Choreografen wie Bernd R. Bienert („Ratz-Datz“), Manfred Aichinger („die Hände der Töpferin“) oder der ehemalige Ballettdirektor Renato Zanella, der „Movements“ für die Jaska geschaffen hat. In lebhafter Erinnerung ist auch Marialuise Jaskas Interpretation der Gräfin Capulet in John Crankos „Romeo und Julia“. Keine große Rolle, aber wie die Jaska den Tod ihres Neffen Tybalt betrauerte, ist unnachahmlich, auch wenn es immer wieder versucht wird. Die Frage, ob da mehr war zwischen dem jungen Wildling und seiner Tante, Julias Mutter, beantwortet die Tänzerin mit einem Lachen „Hat man das nicht gespürt?“ Und wie!

Voll Begeisterung hat sie nicht nur gewagt, immer wieder Neues auszuprobieren, vielmehr auch das Alte, Vergangene geschätzt und sich mit der Rekonstruktion von Werken des Ausdruckstanzes (Grete Wiesenthal, Rosalia Chladek oder Gertrud Bodenwieser) beschäftigt. Das klassische Ballett sieht sie dennoch als Basis jeglichen Tanzes. „Wenn man das klassische Ballett abschafft, dann kann man gleich den Tanz abschaffen“, erklärt sie dezidiert. „Früher gab es ja eine Feindschaft zwischen Ballett und Tanz, doch das hat sich zum Glück geändert, die beiden Genres sind zusammengewachsen und das Spektrum ist vielfältiger geworden.“

Weder Ruh’ noch Rast. Inzwischen ist die abendfüllende  Performance „Come Back“ bereits über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt. Brüssel und Rotterdam haben den Abend bereits genossen. Veranstalter in Göteborg, Frankfurt und Berlin haben bereits gebucht. Sie werden nicht die Letzten sein. Auch Tänzerinnen im Ruhestand geben keine Ruhe. „Es war wirklich spannend. Wir haben fast ein Jahr geprobt. Die Doris wollte aus uns etwas heraus locken, was noch kein Mensch gesehen hat. Am Anfang haben wir nur gesprochen, erzählt, uns erinnert. Natürlich haben wir uns gekannt alle vier. Den Kollegen, Tänzer in der Volksoper, mussten wir erst kennen lernen. Wir waren alle mit Feuereifer dabei, auch wenn es manchmal schmerzhaft war, aber letztlich doch erfolgreich.“ Von den seelischen Schmerzen, die so eine peinliche Befragung hervorgerufen hat, erzählt Marialuise Jaska nichts, aber die körperlichen machten ihr und den Kolleginnen schon einiges zu schaffen. „Es war alles gleich wie früher aber doch ganz anders. Eigentlich das Gegenteil. Unser ‚Come Back’ hat ja einen völlig anderen Ansatz als unsere frühere Tätigkeit. Die Doris hat immer unsere Energie sehen wollen. Das war sehr anstrengend. Die Schmerzen haben sich halt verlagert.“ Auch wenn Uhlich tief in den Erinnerungen der TänzerInnen gebohrt hat, so fühlten sie sich niemals bedrängt. „Niemals würde sie etwas weiter geben, was wir ihr erzählt haben. Sie hat einige von unseren Gedanken und Erzählungen schriftlich zusammen gefasst als ,Zugabe’ für das Publikum. Doch da steht nichts drinnen, was uns blamieren könnte oder uns nicht recht wäre.“

Der Mann als drittes Bein. Die Jaska etwa erzählt im Bonusheft von ihrem Umgang mit der Emanzipation: „Die 68-er habe ich verpasst. Das bedaure ich eigentlich nur, was die Frauen-Emanzipationsbewegung angeht. Im Ballett war die Ballerina immer mehr wert als der Ballerino. Der Mann, der die Hauptrolle getanzt hat, war eigentlich nur das dritte Bein der Ballerina. Das änderte sich erst mit Nurejew, der die Rolle des Prinzen radikal aufgewertet hat. Sozusagen eine umgekehrte Emanzipation, auch in den 60er und 70er Jahren.“ Schön war es für die Tänzerinnen, sich an alte Zeiten zu erinnern. Kirnbauer war mit Jaska in einer Garderobe, Loucky saß mit Storch vor dem Schminkspiegel. Da gibt es viele Gemeinsamkeiten und auch manche Unterschiede. „Der Reiz der Arbeit war es schon, wenn wir sagen konnten ‚Erinnerst du dich?’.“ Nicht alle Erinnerungen sind  so schön, um darin zu schwelgen. In Tirol, wohin die Jaska von Dominik Mentha als Ballettdirektorin berufen worden ist, hat sie es nur zwei Jahre ausgehalten. „Am Landestheater Innsbruck war alles wunderbar. Ich durfte machen was ich wollte, solange es das Budget nicht gesprengt hat. Aber ich hatte meinen gesamten Freundeskreis in Wien zurück gelassen. Am Wochenende kraxelten alle auf die Berge und ich saß allein da. Das war traurig.“ Für die harte Arbeit und die Freude, die Marialuise Jaska dem Publikum, nicht nur in Wien und Innsbruck, sondern auch in Havanna, Hamburg oder London, gemacht hat, wurde ihr das Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst verliehen.  Jetzt steht sie wieder auf den Brettern, die solange ihre Welt waren. „Eigentlich ist es auch eine Erholung, von dem was wir nicht mehr wollten“, sagt Marialuise Jaska: „Nicht schwebend sondern schwer. Nicht lautlos sondern laut.“

Doris Uhlich: „Come Back“, Wienpremiere am 16.1., weitere Vorstellunen: 18., 19., 22., 24., 25., 26. Jänner, brut.