Dirtl iconWilly Dirtl, ehemaliger Erster Solotänzer des Wiener Staatsopernballetts und Ehrenmitglied der Wiener Staatsoper, ist am 17. Juli 2019 im 89. Lebensjahr in Kitzbühel gestorben. Am 4. März 1931 in Hennersdorf/NÖ geboren, trat Willy Dirtl nach Absolvierung seiner Ausbildung an der Ballettschule der Wiener Staatsoper 1948 in das Staatsopernballett ein.

Zu seinen LehrerInnen zählte neben Willy Fränzl und Erika Hanka auch seine Tante Risa Dirtl. 1951 avancierte er zum Solotänzer, von 1954 bis 1970 war er Erster Solotänzer.

Zwei Jahrzehnte war das Wiener Staatsopernballett geprägt vom Charisma der „Wiener Tanzlegende“ Willy Dirtl. International gesehen konnte kaum ein anderer Tänzer seiner Generation ein derart weit gespanntes Rollenrepertoire aufweisen wie das „Naturtalent“ Willy Dirtl. Beispiel für seine Vielseitigkeit ist jene herausragende Premiere, die das Wiener Staatsopernballett im November 1955 anlässlich der Wiedereröffnung des Hauses am Ring darbot. In seiner unnachahmlichen Weise verkörperte Willy Dirtl an diesem Abend zweimal den tragischen Helden: Zum einen den Herzog Albrecht in Gordon Hamiltons Fassung des romantischen Balletts „Giselle“, zum anderen die Titelfigur in Erika Hankas Ausdrucksballett „Der Mohr von Venedig“. Nach Hankas Tod konnten die Ballettchefs Dimitrije Parlić, Aurel von Milloss und Wazlaw Orlikowsky wie auch GastchoreografInnen von den Fähigkeiten dieses „Ausnahmetänzers“ künstlerisch profitieren.

Willy Dirtl begeisterte sein Publikum mit einem Rollenrepertoire, in dem alle Facetten des Balletts seiner Zeit vertreten waren. Die Skala reichte von griechischen Helden bis zu Wiener Vorstadttypen. Genannt seien Prinz in „Der Feuervogel“, Jüngling in „Das Rondo vom Goldenen Kalb“, Goldener Sklave in „Scheherazade“, Daphnis in „Daphnis und Chloe“, Tiger und Faust in „Abraxas“, die Titelrolle in „Don Juan“, Joseph in „Josephs Legende“, Cancan-Tänzer in „Der Zauberladen“, die Titelrollen in „Geist der Rose“ und „Joan von Zarissa“, Sedlmeier in „Hotel Sacher“, die Titelrolle in „Der wunderbare Mandarin“, Perseus in „Medusa“, Odysseus in „Homerische Symphonie“, Mohr in „Petruschka“, Boas in „Ruth“, Tancred in „Le Combat“, Tybalt in „Romeo und Julia“, Prinz Kalaf in „Turandot“, Mars und Uranus in „Die Planeten“, die Titelrolle in „Marsyas“, Prinz Désiré in „Dornröschen“, Prometheus in „Die Geschöpfe des Prometheus“, Pulcinella in „Salade“, Müller in „Der Dreispitz“, Mensch in „Einöde“, Basil in „Don Quixote“ und die Titelrolle in „Der Pagodenprinz“. Zu seinen Rollen auf der Seebühne der Bregenzer Festspiele zählten die Prinzen-Rollen in „Schwanensee“ und „Der Nussknacker“ sowie die Titelrolle in „Die Irrfahrten des Odysseus“. Auslandsauftritte absolvierte er in der Schweiz, in Deutschland, Italien, Schweden, Dänemark, Jugoslawien und Japan sowie in New York.

Lange Zeit Wunschkandidat Romola Nijinskis für die geplante Verfilmung des Lebens ihres Mannes Wazlaw Nijinski, trat Willy Dirtl später als Choreograf zahlreicher Spielfilme sowie des Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker in Erscheinung. An der Seite von Werner Krauß agierte er in dem Fernsehfilm „Das verräterische Herz“. Ein Bühnenunfall zwang Willy Dirtl, 1970 seine Karriere zu beenden. Seinen Platz als einer der prominentesten Wiener Tänzer des 20. Jahrhunderts aber hatte er sich zu diesem Zeitpunkt längst gesichert. Die Wiener Staatsoper ehrte ihn 1992 durch die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft.