saskia„Pictographic Events“ heißt das neue Stück von Saskia Hölbling / Dans.Kias, mit dem die heute 39jährige Tänzerin und Choreografin ihr ihr 15jähriges Bühnenjubiläum feiert. Fünf Tänzerinnen, in schwarze Ganzkörperanzüge verpackt, werden zu Piktogrammen. Im Gegensatz zu den unbeweglichen Zeichen, die uns alltäglich im öffentlichen Raum begegnen, bewegen sich die Hölblingschen Piktogramme und entwerfen mit jeder Geste ein neues Zeichen.

Den Zuschauerinnen bleibt es überlassen, die in fließendem Wechsel auftauchenden Zeichen zu erkennen, zu interpretieren oder als unverständlich zu übersehen. Nur flüchtige Erinnerungen werden wach, es gibt keine Geschichte und keine Plattitüden, es gibt Körper (gesichtslos), die zu Zeichen werden und Erkenntnis bieten, Sehgewohnheiten ändern und sogar zum Schmunzeln anregen.

Ganzkörperanzüge sind neu in einer Kreation von Saskia Hölbling, hat sie doch keine Scheu ihren eigenen und den Körper der Mitwirkenden vollkommen unverhüllt auszustellen. Deshalb darf ich fragen, was sie zu dem von den Medien sabbernd inszenierten Skandal rund um die Staatsballetttänzerin Karina Sarkissova (die Geschichte ist hier nachzulesen. Inzwischen ist Sarkissova wieder voll rehablitiert und als Solistin beim Staatsballett engagiert, Anm.d.Red.) sagt. Schnell angesprochen weiß die Choreografin und Tänzerin mit dem Namen gar nichts anzufangen, doch dann erinnert sie sich. Viel fällt ihr allerdings dazu nicht ein. Nackt ist eben nicht gleich nackt und eine nackter weiblicher Körper ist nicht immer eine nackte Frau, ist oft nur ein nackter Körper. Nackt auf der Bühne ist sie nicht sie selbst, nicht Saskia Hölbling, sondern schlicht der Körper. Mitunter auch ein Körper inmitten andere Körper. Ohne Gestik und Mimik, nur Haut und Muskeln, Sehnen und Knochen präsentieren sie sich, die anonymen aber eindeutig weiblichen Körper. Obszön erscheinen manchen diese Darstellungen des Torsos („other feature“, „exposition corps“, „superposition corps“, „your body ist he shoreline“), die nichts anderes thematisieren als die Identität des Körpers, die nichts anderes sein wollen als Körper pur. Ein lautloser Skandal.

Die Tänzerin wundert sich dennoch: „Ich war echt überrascht. – Ich wollte nicht brüskieren oder schockieren, sondern eher Sichtweisen verändern. Der gewöhnliche Körper ist doch langweilig.“ Bleibt die nackte Ballerina im konventionellen Rahmen und vermarktet, was sie zu zeigen hat, so sprengt die Tänzerin und Choreografin Saskia Hölbling eben diesen Rahmen, wagt sich mutig ins Unbekannte, zielt nicht auf den Eklat. „Es kommt auf die Art der Präsentation und die zugrunde liegende Motivation an. Ich habe keine Lust, Stereotypen zu präsentieren, wie man sie ohnehin zur Genüge kennt“ sagt Hölbling zum Thema.

Hölbling ist eine Körperforscherin und befasst sich auch mit den „Denkweisen“ des Körpers. „Die Sichtweisen des Körpers entstehen aus der Perspektive der Zuschauer, aber ich erfahre auch Denkweisen des Körpers, aus der Sicht des Performers. Das Schöne ist, und das ist meine tiefste Überzeugung, der Körper wird wirklich so wie man ihn denkt. Oder kann so werden, kann sich so artikulieren wie man ihn denkt und das macht sich auch sichtbar. Das ist wirklich erstaunlich, wie ich das im Probenprozess immer wieder erlebe. Ich arbeite immer mit einer langen Phase der Improvisation, wo Bewegungsmaterial entwickelt wird, immer spezifisch für das Stück und den Themenkreis und wir schauen einander auch viel zu und es gibt viel Feedback. Tun, Feedback, wieder tun, Feedback, definieren, neu definieren. Das Spannende ist, wenn man schon länger mit seinem Körper arbeitet, dass es wirklich so ist, dass man ganz genau die einzelnen Momente fest machen kann, wo was passiert. Zum Beispiel: ‚Ah, da bin ich raus gefallen, da habe ich mein Körperbild verloren.’ Das ist meistens der Moment, den man von außen auch definieren kann.“

Dass mir Saskia Hölbling seit langem als Solistin (manchmal mit Partner) in Erinnerung ist, wundert sie: „Ich habe eigentlich immer alternierend Gruppenstücke und Soli choreografiert.“ Ganz am Anfang sogar nur Gruppenstücke mit deutlich tanztheatralischem Anteil, etwa die Duras-Trilogie (1996) oder ,do your desires still burn’ (1998). So richtig abgewandt hat sich Saskia Hölbling vom Tanztheater mit ihrer Choreografie „other feature “.“ Da habe ich mit dieser speziellen Arbeit um die Körpersichten begonnen, das war die Vorstellung mit den vier nackten Frauen. Dann kam ‚exposition corps’“.

Die forschende Auseinandersetzung mit dem (weiblichen) Körper begann Hölbling aus Überdruss am Gewöhnlichen. „Irgendwann im Findungsprozess für Bewegungsmaterial ist mir das irrsinnig langweilig gewesen, ein Körper mit seinen zwei Armen, seinen zwei Beinen und den Bewegungsmöglichkeiten. Ich habe mir gedacht, dass ich an eine Grenze gestoßen sei, an Artikulationsgrenzen des Körpers. In der Arbeit mit dem Videokünstler Laurent Goldring an ,rrr…’ bin ich drauf gekommen, dass ich in der ganzen Reduziertheit des Körpers in Denkuniversen des Körpers komme, die durch die Einschränkung unglaubliche Möglichkeiten haben. Auf einmal ist diese Linearität, das was mich so ein bisschen gelangweilt hat, am Körper und den Artikulationsmöglichkeiten völlig aufgegangen. Da entstand dann die Serie über den Körper an sich.“ In „other features“ hat die Tänzerin erforscht, was passiert, wenn sich nur der Körper selbst artikulieren kann, ohne sexuelle Konnotation, wenn Mimik und Gestik nicht vorhanden, Gesicht und Hände nicht sichtbar sind. „Der Ausdruck ist erstaunlich individuell und spricht auch erstaunlich andere Wahrnehmungssensoren an. Den Abschluss dieser, wenn man so will, Serie bildete 2005, „your body is the shoreline“ ein poetisches Stück für drei Tänzerinnen und einen Tänzer, in dem es schon um Berührungen geht, aber nicht um Berührungen von Personen, sondern das Aufeinandertreffen zweier Körper.“

Danach entstand „in meinem Kopf“, eine neue Lust dazu, diese Körper in unterschiedlichen Kontext zu stellen. ‚Jours blancs’ hatte sogar wieder theatralische Elemente und wurde (nicht nur) in Frankreich nach der Uraufführung hoch gelobt. Und dann ist Saskia Hölbling nach Japan gereist und hat im rechteckigen Steingarten von Kyoto , in dem es kein Zentrum gibt und jeder Stein für sich ist und auch die Zwischenräume in ihrer Leere Bedeutung erlangen, einen Moment lang das Wesen des Zen erfahren. „Dieser Garten hat mich sehr fasziniert, auch von den Relationen und ich wollte wissen, ob man das mit Tanz, mit dem bewegten Körper, auch machen kann. Und über diesen Weg kam ich zum grafischen Zeichen. Das ist eigentlich auch das, was ich mit ‚Pictographic Events’ vorzeige. Allerdings im Sinne unserer europäischen Globalisierungszeichen. Das zentrale Anliegen ist, dass man diese Piktogramme nicht im Sinne des kleinsten gemeinsamen Nenners verwendet, sondern im Sinne der größtmöglichen Lesemöglichkeit oder Vielfalt. Das Spannende ist, ein Stück zu kreieren, dass man sehr oft das Gefühl hat: ,Ja!’. Die Information ist so leicht und griffig, man kann sie aber nicht fangen.“

Was heißt das jetzt übersetzt in den Tanz? „Das ist gar nicht so leicht. Es braucht einen ganz eigenen Körper, wie in ,secret sights’ auch, aber anders, weil man sonst die Zeichen gar nicht lesen kann. Piktogramme beherrschen nicht nur den Alltag, sie sind ja längst auch in die Kunst eingegangen, als künstliche, erdachte Zeichen. Das Wesentliche ist die Reduktion, aber eben nur so weit, dass man das Zeichen noch entschlüsseln kann. Wie sehr kann ich die tänzerische Bewegung reduzieren, dass noch etwas erkennbar ist?“ Was man sehen wird, beschreibt Saskia Hölbling auch, zögernd und verlegen, als „Poesie auf der Bühne“: „Man muss nicht verstehen. Es ist wie wenn man ein Gedicht lesen würde.“

Am 17. und 18. Dezember sind die „Pictographic Events“ mit Rotraud Kern, Heide Kinzelhofer, Alexandra Mlineritsch, Moravia Naranjo und Charlotta Ruth im Tanzquartier zu sehen und zu erleben.

Eine gekürzte Fassung des Gesprächs ist am 3.12. in Die Presse / Kultur Spezial veröffentlicht worden.

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