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walterheunWien hat getanzt. Eine ganze Nacht lang. Vom Hotel Imperial bis hinab in die Kanalisation hat die österreichische Tanz- und Performanceszene gezeigt, was sie zu bieten hat. Und das Publikum hat diese Nacht, eine Zusammenarbeit von Tanzquartier und brut Wien (diesmal federführend), genossen. Walter Heun ist wieder einmal zufrieden. Die neue Saison lässt sich eben so gut an, wie die alte – Heuns erste nach der Ära Sigrid Gareis – zu Ende gegangen ist.

Fast 52.000 Besucher und eine Auslastung von 86 Prozent, das ist in den vergangenen 10 Jahren nicht gelungen. Wo ist der Trick?

„Normalerweise bricht bei einem Intendantenwechsel eine Menge Publikum weg und du brauchst zwei bis drei Jahre, bis du wieder ein Publikum aufgebaut hast. Das sind internationale Erfahrungswerte. Wir haben das beste Einspielergebnis seit Bestehen des Tanzquartiers. Das hat mich selbst überrascht. Wir haben uns aber auch sehr bemüht, das Haus als ein gastfreundliches Haus zu etablieren, nicht nur im Sinne von Service und Publikumsfreundlichkeit, sondern auch im Lockern interner, eingefahrener Regeln und durch das Verbessern des Kontakts mit den Künstlerinnen.“ Die Öffnung nach allen Richtungen hat sich bezahlt gemacht, dennoch möchte Heun festhalten: „Offenheit heißt nicht Beliebigkeit.“

„Der Anfang war ganz spannend, geprägt von gegenseitigem Kennenlernen. Dann waren wir uns einig, den Kreis zu erweitern, die Zahl der Interessenten zu erhöhen. Dieses Erweitern und Erhöhen heißt für uns aber nicht nur, zu verbreitern, sondern auch zu vertiefen. Mit dem Slogan ,Sie machen sich keine Vorstellung’ wollten wir einerseits sagen, dass sich ohnehin schon jeder eine Vorstellung gemacht hat, wie das Tanzquartier ist oder zu sein hat. Im Positiven wie im Negativen,  sowohl von Menschen, die das Tq schon lange kennen, aber auch von jenen, die es gar nicht kannten oder gar nicht kennen lernen wollten. Da habe ich schon eine sehr zwiespältige Situation vorgefunden. Unser Slogan sollte also Erwartungshaltungen offen halten, Vorurteile abbauen und einen neuen Blick oder genaues Zuschauen ermöglichen.“

Dann war dem neuen Intendanten aufgefallen, „dass in der Szene mit jeder Vorstellung, die wir angeboten haben, sofort die gesamte Zukunftsperspektive festgelegt wurde. Die ersten Vorstellungen wurden nicht als Teil eines Ganzen gesehen, sondern als richtungsweisende, programmatische Aussage.“ „Aha, so wird jetzt  das Tanzquartier aussehen.“ So war eigentlich jede Premiere eine neue Überraschung und auf beiden Seiten des (im Tanzquartier selten vorhandenen) Vorhangs musste immer wieder neu gelernt werden, dass Vieles und viel Unterschiedliches möglich aber auch veränderbar ist.

„Immer ist nie richtig“, zitiert Walter Heun gern einen Satz aus der therapeutischen Praxis.

Die Türen, die Heun und sein Team geöffnet haben und weiterhin offen halten, führen in zwei Richtungen. Die eine soll das Publikum einlassen, auch Menschen, die bisher noch keinen Zugang zum Tq gefunden haben, Neugier und Lust wecken. Dazu gibt es immer wieder Einführungen und Publikumsgespräche. Wichtig ist Heun aber auch, „die Vertiefung des Diskurses anhand bestimmter Themen. So ist diese Reihe SCORES zu sehen, wo wir ganz bewusst  versucht haben, uns Tanz und Performance nicht wieder in dieser dichotomischen Stellung der beiden Ausprägungen einer Kunstform zu nähern, sondern den Choreografiebegriff in erweiterter, durchaus größer gedachten  Form zu betrachten. Mit diesem ersten künstlerisch-theoretischen Parcours wollten wir uns Tanz und Performance und auch den anderen Künsten annähern. Diese ‚Verdichtungen’, wie wir sie zuerst intern genannt haben, widmen sich immer konstitutiven Elementen oder Wirkweisen des Choreografischen. In der Nullnummer ging es um choreografische Phänomene, nicht nur auf der Bühne und im April haben wir uns dann in SCORES #1! mit Berührungen befasst. touché meinte durchaus auch die haptische Berührung, aber auch in politischem und gesellschaftlichen Kontext.“

Damit diese Scores (am ehesten mit Ergebnis oder Punktestand zu übersetzen) auch bleibenden Eindruck machen, werden sie als broschiertes Magazin publiziert. Die Nullnummer, „SCORES #0 – the Skin of Movement“, ist bereits erschienen. Zwar werden die zweimal jährlich im TQ stattfindenden „Verdichtungen“ das Grundmaterial für die auf Englisch aufgelegte Publikation bilden, doch, so Heun „sollen auch andere, unabhängig vom jeweiligen Parcours entstandene Texte, den einzelnen Schwerpunkten entspringen oder inspirierend einfließen. SCORES sind als eigenständiges Medium gedacht, das, angeregt vom am Haus praktizierten künstlerischen Denken, dieses künstlerisch und theoretisch weiterdenkt, Nachhaltigkeit der Diskurse ermöglicht und zum Dialog einlädt.“ Klingt recht theoretisch ist aber ganz praktisch, weil ja alles was da diskutiert und theoretisiert wird, in die Bühnenarbeit der Künstlerinnen einfließt, oder sogar umgekehrt: aus ihr herausfließt.

Die nächste Verdichtung steht schon fest: Im Dezember wird über „präzise Unschärfe“ nachgedacht, dieser Begriff zerlegt und wieder, vielleicht neu, zusammen gesetzt. Besonders in der Performance ist es diese „präzise Unschärfe“, die den Zuschauerinnen oft zu schaffen macht. „Uns geht es  darum, dass sowohl im Produktionsprozess als auch dann auf der Bühne Momente der Unschärfe entstehen, die aber durchaus kreatives Potenzial haben. Unschärfe in der Wahrnehmung“, meint Heun „ermöglichen den Zuschauern eine neue Art der Wahrnehmung. Eine offenere Wahrnehmung.“ Am ersten Dezemberwochenende wird also in SCORES #2 gesucht und festgehalten, was entkommt, „what escapes“. Tim Etchells und das Team des Tanzquartiers werden den künstlerisch-theoretischen Parcours ausstecken.

Eine reine Insiderveranstaltung?

Heun dementiert. „Es gibt einen geschlossenen Kreis, da werden die Teilnehmerinnen eingeladen. Es gibt aber auch Gesprächsformate, die für das ganz normale Publikum sind. Am Anfang haben mich alle gefragt, wie ich das bereite Publikum gewinnen will. Aber das breite Publikum als solches gibt es nicht. Es gibt nur individuelle Zuschauer mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Sehgewohnheiten, die gemeinsam das Publikum bilden. Was wir sehr bewusst machen, ist mit einer kontrapunktischen Programmierung jedem Zuschauer die Möglichkeit zu schaffen, sich seinen eigenen Parcours durch das Tanzquartier zu bauen.“ So hatte das Publikum bei der heurigen Eröffnung Anfang Oktober Gelegenheit, sich mit der Performance-Oper von Gregg Bordowitz und Paul Chan „The History of Sexuality Volume One by Michel Foucault: An Opera, 2010“, in fließendem Übergang zu erfahren was Performance ist oder auch sein kann.

Am Ende des Monats kommt Lucinda Childs mit ihrer Company nach Wien. Sie zeigt ein prägendes Werk der Tanzgeschichte, „Dance“. Die Wiederaufnahme des Stückes mit der neu formierten Company, der neu eingespielten Musik von Philip Glass und dem komplett wieder hergestellten schwarz-weiß Film von Sol LeWitt als Bühnenbild wird als europäische Premiere im Tanzquartier an zwei Abenden gezeigt. „Das ist, sagen wir, das andere Ende des SpeKtrums. Reiner Tanz, abstrakter Tanz. Aber damals, Ende der 70erJahre, mit dem Bühnenbild des Konzeptkünstlers Sol LeWitt und der Minimalmusic von Glass durchaus neu und aufregend.“ Das Gastspiel im Tanzquartier ist das einzige Gastspiel der Company in Europa. Eine kleine Sensation.

Darf man diesen ersten Monat der Saison jetzt doch als eine Art Konzept verstehen? Ist alles möglich? „Nein. Arbeiten, die so reine Affirmation bestehender Ästhetiken sind, werden auf anderen Bühne zu sehen sein. Es geht schon darum ganz bewusst Akzente zu setzen und auseinander zu setzen, wie entwickeln sich Tanz und Performance.“ Weil für Heun Offenheit nicht Beliebigkeit bedeutet, ist auch auf der Bühne und im Studio nicht alles möglich. Aber sehr vieles