kirillarlesienneKrill Kourlaev muss sich als Frédéri in Roland Petits Ballett „L’Arlesienne“ zu Tode tanzen. Und fast gelingt das schon bei den anstrengenden Proben. Nicht nur das, er muss auch gegen seine innere Überzeugung tanzen. Frédéri liebt eine ferne Schöne, aber nicht seine Braut Vivette. Diese aber wird von Maria Yakovleva getanzt, der Kourlaev außerhalb der Bühne innigst verbunden ist.

Als rasender Derwisch fegt er über die Bühne, ein närrischer Kreisel, der die Bühne sprengen will. Die Beine spannen sich im Sprung, die Arme rotieren, der Körper dreht sich in der Luft. Hier tobt ein Besessener und findet kein Ende. Immer wilder werden die Drehungen, immer hemmungsloser die Sprünge, Schweiß tropft von der Stirn, die Muskeln zittern, ein letzter Sprung, der Kopf fällt zurück, der Körper zu Boden. Frédéri, der provencalische Bauernsohn, hat sich zu Tode getanzt und Kirill Kourlaev, Solotänzer des Wiener Staatsballetts, ist ebenfalls dem Tod näher als dem Leben. „Die Rolle ist so anstrengend, dass ich mich am Ende fühle, als wäre ich wirklich tot.“ Der Vorhang fällt, der Applaus brandet auf und macht den Wiener aus Moskau wieder lebendig.

Für den Schöpfer der Erzählung von der schönen Arlesierin, die, „ganz in Samt und Spitzen“ Jan am Jahrmarkt von Arles flüchtig begegnet, Alphonse Daudet, ist der Tod des unheilbar Verliebten weit weniger spektakulär: „Ein Fenster, das sich öffnet. Das Aufschlagen eines Körpers auf den Steinen des Hofes. Das ist alles…“ Später hat Daudet die lakonische Geschichte zu einem Theaterstück ausgeweitet. Georges Bizet, der die teils melancholische, teils mitreißende Bühnenmusik komponiert hat, ist es zu verdanken, dass der Bericht vom unausweichlichen Ende einer Amour fou auch nach 150 Jahre noch erschüttert. Der im Vorjahr verstorbene französische Choreografen Roland Petit ließ die Arlesienne – oder eher den unglücklich Verliebten als Frédéri wieder auferstehen. Wie in Daudets Tragödie ist die schöne Arlesierin auch im Ballett nicht zu sehen. Sie existiert lediglich in Frédéris Fantasie, hat von ihm Besitz ergriffen wie ein böser Geist. Petit verzichtet auf die Vorgeschichte, konzentriert sich ganz auf das Ende. Frédéri hat scheinbar die Aussichtslosigkeit seiner Liebe eingesehen und eingewilligt, seine Jugendfreundin, die reizende Vivette (Maria Yakovleva), zu heiraten. Die Hochzeit ist für den Festtag des Hl. Eligius (St. Éloi) angesetzt, der in der Provence alljährlich mit prächtigen Umzügen begangen wird. Er kann sein Versprechen nicht halten. Während das Volk feiert, taumelt Frédéri in den Tod. Nicht nur um eine Liebesobsession geht es in Petits Ballett, sondern auch um das uralte Thema der Besessenheit vom Tanz.

Kirill Kourlaev, der die furiose Hauptrolle tanzt und spielt, ist allerdings kein Besessener, eher ein junge Mann, der mit beiden Beinen auf dem Boden bleibt, auch wenn er auf der Bühne zu spektakulären Sprüngen abhebt. Ein Sonnyboy mit blondem Haarschopf, strahlend blauen Augen und einem ansteckenden Lachen. Kein Mirakel, dass die Erste Solotänzerin Maria (Mascha) Yakovleva diesem charmanten Jüngling erlegen ist. Im vergangenem Sommer wurde in Wien geheiratet: „Eine richtige russische Hochzeit. Mit 160 Gästen, in der russischen Kirche und einem Fest im Palais Auersperg.“ Ob das nicht die Liebe alltäglich macht, wenn man Tag und Nacht beisammen ist? „Keine Gefahr. Wir haben so viele unterschiedliche Termine und auch andere Interessen. Aber es ist auch wunderbar, dass wir zu Hause miteinander diskutieren und gemeinsam etwas ausprobieren können. Wir lernen immer wieder voneinander.“

Für die „Arlesienne“ dürfte Probenleiterin Alice Necsea, die zur Zeit mit den beiden Protagonisten des Dramas, Kourlaev und Yakovleva, an den letzten Feinheiten arbeitet, aber ruhig ins Wohnzimmer kommen: Zwei glücklich Liebende im Privatleben, tanzen zwei unglücklich Liebende auf der Bühne. Yvette, die Braut, die nie geheiratet wird, liebt ja ihren Fédéri und tut alles, ihm das zu zeigen, hängt an ihm wie eine, zugegeben zierliche, Klette. Doch Frédéri hat nur die ferne Angebetete im Kopf: „Ich muss meiner Bühnen-Partnerin klar machen, dass ich sie nicht liebe, das ist gar nicht so leicht, wenn es doch die geliebte Lebenspartnerin ist.“ Hat doch Mascha Yakovleva nicht nur als verschmähte Braut Yvette sondern auch als Dornröschen oder Sylphide das süßeste Lächeln aller Ballerinen. Dass Frédéri darauf verzichtet, muss an der stechenden provencalischen Sonne liegen, die die Luft glühend vibrieren lässt und die Menschen in den Wahnsinn treibt. In seinem Bühnenbild erinnert René Allio auch an einen realen Bewohner von Arles, dem sich ebenfalls der Geist verwirrte: Vincent van Gogh.

Wie viele russische Kinder war auch Kirill in der Tanzschule. „Tanz hat ja in Moskau einen ganz anderen Stellenwert als hier und deshalb auch ein anderes Niveau. Wir gehen alle zumindest in Volkstanzgruppen, alle kennen die Namen der Solotänzerinnen und Tänzer und grüßen sie auf der Straße.“ Mit 16 Jahren ist er nach Österreich gekommen, um am Ballettkonservatorium St. Pölten zu studieren. Keine leichte Zeit:  „Ich konnte nicht Deutsch, niemand war da, mit dem ich reden konnte. Ich war ein Teenager, der sich nach Freiheit sehnte und war im Internat eingeschlossen.“ Nach einem Jahr durfte er die Gefängnismauern überspringen. Die Familie des Direktors des Europa Ballettkonservatoriums St. Pölten (Michael Fichtenbaum) nahm den jungen Kirill bei sich auf, vom gleichaltrigen Sohn lernte er schnell sein inzwischen exzellentes Deutsch. Nach dem letzten Schliff in der Ballettschule der Staatsoper, ging es stetig nach oben: Elevenvertrag, Aufnahme in die Compagnie des heutigen Wiener Staatsballetts und schließlich 2009 das Avancement zum Solotänzer.

Die Rollen der Bösen (Tybalt in „Romeo und Julia“, Hilarion in „Giselle“, der eiskalte Ehemann von „Anna Karenina“) scheinen ihm auf den Leib geschrieben und eine, das unnachahmliche „Schicksal“ in Patrick de Banas „Marie Antoinette“, ist es tatsächlich. „De Bana war mit Manuel Legris in Wien, als dieser vor seinem Direktionsantritt die Compagnie besuchte. Er hatte bereits den Auftrag für ein neues Ballett und fragte mich, ob er die Rolle für mich erfinden dürfte.“ Wer sagt da nicht freudvoll „Ja“? Kourlaev hat sich die Rolle des unabwendbaren Schicksals der armen österreichischen Königin ganz zu Eigen gemacht und mit einer Intensität gestaltet, die das Publikum (auch bei einem Gastspiel in Versailles) schaudern ließ. Eine andere Besetzung für diese schwer zu tanzende Figur wird kaum zu finden sein. Fulminanter Tanz und großartige Schauspielkunst sind keineswegs Kourlaevs einzige Stärken.

Die klassischen Prinzen allerdings interessieren Kirill Kourlaev gar nicht. „Die sind doch langweilig. Personen, die auch eine Geschichte haben, einen Charakter darstellen, tanze ich lieber.“ So böse findet er seine Paraderollen ohnehin nicht: „Der Tybalt ist eben ein Hitzkopf, der sich ganz im Recht fühlt und der Hilarion, das ist doch ein armer Tropf, ein verschmähter Liebhaber.“ Auch Hilarion tanzt sich zu Tode, allerdings nicht freiwillig. Da stecken die Waldgeister Willis, gefallene und betrogene Mädchen, dahinter. Fédéri wirft sich dem Tod in selbst gewählter Raserei in die Arme.

Roland Petit / Georges Bizet: „L’Arlesienne“ im Rahmen von „Meisterwerke des 20. Jahrhunderts“, gemeinsam mit „Suite en Blanc“ von Serge Lifar und „Before Nightfall“ von Nils Christie. Premiere an der Staatsoper: 12. Februar 2012. Weitere Vorstellungen: 13., 19. 20., 25.2., , 3.3. 2012.

Das Portrait von Kirill Kourlawev ist in gekürzter Fassung am 3. Februar im Schaufenster der Tageszeitung „Die Presse“ erschienen.