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balletsmontecarlo„Liquid Loft“, der Name der erfolgreichen österreichischen Performancegruppe, ist Programm. Haring und Team geht es darum, „den zeitgenössischen Tanz in Bewegung zu halten, den Körper als Resonanzboden für das Leben einzusetzen.“

„Wir wollten den üblichen Stückecharakter aufbrechen. Wenn immer dasselbe wiederholt wird, kommt bald nur Scheiße heraus“, sagt Haring. In Zusammenarbeit mit den Ballets de Monte Carlo kommt jedoch eine Auseinandersetzung mit den Ballets Russes und Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ heraus.
Auch die Ensemblemitglieder fluktuieren: „Im Vorjahr war alles neu mit den Chinesen“, erklärt Cumming, die in der Lounge ihr erstes großes selbst choreografiertes Solo gezeigt hat. Ganz versöhnt war sie bei den Proben mit dem fließenden Setting noch nicht. Wenn Haring geschwärmt hat, wie bunt es zugehen darf in der Lounge – plaudern, trinken, herumgehen war erlaubt –, wurde ihr mulmig: „Für mich als Performerin ist das ein schwieriges Konzept, wenn das Publikum so zerstreut ist. Ich will es doch mitziehen.“ Loft-Leiter Haring tröstet: „Wenn du beginnst, sind aller Augen auf dich gerichtet“. Die in Kanada geborene Tänzerin wird von Haring nicht nur wegen ihrer exzeptionellen Ausdrucksfähigkeit geschätzt: „Ohne Stephanies schräge Ideen, so schräg kann ich gar nicht denken, wären wir niemals so weit gekommen.“ Weit, das heißt nicht nur bis Beijing und Seoul oder Monaco sondern auch auf das Podest im venezianischen Arsenale, wo Liquid Loft 2007 den Goldenen (Performance-)Löwen erhielt. Jin Xing („goldener Stern“) saß in der Jury. Eine wunderbare Freundschaft nahm ihren Anfang.
Liquid Loft wurde nach China eingeladen, um „The Art of Seduction“ (2. Teil der „Posing Project“-Trilogie, die, zwischen 2007 und 2008 auch bei ImPulsTanz  zu sehen war vorzuführen. Der orgiastische Höhepunkt der verführerischen Posen wird in einem Schattentheater dargestellt, dass sich auf amüsante Weise mit Schein und Sein auseinandersetzt. Aus der Antike bekannte erotische Posen auf der Leinwand, harmlos agierende Körper auf der Bühne. Gegen diese Delikatesse konnten selbst die beiden chinesischen Zensoren nichts einwenden. „Sie waren völlig perplex und auch verwirrt, die Abstraktion in unserer Arbeit, das ungewöhnliche Soundset. Doch sie konnten keine Obszönitäten ausmachen. Ihr Englisch war wohl zu schwach, um die eindeutigen Textpassagen wirklich zu verstehen“, erinnert sich Cumming.
Beschäftigten sich Haring und sein Team im Vorjahr mit fließenden Übergängen und Transformationen, so geht es heuer in „Sacre: The Rite Thing“ um die Entzauberung des Rituals. Das Verzaubernde (Basis der Performance ist Igor Strawinskys Ballett „Le Sacre du Printemps“) wird so lange mimetisch wiederholt, bis es entzaubert ist. Bei der Uraufführung 1913 im Théâtre des Champs-Elysées in Paris (zuletzt geleitet von Dominique Mayer, dem neuen Staatsoperndirektor in Wien) durch „Les Ballets Russes“ (Choreografie Vaclav Nijinsky) kam es zu einem in der Ballettgeschichte beispiellosen Skandal. Schon beim ersten hohen Ton des Fagotts zu Beginn, erntete das Orchester hämisches Gelächter, das später in einen lautstarken Tumult überging. Doch Pierre Monteux, der Dirigent, ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und sorgte dafür, dass die Aufführung zu Ende gespielt werden konnte. Weder dem Komponisten noch dem Ensemble unter der Führung von Impresario Sergej Diaghilew hat der Skandalgeschadet. Im Gegenteil, der „Sacre“ ist eines der meistgetanzten Ballette des vorigen Jahrhunderts und auch die Suite ist im Repertoire jedes renommierten Orchesters. Auch Walt Disney konnte an Strawinskys aufwühlender Musik nicht vorbei gehen. Im Musik-Zeichen-Film „Fantasia“ (Dirigent Leopold Stokowski) tanzen die Dinosaurier das „Frühlingsopfer“.
Nahezu hundert Jahre nach der eindrucksvollen Uraufführung arbeitet Liquid Loft mit Les Ballets de Monte Carlo (in Monte Carlo waren auch „Les Ballets Russes“ einige Zeit zuhause) zusammen, um mit dem ursprünglichen choreografischen Material zu arbeiten und auch des Choreografen, Nijinsky, Lebensgeschichte einfließen zu lassen. Was Haring besonders interessiert, ist die Affinität Diaghilews und seines Ensembles für neue Positionen in der Kunst, vor allem der bildenden Kunst. Für Haring hat diese Haltung „den Tanz zu einer zentralen Kraft für die Entwicklung der modernen Kunst erhoben, zu einem Motor der Moderne überhaupt.“
Gerne spielt Chris Haring mit Wörtern und Begriffen und ganz im Sinne seiner „Liquid Loft“ mag er besonders die Vorsilbe Trans – Transfer, Transfusion, Transformation, Transskription, Transsubstantion, Transfiguration, auf jeden Fall auch Transpiration. Und fröhlich assoziierend dahinschlitternd landet Haring ohne Anstrengung bei der Trance. Die war es, die den Burgenländer einst zum Tanzen brachte: „Genau wegen dieser Überschreitungen, wegen dieses Verlassens der Logik. Ich wählte den Tanz, weil ich in meinem Leben das Delirium gesucht habe. Wo sonst kann ich etwas erzählen oder erklären, ohne Wörter zu verwenden. Wir sprechen auch, aber bei uns sind die gesprochen Wörter ein Teil des Klanges, sie sind Musik.“
Längst bewegt Haring nicht den eigenen sondern lieber andere Körper auf der Bühne: „Selbstdarstellung ist mir eher peinlich. Ich bin von der Bühne weggegangen, als ich jemanden gefunden hatte, der das besser kann. Das war die Steph.“ Die muss lachen: „Ich zeige mich gern und genieße den Applaus. Früher hatte Tanzen für mich viel mit Schönheit zu tun. Jetzt hat es mehr mit Darstellung zu tun, ich bin keine Schauspielerin, aber ich liebe es, zu spielen.“ Für „The Rite Thing“ arbeitet Cumming, die auch bereits eigene Stücke choreografiert hat, als choreografische Assistentin, doch zur Choreografin will sie sich nicht ganz transformieren: „Ich bleibe Performerin. Doch es hat sich ein neues Fenster geöffnet, ich habe ganz neue Erfahrungen gemacht. Davon kann ich auch dem Publikum etwas weiter geben.“
Im jüngsten Stück von Liquid Loft spielen nicht nur PerformerInnen und BalletttänzerInnen ihre Rollen auf der Bühne, sondern auch Versatzstücke, Ready Mades, die als Träger vergangener choreographischer Absichten (wieder) entdeckt und im veränderten Kontext des Heute zu zeitgenössischen Strukturen verwoben werden. Der Tanz selbst ist für Chris Haring eine „Nachahmung des Wandels“, das Opfer (Höhepunkt in Nijinskis Choreografie ist der Tod der Auserwählten) gilt ihm als Instrument des Ausgleichs durch die Vergeltung am Unschuldigen. Heute wie damals braucht die Welt ihre Sündenböcke.
Haring will Ballett nicht als Gegner des zeitgenössischen Tanzes sehen, sich mit seinen Bewegungs- und Performance-Modellen nicht abgrenzen: „Als historisches Material gesehen, wird die Formensprache des Balletts überaus interessant. Liquid Loft versucht, das Vokabular neu zu lesen und zu analysieren. Wir wollen diese inzwischen fremde Sprache mit dem heutigen Wissen, unseren eigenen Bewegungserfahrungen und dem Repertoire an Formen des zeitgenössischen Tanzes neu betrachten.“

Les Ballet de Monte-Carlo / Jean-Christophe Maillot & Liquid Loft | Chris Haring: „Daphnis et Chloé“ / „Sacre: The Rite Thing“, 19., 21l , 22. Juli, 21 Uhr ImPulsTanz, Odeon.
(Premiere in Monaco, am 13. Juli 2010)

www.liquidloft.com

www.impulstanz.com

Der Text enthält Auszüge eines Artikels, der in  Die Presse / Kultur Spezial erschienen ist.