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Royston2Royston Maldoom – durch den Film „Rhythm is it!“ schlagartig berühmt geworden – ist ein Ausnahmechoreograf, der begeistern kann. Da werden pubertierende Halbwüchsige, – nein, nicht gerade zu Lämmern, aber zumindest zu disziplinierten Mitarbeitern. Sie lernen nicht nur Tanzbewegungen, sondern auch soziales Verhalten, gewinnen Selbstsicherheit und Konzentrationsfähigkeit. Von 13. bis 18. Juli leitet Maldoom beim Festival Tanz Bozen einen Intensivworkshop über „Community Dance“.

„Ich arbeite nicht besonders gerne mit Teenagern aus schwierigen Verhältnissen. Ich halte diese Arbeit nur für besonders wichtig“, sagt Royston Maldoom. „Es ist nicht einfach jemandem zu erklären, wie man einen Raum voller aufsässiger Halbwüchsiger motiviert. Forschungen haben bewiesen, dass es die Persönlichkeit des Lehrers, des Choreografen, des Leiters ist, die zählt. Es ist wichtig, dass man ehrlich ist, seine Gefühle und Reaktionen wie Freude, Enttäuschung, Frustration zeigt und gleichzeitig immer bekräftigt, dass man fest an ihre Fähigkeiten glaubt.“ Man dürfe auch ruhig verletzlich sein. „Man ist angreifbar, wenn man vor einer Gruppe von Studenten steht. Was ist, wenn sie deine Idee nicht mögen? Vielleicht finden sie die Choreografie nicht gut. Man sollte sich nicht scheuen zu zeigen, dass man unsicher ist und Fehler macht, auch wenn man sein Bestes gibt.“

Der zuvor erwähnte Film aus dem Jahr 2004 hat die Empathie des Choreografen mit seinen Schützlingen eindrucksvoll dokumentiert. Simon Rattle, künstlerischer Leiter der Berliner Philharmoniker hat mit dem „Education Programme“ eine für Top-Orchester damals unübliche Initiative gesetzt, die die Hochkultur aus ihrem elitären Kreis herausholte und einem jungen und bislang kulturell weitgehend ungebildeten Publikum Zugang zu den musikalischen Meisterwerken eröffnete. Wie kann es etwa Strawinskis „Frühlingsopfer“ besser erleben, als durch eine direkte, körperliche Erfahrung? Und wer könnte 250 Kinder und Jugendliche aus unterschiedlichen sozialen Milieus dazu besser motivieren und anleiten als einer der Pioniere der „Community Dance“-Bewegung in Großbritannien, der Choreograf Royston Maldoom? Seit „Rhythm is It!“ ist unter diesem unübersetzbaren Begriff ist eine Vielzahl von Projekten entstanden, die versuchen über den künstlerischen Tanz gesellschaftliche Prozesse in Gang zu bringen oder zu unterstützen. So unterschiedlich diese Initiativen auch sein mögen, ihnen allen liegt die Überzeugung zugrunde, „dass Tanz etwas verändern könnte“, wie Maldoom in seinem Buch „Tanz um dein Leben“ schreibt.

„Vom Bauernburschen zum Künstler"

Und das hat der mittlerweile vielfach Ausgezeichnete und mit dem Order of the British Empire Geadelte ja schließlich auch selbst erfahren. Royston Maldoom arbeitete in der Landwirtschaft, als ein Kinobesuch sein Leben veränderte. Er sah einen Tanzfilm mit Rudolf Nurejew und Margot Fonteyn und beschloss seine Berufspläne, nämlich Bauer zu werden, zugunsten des Tanzes über Bord zu werfen. Keine leichte Entscheidung, doch der damals 22-Jährige bewies Mut zum Risiko, schrieb sich in einer lokalen Ballettschule ein und machte inmitten einer Schar von viel jüngeren Mädchen erste Tanzerfahrungen bevor er nach London ging, um professioneller Tänzer zu werden. In den frühen 1970er Jahren begann er zu choreografieren und entdeckte darin seine Berufung. Besonderen Einfluss hatten auf ihn die Wiener Emigrantinnen Stella Mann und Hilde Holger. Der internationale Durchbruch gelang ihm, als der 1975 den damals wichtigsten internationalen Choreografie-Wettbewerb in Bagnolet gewann. In der Folge kreierte er Stücke für renommierte Ensembles wie das Scottish Ballet, das Dance Theatre of Harlem (New York) oder das Ballet de San Marco in Peru.Royston3

Als er aus persönlichen Motiven in die kleine Gemeinde Fife in Schottland übersiedelte, veränderte sich sein Berufsprofil. Professionelle Tänzer gab es nicht, also begann er Kurse für Laien zu geben und mit ihnen seine choreografischen Ideen umzusetzen. Damit war er so erfolgreich, dass er 1980 von einer engagierten Beamtin der lokalen Kulturbehörde als residenter Tanzkünstler angestellt wurde. Damit wurde Royston Maldoom zu einem Pionier der Bewegung, die als Community Dance bald weite Kreise zog, zuerst in Großbritannien, danach international. Heute steht der Begriff für Integration und Inklusion. Community Dance geht von der Überzeugung aus, dass jeder Mensch tanzen kann. Bei solchen Produktionen stehen Schulkinder, Senioren, Obdachlose, Flüchtlinge, Insassen von Gefängnissen und Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt mit professionellen Tänzern auf der Bühne.

„Für mich bedeutet Community Dance inzwischen, zu jeder Zeit, an jedem Ort und mit jedem zu tanzen.“ Es gälte „nicht das Trennende zwischen Menschen zu betonen, sondern das Verbindende hervorzuheben“, sagt Maldoom, der mittlerweile als weltweit gefragter Choreograf und Pädagoge Tanzprojekte in Europa, Asien, Südamerika und Afrika realisiert.

Royston1Fordern und födern, doch nicht kritisieren

Maldoom ist davon überzeugt, dass jeder Teilnehmer bei seinen Projekten ein großes Potenzial hat, und das fordert er für die künstlerische Tätigkeit ein. „Mein Ansatz verbindet körperliche und emotionale, kreative und soziale Anforderungen, damit jeder Tänzer etwas Neues für sich entdecken kann“, sagt er. Dabei fasst er seine Tänzer keineswegs mit Glacé-Handschuhen an. „Man muss Kinder fordern!“ Gleichzeitig dürfe man sie nie kritisieren, wenn sie etwas bewegungstechnisch nicht schaffen. „Wenn überhaupt kann man sie nur kritisieren, wenn man meint, sie könnten es besser oder wenn es ihnen an Respekt gegenüber sich oder anderen mangelt.“

Obwohl er choreografische Themen oft aus dem soziokulturellen Umfeld seiner Tänzergruppe wählt, versteht er seine Arbeit nicht als Therapie oder Sozialarbeit. Sie mag sozial integrativ oder therapeutisch wirken, weil sie Menschen in Randsituationen in eine Position der Kontrolle und Eigenverantwortung bringt und daher ihr Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen stärkt. Im Mittelpunkt steht bei Royston Maldoom jedoch immer der künstlerische Akt. „Ich verlange immer nur, das zu tun, was das Stück, den Tanz, am besten macht. Das ist das ganze Geheimnis. Ich kümmere mich nicht darum, wo die Kinder herkommen und was sonst in ihren Leben alles los ist; sie wollen auch nicht daran erinnert werden. Sie wollen etwas Neues, Aufregendes. Und der Tanz ist aufregend. Sie müssen etwas riskieren, und sie schaffen etwas, sie schaffen es sogar gut, und dadurch machen sie sich ein neues Bild von sich: Wow, ich kann das, ich bin viel besser, als ich dachte.“

„Wenn man Risiken eingeht, springt man quasi ohne Fallschirm über einen Abgrund, aber die Leidenschaft verleiht einem Flügel. Künstler sind leidenschaftlich und risikofreudig, und das ist das Hauptargument dafür, ihnen Zugang zu breiteren Gesellschafsschichte zu verschaffen, vor allem zu jungen Menschen, die im Bildungssystem die Orientierung verloren haben.“

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