ulrichJochen Ulrich verstarb am frühen Morgen den 10. November nach langer, schwerer Krankheit. Der gebürtige Deutsche war in den 1970er Jahren einer der Pioniere für den modernen Tanz in Europa. In den letzten zwölf Jahren hat er in Österreich seine Wirkungsstätte gehabt, zuerst als Ballettchef in Innsbruck (2000 bis 2006) und anschließend in Linz. Darrel Toulon, Ballettdirektor der Oper Graz, war seit vielen Jahren freundschaftlich mit Jochen Ulrich verbunden und schrieb für tanz.at einen persönlichen Nachruf.

Mit dem Tanz-Forum Köln hat Jochen Ulrich 1971 die erste moderne Tanzcompagnie in Deutschland mitbegründet, die er von 1979 als künstlerischer Leiter und Chefchoreograf maßgeblich geprägt hat. Sein Stil hatte sich zwar auf Grundlage des klassischen Balletts entwickelt, ist aber weit über den akademischen Tanz hinausgegangen. Gleichzeitig ist er einer der wenigen Choreografen seiner Generation gewesen, der mit dem Tanz Geschichten erzählen wollte - sehr oft vertanzte er Biografien historischer Persönlichkeiten wie Diaghilev oder Michelangelo. Aber auch Musik und Literatur waren seine Inspirationsquellen.

In Wien waren seine Werke auf Gastspielen mit dem Tanz-Forum Köln zu sehen, an der Wiener Staatsoper brachte er Mauricio Kagels Ballet d'action „Tantz-Schul” 1988 zur Uraufführung. An den Landestheatern in Innsbruck und Linz hat Jochen Ulrich den Tanz nachhaltig als gleichberechtigte Sparte etablieren können. Das Linzer Theater und sein Publikum wird Jochen Ulrich schmerzlich vermissen. Die Tanzwelt hat einen visionären Künstler verloren.

Zum Tod von Jochen Ulrich schrieb Darrel Toulon, Ballettdirektor der Oper Graz, einen persönlichen Nachruf.

„Der Tod Jochen Ulrichs hat mich tief betroffen.

Jochen Ulrichs Beziehung zu Graz reicht bis in die Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts zurück, als während der Intendanz von Carl Nemeth im Herbst 1988 Mauricio Kagels „Tantz-Schul” als Gastspiel des Balletts der Wiener Staatsoper in der Oper Graz zu sehen war. Nemeths Nachfolger Gerhard Brunner lud Ulrich im April 1991 ein, für Tänzer des Balletts der Grazer Oper Luciano Berios „Folk Songs” zu choreographieren. Während der Intendanz von Karen Stone habe ich in meiner ersten Saison als Ballettdirektor in Graz Jochen Ulrich eingeladen, bei einer Sonderveranstaltung anlässlich des Welt-AIDS-Tages 2001 mit zwei Tänzern aus Innsbruck mitzuwirken. Es folgten eine Gala im Schauspielhaus mit anderen österreichischen Ballettdirektoren wie Peter Breuer, Renato Zanella und Giorgio Madia, und noch heute bin ich Jochen Ulrich dafür dankbar, dass er mir aus seiner Innsbrucker Truppe in kollegialer Weise Enrique Gasa Valga kurzfristig zur Verfügung gestellt hat, damit meine Premiere von „Dornröschen” stattfinden konnte. Letztmals in Graz war er 2008 im Rahmen der AIDS-Gala im Schauspielhaus tätig.

Länger als Jochen Ulrichs Beziehung zu Graz reicht meine persönliche Verbindung zurück, hat er mir doch 1987 in Köln mein erstes Engagement als Tänzer gegeben. Sein Vertrauen in mich hat sich darin gezeigt, dass er mir sowohl im Tanz, aber auch in Schauspielproduktionen große Aufgaben zugedacht hat. In all den kommenden Jahren ist Jochen Ulrich mein künstlerischer Mentor gewesen, der mich zu meiner ersten Choreographie ermutigt hat: „La Mesa” für die Compania Coreoarte in Venezuela, was ich später auch für das Tanz-Forum Köln erarbeiten durfte. Aber auch in Katrín Hall und Richard Wherlock hat er das choreographische Potenzial erkannt, und beide haben auch in Graz gearbeitet: im April 2001 erarbeitete Richard Wherlock, gegenwärtig Ballettdirektor am Theater Basel, in der Oper Graz Arnold Schönbergs „Verklärte Nacht”, und während ihrer Zeit als Künstlerische Leiterin der Icelandic Dance Company choreographierte Katrín Hall „Heat” auf der Probebühne des Grazer Schauspielhauses.

Jochen Ulrich stellte aber auch den Kontakt zu Roberto Ciulli am Theater an der Ruhr her, wo ich mich als Schauspieler und Choreograph weiterentwickeln konnte. Und als Schauspieler habe ich den Weg nach Graz gefunden – im Dezember 1997 im Schauspielhaus in „Liebe! Stärke! Mitgefühl!”. Seit ich mein Engagement als Ballettdirektor in Graz angetreten habe, vertiefte sich die kollegiale Freundschaft, die in einer Einladung, für seine Linzer Truppe zu choreographieren, gipfelte.

Wie sich die Tanzkompanie der Oper Graz derzeit präsentiert, ist Jochen Ulrichs stilbildendem Einfluss zu verdanken. Seine Art, über Tanz nachzudenken und Gefühle zu kommunizieren, hat mich und meine Arbeit nachhaltig geprägt. Durch ihn habe ich gelernt, der Individualität im Ensemble und der Kreativität des einzelnen den notwendigen Raum für die persönliche Entwicklung zu geben, zu fordern und zu fördern. Für all das und für die vergangenen 25 Jahre bin ich ihm zutiefst dankbar.”

Ein ausführlicher Nachruf ist auch in den Oberösterreichischen Nachrichten erschienen.