kimoto_hashimotoDoppelporträt. Kiyoka Hashimoto und Masayu Kimoto, Solotänzerin und Halbsolist des Staatsballetts,  leben gemeinsam und tanzen getrennt. Auf dem Weg an die Spitze sind sie beide. Sie ist ein wenig schneller, er ein wenig zu heftig. Wenn Manuel Legris „Attaque! Attaque!“ ruft, vergisst Kimoto seine Schmerzen.

Wären sie Geschwister so könnte man sie glatt mit Hänsel und Gretel verwechseln, die tapfer alleine durch den Wald irren, aber nicht aufgeben, bis sie ihr Ziel erreicht haben. Doch Kiyoka Hashimoto und Masayu Kimoto sind keine Geschwister sondern ein frisch gebackenes Ehepaar. Sie stolpern auch nicht durch unbekannte Wälder, sondern tanzen als Mitglieder des Staatsballetts auf der Bühne. Weit entfernt von Eltern und Verwandten sind sie allerdings und ein wenig verwirrend ist es auch, wenn man die Sprache nur bröckerlweise versteht und ohne Freundesskreis ganz auf sich selbst gestellt ist.

Auch wenn beide als Geburtsort Hyogo angeben, haben sie sich erst in Europa kennen gelernt. Hyogo ist keine Stadt, sondern eine Präfektur (eine Art Bundesland) auf der japanischen Hauptinsel. Da trifft man sich nicht im Kindergarten und muss schon nach Europa reisen, etwa zum hoch angesehenen Wettbewerb des Prix Lausanne, um einander zu begegnen. Auf diesen ersten Blick kam die Liebe nicht. Kiyoka Hashimoto wurde nach Dresden ans Ballett der Semperoper engagiert, Masayu Kimoto ging nach Paris, um sich nach dem Besuch der Tanzakademie in Cannes weiterzubilden. Aus den Augen aus dem Sinn. Er trainierte an der Seine, sie tanzte im Corps de Ballet an der Elbe. Der Zufall wollte es aber, dass Kimoto sich nach zwei Jahren fit genug fühlte, um in Dresden vorzutanzen – und er wurde engagiert. Fortan engagierte er sich auch für seine zierliche Landsfrau Kiyoka.

Ihre ersten Tanzschritte haben beide in Japan gemacht. „Für Mädchen ist das einfach. Es gibt zwar keine berühmte Company für klassisches Ballett, aber alle wollen tanzen. Ich habe mit sechs Jahren angefangen und bald war klar, dass ich nach Europa musste, um auf der Bühne zu stehen.“ Kimoto verdreht die Augen, wenn er von seiner Ausbildung erzählt. Schon mit drei Jahren schickte ihn die Mutter in die Tanzschule. Die Schwester galt als Vorbild. „Mir hat das nicht sehr gefallen, ich war der einzige Bub unter lauter Mädchen.“ Deshalb hat er auch in der Schule nichts von seinen Tanzstunden erzählt. „Ich wollte nicht ausgelacht werden. In Japan ist Ballett etwas für Mädchen. Buben werden gleich verdächtigt schwul zu sein.“ Als er mit Zwölf an einem Wettbewerb teilnahm und andere Tänzer sah, bekam er „einen echten Schock. Alle sprangen höher, standen länger. Ich wusste, ich muss härter arbeiten.“ Was er denn auch tat und auch heute noch tut, trotz brennender Schmerzen nach einer komplizierten Verletzung. „Ich nehme dann Tabletten und denke, alles ist vorbei. Dann tanze ich ohne Rücksicht und danach habe ich wieder höllische Schmerzen. Das ist ein ewiger Kreislauf. Ich muss nur aufpassen, dass diese Beinhautentzündung nicht chronisch wird.“ Wenn Masayu Kimoto auf der Bühne dreht und springt, ist von den Schmerzen nichts zu merken. „Athletisch, dynamisch, ausdrucksstark, hinreißend“ jubeln die Kritikerinnen. Ob er im Bravourstück „The Vertiginous Thrill of Exactitude“ von William Forsythe über die Bühne schwirrt, das beeindruckende Solo „Mopey“ von Marco Goecke hinlegt oder in dem köstlichen Männertrio „Skew-Whiff“ von Paul Lightfoot und Sol León als wild gewordener Käfer vom Boden hochschnalzt, das 24jährige „Riesentalent“ verdient jegliches Lob.

„Ich springe gern, aber ich bin noch nicht so gut“, sagt er bescheiden. Als Basil, der Hauptrolle in Rudolf Nurejews „Don Quixote “ war er im Vorjahr dennoch gut genug, um in den Rang eines Halbsolisten erhoben zu werden. Zu Weihnachten sollte er sein Debüt in der Doppelrolle Drosselmeyer / Der Prinz feiern. „Aber die Rolle ist nicht leicht, besonders der Drosselmeyer, da muss ich spielen, Gefühle zeigen, das ist in Japan nicht üblich.“

kimoto_hochzeitDoch das Unglück schreitet schnell. Masayu Kimoto hat sich bei Proben Anfang November schwer verletzt und wird zu Weihnachten nicht als „Der Prinz“ tanzen. Ein Trauerfall, auch wenn der Halbsolist seine Stärken lieber in abstrakten Stücken zeigt: „Ohne Geschichte. Da kann ich mich ganz auf die Technik konzentrieren. Bei den Proben ruft Manuel (Legris) immer ‚Attaque, Attaque!’ Er meint, ich muss mehr aus mir heraus gehen, doch das ist schwer.“ „Aber er hat so schöne Bewegungen“, tröstet Hashimoto. Dass sie bei aller zierlichen Lieblichkeit dem Ehemann – geheiratet wurde übrigens im heurigen Sommer zu Hause in Japan gleich doppelt, nach europäischem Ritus und in japanischer Tracht  – einen Grand Jeté voraus ist, stört ihn wenig. „Ich bin glücklich in der Gruppe und nicht gierig. Ich mag die Company. Ohne Eifersucht habe ich mich mit Kiyoka gefreut, als sie im Oktober nach ihrem Debüt als Clara im „Nussknacker“ zur Solotänzerin ernannt worden ist.“ „Ich bin ja auch drei Jahre älter“, meint die grazile Tänzerin verschmitzt. „Ich liebe es, zu verschiedene Rollen zu spielen. Mädchen fällt das Spielen schon viel leichter. “ Nicht nur das Publikum, hat sie als Effie, die verschmähte Braut in „La Sylphide“ bewundert. „Manuel war happy“, erinnert sie sich und hat doch auch andere Träume als süß und anmutig zu sein. Gerne würde sie die Katharina in „Der Widerspenstigen Zähmung“, einem Ballett von John Cranko zur Musik von Kurt-Heinz Stolze tanzen. „In Dresden war das im Repertoire, aber da war ich noch im Corps. Es ist eine tolle Rolle und so lustig. Ich wünschte Manuel würde das Stück holen.“ Die kratzbürstige Seite der sanften Kiyoka? Sie muss kichern: „Nicht sehr japanisch!“ Eine Kampfansage an den Ehemann? Kimoto hebt abwehrend die Arme: „Oh nein. Zu Hause ist sie ganz lieb, wie unser Kätzchen Leo.“

Nächste Auftritte für Kiyoka Hashimoto

„Meisterwerke des 20. Jahrhunderts“: 9., 30. November, 1., 6. Dezember, Wiener Staatsoper

Clara im „Nussknacker“ (mit Denys Cherevychko als Partner): 28. Dezember,  Wiener Staatsoper