images/tanzlogov1.png

Alba4Nach vier Jahren Community-Tanz-Projekten in Südtirol war es diesen Juli soweit: Das erste Mal organisierte das Community-Team ein inklusives Tanzcamp. Über 30 einheimische und geflüchtete Kinder und Jugendliche aus 11 Nationen erarbeiteten mit „Franchir la nuit“ und „Alba“ zwei sehr unterschiedliche Stücke und lernten noch viel mehr als nur kreative Bewegung…

Bereits die vergangenen Ausgaben der Südtiroler Community-Dance-Academy fanden großen Zuspruch. 2018 kreierte ein Choreografinnen-Team um Martina Marini und Elfi Troi in zwei Wochen Sommercamp das Stück „Brücken bauen“. Von Livemusik begleitet, gespielt vom Haydn-Orchester und arrangiert vom Dirigenten Roberto Molinelli, war das Resultat im August 2018 auf der Bühne des Walther-Hauses in Bozen zu sehen.

Aufgrund der qualitätsvollen Resultate der Südtiroler Community-Initiative bot die Festivalleitung von Tanz Bozen eine Zusammenarbeit für das Festival 2019 an, um dabei gemeinsam mit dem französischen Choreografen Rachid Ouramdane sein Migrationsstück „Franchir la nuit“ zu erarbeiten.

Während „Franchir la nuit“ für die große Bühne des Bozner Stadttheaters geplant war, entstand „Alba – Vom Schatten ins Licht“ für die weitläufige habsburgische Festungsanlage Franzensfeste im Eisacktal bei Brixen. Es sollte ein Begehungsstück werden, bei dem verschiedene Orte der Festung bespielt werden und das bildende Kunst, die im Rahmen der Ausstellung „50x50x50“ zur zeitgenössischen Kunst aus Südtirol zu sehen ist, miteinbezieht.

Eine fertige Choreografie und eine, die entstehtOuramdane2

Neu war, dass eine der Arbeiten („Franchir la nuit“) sich bereits als fertige Choreografie präsentierte. Der Community-Idee entsprach indes eher die zweite Arbeit „Alba“, bei der durch Impulse, Themen, Anregungen in den 30 jugendlichen Tänzern das eigene Potential geweckt werden sollte. Aus deren Ideen gestaltete das fünfköpfige Choreografinnen-Team um Martina Marini acht Szenen für sechs Ausstellungsräume und ein leeres Lagergewölbe der Franzensfeste.

Ouramdane 1Für „Franchir la nuit“ ist Sabrina Fraternali, eine der Choreografinnen, drei Tage zu Proben und Aufführung nach Frankreich gereist, um den Erarbeitungsprozess zu verfolgen. Nach dem Wunsch des Choreografen Ouramdane sollten Flüchtlinge eingebaut werden und das war für das Team eine Herausforderung. In Südtirol fehlt es an Erfahrung mit ähnlichen Projekten. Nachdem sich über die üblichen Kanäle, wie zu erwarten war, ausschließlich einheimische Jugendliche meldeten, war es notwendig, über andere Wege direkt mit Flüchtlingen oder Menschen mit Migrationshintergrund in Kontakt zu treten, mit Koordinatoren, interkulturelle Mediatoren oder Ehrenamtliche der verschiedenen Flüchtlingsstrukturen.

 Viele der Teilnehmer waren minderjährige Flüchtlinge aus Afrika, Asien und Südamerika, die erst seit wenigen Monaten in Südtirol leben. So gab es mit den einheimischen TeilnehmerInnen erstmals eine bunt gemischte inklusive Gruppe.

Die Gruppe mit zunächst 35 Personen changierte allerdings bis zuletzt und brachte auch Unsicherheit. Schließlich startete am 8. Juli das Camp mit 30 Jugendlichen, davon hatten einige Migrationshintergrund, doch der größte Teil waren Flüchtlinge. 21 stammen nicht aus Südtirol. Sie waren zwischen 10 und 19 Jahre alt. Doch blieb auch während der ersten Woche die Sorge bestehen, dass die Gruppe auseinanderfallen könnte.Ouramdane3

Flüchtlinge aus 11 Nationen und mehrere Abenteuer

Ein weiteres Abenteuer war es, den Flüchtlingen aus 11 Nationen das Projekt nahezubringen bzw. nicht nur Grundregeln des szenischen Arbeitens (Präsenzübungen, Gruppenwahrnehmung, Focus u.Ä.) zu trainieren, sondern auch das Zusammenleben im Heim des Herz-Jesu-Instituts in Mühlbach im Pustertal. Das geistliche Institut (Schule, Heim und Kloster) war bereits zum dritten Mal idealer Unterkunftsort für das Sommercamp der Community Dance Academy und angesichts der gefürchteten Bozner Hitze eine Art kühlender Sommergarten.

Ouramdane5Die meisten der Flüchtlinge hatten keine Erfahrung mit zeitgenössischem Tanz und waren noch nie zuvor in einem Theatersaal. Es war für viele zunächst nicht besonders wichtig aufzutreten, so dass manche vor der Generalprobe meinten, es reiche für heute und sie wollen zurück in die Unterkunft – zum Erschrecken der Choreografinnen. Ein großes Glück für das Team war es, dass zwei der volljährigen Teilnehmer, Saeed aus dem Iran und Achraf aus Marokko, sich als sehr hilfreich erwiesen bei der Betreuung und bei der Motivierung der Jüngeren.Ouramdane4

Eine zusätzliche Herausforderung war es schließlich, dass das „Franchir“-Projekt unter Anleitung von Rachid Ouramdane sehr viel Energie und Aufmerksamkeit von allen abverlangt hatte. “Alba“ war inhaltlich bereits nach der ersten Woche im Wesentlichen erarbeitet worden. Die internationale Koproduktion nahm aber fast die gesamte zweite Woche in Anspruch mit Kostümproben, Proben mit den vier Tänzern der CCN2-Kompanie von Rachid Ouramdane, Generalprobe usw. „Franchir la nuit“ erlebte am 19. Juli im Stadttheater Bozen vor ca. 800 Zuschauern seine Italien-Premiere (siehe dazu auch Kritik auf tanz.at). Das Community-Team hatte allen Grund stolz auf die jungen Tänzerinnen und Tänzer zu sein. Sie bestanden die Feuertaufe mit Bravour, noch dazu unter erschwerten Bedingungen, spielten sie doch auf einer Bühne, die unter Wasser stand.

Alba2„Alba – Vom Schatten ins Licht“ für die Franzensfeste

Die Gruppe war zwar ziemlich müde, aber durch die große Aufmerksamkeit, die sie erfuhr, gleichzeitig stimuliert. Die Proben tags darauf in der Franzensfeste gestalteten sich als mühsam. Die Konzentration litt und die Wiederaufnahme der Tanzszenen erforderte große Anstrengungen von allen. Die Generalprobe lief auf halber Energie. Dafür wurde am nächsten Tag, dem Aufführungstag (21. Juli), eine weitere Probeneinheit eingelegt und noch ein kompletter Durchlauf. Das Stück bewegte sich in einer Stunde durch einen großen Teil des Gebäudekomplexes. Neben den Gruppentanzszenen gab es eine Gesangseinlage des iranischen Teilnehmers Saeed. Bei der Aufführung wuchsen die Jugendlichen über sich hinaus. Trotz des dichtgedrängten Publikums, das mit den jungen TänzerInnen in Tuchfühlung ging, zeigten sich diese an diesem Abschlusstag konzentriert bis zum Schluss und ernteten von den etwa 120 ZuschauerInnen ihren wohl verdienten Applaus.Alba1

Community-Team der Südtiroler Tanzkooperative

Das kreative Team bestand aus Südtirolerinnen und Südtirolern mit Sabrina Fraternali, Anastasia Kostner, Iosu Lezameta, Martina Marini und Sarah Merler, während Ewald Kontschieder das Projekt koordinierte. Für das Konzept war außerdem Elfi Troi mitverantwortlich, die seit Beginn mitarbeitet und im Vorfeld mitgeplant hatte. Es war übrigens ein doppelter Vorteil, dass mit Iosu Lezameta ein tanzender Mann dabei war, der selbst Migrationshintergrund hat. Er stammt ursprünglich aus dem Baskenland, lebt aber seit den 1990er Jahren in Südtirol.

Alba3Nebenbei gab’s noch einiges an Mehrsprachigkeit zu lernen, die Umgangs- und Trainingssprachen wechselten zwischen Italienisch und Englisch, manchmal waren es Deutsch und Französisch, aber es gab noch weitere 10 bis 12 Sprachen in den Räumen des Herz-Jesu-Instituts zu hören, wo alle zwei Wochen lang gemeinsam trainierten und lebten.

Letztendlich eine große Herausforderung für alle, aber eine außerordentlich tolle und bereichernde Erfahrung! Die jungen Leute haben sich – manche trotz anfänglicher Skepsis – voll eingelassen und gleich zwei Stücke bravourös gemeistert. Einige würden gerne wiederkehren. Viele erzählten, dass sie sich wie in einer Familie gefühlt hätten.

Der Autor des Beitrags, Ewald Kontschieder, ist Gründer und Projektleiter der Community Dance Academy. Info: http://communitydance.it