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denyscherevychkoDenys Cherevychko kann den naiven Tollpatsch ebenso tanzen wie den verliebten Poeten, ist Edelmann und Clown, Moritz und Nussknacker. Nach seinem Erfolg in William Forsythes „The Vertiginous Thrill of Exactitude“ und der stupenden Leistung in Paul Lightfoot / Sol Leóns „Skew-Whiff“ an der Staatsoper studiert der Solotänzer des Wiener Staatsballetts jetzt den Basil für „Don Quixote“.

Die Proben sind hart. Ballettchef Manuel Legris, der sie persönlich leitet, lässt nicht locker. Das Interview muss warten. Einer, der die Hauptrolle tanzt, kann sich nicht so einfach davon schleichen, auch wenn der Zeitplan überschritten wird. Dass sich Denys Cherevychko dann auch noch für sein spätes Erscheinen entschuldigt, zeigt die Contenance des mehrfach preisgekrönten Tänzers. Bestens gelaunt, ohne Anzeichen von Erschöpfung meint er mit treuherzigem Blick aus den tiefblauen Augen: „Eine Dame lässt man nicht warten.“ Einem so einnehmenden jungen Mann kann man nicht widerstehen.

Mit strahlendem Blick erzählt er vom „großen Glück“, das er fühlt, weil Legris ihn für die erste Besetzung in der Wiederaufnahme der Nurejew-Choreografie von „Don Quixote“ ausgewählt hat. Wie seine Partnerin, Maria Yakovleva als Kitri, schwärmt er von der Arbeit mit Ballettchef Legris. „Er verlangt viel von uns, aber er motiviert und macht keinen Druck. Dass wir jeden Tag Training haben, ist wunderbar und auch wenn die Proben lang dauern machen sie mir trotzdem Vergnügen. Er weiß, wie das funktioniert. Und er hat sehr gute Choreografien nach Wien gebracht. Das ist ein Schritt nach vorn.“

Den sprudelnden Elan braucht Cherevychko auch noch am Abend. Nach vier Stunden Trainieren und Probieren („Das ist nicht viel, für Marie Antoinette haben wir von zehn Uhr bis halb neun am Abend geprobt.“) muss sich der verliebte Barbier Basil in den Lausbuben Moritz verwandeln und in der Volksoper seine hohen Sprünge zeigen. „Die Umstellung ist kein Problem. Den Moritz tanze ich seit der Premiere, das sind mehr als drei Jahre, da ist jede Bewegung im Körper drinnen. Ich muss nicht mehr viel denken.“ Ganz anders in der Burleske von Paul Lightfoot / Sol Leon „Skew-Whiff“, einem schnell getanzten Stück für drei Tänzer und eine Tänzerin zur spritzigen Rossini-Ouvertüre „Die diebische Elster“. Die komplizierte Verwicklung der Gliedmaßen aller vier Beteiligten verlangt schon einige Gehirnarbeit, um die eigenen Beine und Arme wieder zu finden. Doch wenn Cherevychko aus der Rückenlage einfach so in die Höhe schnalzt und über dem Boden schwebt, dann ist vor allem die trainierte Muskulatur beteiligt. „Schwer“ ist aber kein Kriterium für den ambitionierten 23jährigen: „Alles ist schwer, wenn man es ernst nimmt. Nichts ist schwer, wenn man es kann.“ Deshalb genügen ihm auch die offiziellen Trainingsstunden nicht. Wenn der Ballettsaal frei ist, übt er ganz für sich oder sieht sich Videos an. Wenn er nicht auf der Bühne steht, sitzt er im Publikum und versucht von den Kollegen zu lernen.

Auch wenn Denys Cherevychko als Prinz im „Nussknacker“ oder Lenski in „Onegin“ gute Figur macht, so ist er doch nicht der geborene Danseur noble, sondern eher der typische „Demi-caractère“, einer der technisch alle Rollen bewältigt und immer dann das Publikum begeistert, wenn er eine Persönlichkeit entwickeln kann: Als Goldener Gott in der Bayadère ebenso wie als Mercutio in „Romeo und Julia“, Bratfisch in „Mayerling“  oder Ulrich in der „Fledermaus“ (und damit ist die Liste der Paraderollen für Denys Cherevychko noch lange nicht vollständig).

Keine Scheu vor Herausforderungen

Vorbilder mag er nicht nennen: „Ich will keine Kopie von irgendwem sein. Aber ich schaue mir viel an, auf der Bühne und im Video, alle Tänzer haben etwas, alle können mir etwas geben, von allen kann ich lernen.“ Deshalb freut er sich auch über die neue Rolle im alten Ballett (Die 1966 für die Wiener Staatsoper eingerichtete Fassung von Rudolf Nurejew von „Don Quixote“ beruht auf der Choreografie von Marius Petipa, die 1869 in Moskau uraufgeführt worden ist.):  „Es ist eine neue Aufgabe, ein neues Ziel, das ich erreichen muss. Das ist verlockend. Ich mag es, immer neu gefordert zu werden.“

Positive Energie, totale Präsenz und elektrisierende Dynamik strahlt Denys Cherevychko nicht nur auf der Bühne aus. Mit seiner stets guten Laune und der Hingabe an seine Rollen reißt er auch die KollegInnen mit und doch kann er plötzlich ganz ernst werden. Die blauen Augen verdunkeln sich bis sie fast schwarz sind, die Lachfalten verschwinden, wenn er von seinem verehrten Lehrer, dem verstorbenen Ballettpädagogen Alexander Prokofjew erzählt. Als Denys mit gerade 16 Jahren seine Heimat , die Ukraine, verließ, um an der renommierten Heinz-Bosl-Stiftung /Ballett-Akademie in München sein Können zu vervollkommnen, hat ihm Prokofjew den letzten Schliff gegeben: „Ihm verdanke ich alles und ich werde ihn nie vergessen. Er hat mir auch immer Manuel Legris als Supertänzer genannt. Und seine Frau, die war wie eine zweite Mutter zu mir, ich hatte anfangs sehr viel Heimweh.“

Wien ist zur Heimat geworden

Längst fühlt er sich aber in Wien ganz und gar zu Hause. Umso mehr als seine große Schwester, Marina, jetzt bei ihm ist: „Ein Stück Familie, ein Mensch, mit dem ich mich austauschen kann.“ Auch nach sieben Jahren im deutschen Sprachraum, fällt ihm die Sprache noch schwer. „Ich kann besser Englisch, von den Gastspielen und Legris spricht im Ballettsaal auch Englisch.“ Aber auch wenn Denys Cherevychko noch einige Vokabel fehlen, hindert ihn das nicht von Wien und dem Opernhaus zu schwärmen: „Ich will hier gar nicht weg, ich mag die Stadt und das Publikum und dieses Haus, so voll Tradition, da spüre ich die Anstrengung und die Liebe so vieler großer Tänzerinnen und Tänzer vor mir. Ich liebe meine Heimat. Ja, natürlich. Doch ich will hier bleiben, ich hoffe, dass ich bald ein richtiger Österreicher mit einem Pass werden darf.“ Auch darauf, dass die Mutter bald kommen wird, freut er sich und neuerdings auch auf die Moskaureise im Mai.

Als Tänzer braucht er keine Worte, um Gefühle auszudrücken. Augen aufgerissen und nach oben gelenkt, der Mund leicht geöffnet, die Schultern gehoben, flatternde Hände: Staunen. Die Pupillen werden riesig, Glanz legt sich auf die Iris, die Hand aufs Herz, strahlendes Lächeln: Glück. „Es war die totale Überraschung. Ich gehe nach der Vorstellung von ‚Spuren und Schritte’ in die Garderobe und da liegt ein Brief: ‚Herzliche Gratulation. Annabelle’. Ich wusste zuerst gar nicht, was das bedeuten soll.“ Bald löste sich das Rätsel. Der Brief war von Annabelle Gausmann, der Assistentin des Ballettdirektors, und bezog sich auf eine ehrenvolle Einladung: Im Mai wird Denys Cherevychko auf der Bühne des Bolschoi Balletts tanzen, weil er als Kandidat für den begehrten Prix Benois, gewidmet dem russischen Maler und Bühnenausstatter Alexander Benois, ausgewählt worden ist.. Benois, geboren 1870 in St. Petersburg, war wie Sergej Djagilew und Lew Bakst Mitbegründer der einflussreichen Kunstzeitschrift „Mir Iskusstwa“. In den Statuten des 1991 in Moskau geschaffenen Preises wird als Ziel auch genannt, „die besten Vertreter verschiedener Tanzstile und Schulen zusammen zu bringen“.

Dabeisein ist alles.

Dabei war 1997 auch ein junger Tänzer aus Paris. Manuel Legris, heute Ballettchef in Wien, fuhr als Sieger nach Hause. Noch mehr berühmte Namen glänzen auf der Liste der Preisträger. Für Denys Cherevychko kein Grund für Bangigkeit. „Ich mag Herausforderungen. Die bringen mich wieder einen Sprung weiter.“ Schließlich sind ihm Wettbewerbe nicht fremd und das Siegen auch nicht. Der Applaus ist ihm so wie so immer sicher. Dass der für den begabten Tänzer ein Lebenselixier ist, gibt er unumwunden zu und stellt mit dem schelmischen Blick aus rollenden Augen zugleich sein mimisches Talent zur Schau. Demnächst wird er dieses bei der Premiere von „Don Quixote“ wirbelnd und drehend auch auf der Bühne zeigen. Nicht als fröhlicher Twen Cherevychko, sondern als verliebter Spanier, der nichts anderes will als seine Kitri.

 

„Don Quixote“, Premiere an der Staatsoper, 28. 2. 2011