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Mit Manuel Legris bekommt das Wiener Staatsballett (vormals: Ballett der Wiener Staatsoper und Volksoper) einen Direktor, der auf Erneuerung im Repertoire und Kontinuität im Ensemble setzt. Sein Ziel ist es, wieder jene legendäre Wiener Ballettbegeisterung aufzuwecken, die er als Tänzer hier kennengelernt hat.

Denn das Wiener Publikum ist Manuel Legris schon lange ans Herz gewachsen. Als Gasttänzer hat es der ehemalige Étoile des Pariser Opernballetts immer wieder zu Begeisterungsstürmen hingerissen. Besonders ist ihm dabei sein erster Auftritt aus dem Jahr 1985 in Erinnerung geblieben, als er mit Rudolf Nurejew in „Dornröschen“ gastiert hat. „Es gab eine Art von Hysterie, aber im positiven Sinn, als Rudolf getanzt hat. Ich habe damals eine Variation im 2. Akt getanzt und hatte nach meinem Solo ungefähr fünf Minuten Applaus, das habe ich sonst nirgendwo erlebt.“ Einen ähnlichen Enthusiasmus hat er in letzter Zeit in der Staatsoper vermisst. „In allen Vorstellungen, die ich gesehen habe, habe ich dieses Fieber nicht gespürt. Es ist etwas verloren gegangen. Und diese Begeisterung möchte ich wieder wecken“, sagt er.

Den Weg, den er dafür wählt, ist ein durchaus anspruchsvolles Programm, das er in seiner ersten Saison als Ballettchef des neu benannten Wiener Staatsballetts mit vier Premieren und einer Gala in der Staatsoper sowie drei Premieren in der Volksoper vorstellt (siehe Vorschau).

Und er beginnt mit einem wahren Feuerwerk. „Juwelen der Neuen Welt“ heißt der Abend mit Choreografien von George Balanchine, Twyla Tharp und William Forsythe, der bereits am 24. Oktober zur Premiere kommt. „ Ich wollte mit einer Attacke beginnen. Ich wollte etwas Glanzvolles machen.“

Sehr mutig, denn die TänzerInnen, die sich schon lange nicht mehr mit technisch herausfordernden choreografischen Glanzstücken befasst haben, haben wenig Zeit für die Vorbereitung. „Thema und Variationen“ war schon lange nicht mehr im Repertoire der Wiener Staatsoper und die anderen Ballette haben sie überhaupt noch nicht getanzt. Auch Twyla Tharps „Variationen über ein Thema von Haydn“ für 30 TänzerInnen zeigt die vielseitige Choreografin von ihrer neoklassischen Seite. „Es ist ein bisschen ambitioniert. Ja, es gibt manche Tage, an denen ich sage: das ist verrückt, das ist nicht gut und dann: das ist mutig und dann: ich hoffe ...“

Die Positionierung des Wiener Staatsballetts sieht er als „eine klassische Compagnie. Ich habe zwar keinen traditionellen Geschmack, aber ich liebe das klassische Ballett, ich liebe das große Repertoire und glaube, dass es erhalten werden muss. Aber heutzutage muss eine klassische Compagnie auch ein zeitgenössischeres Repertoire an Bord nehmen und auch ein persönliches Repertoire und eine Identität aufbauen. Für die TänzerInnen bedeutet das eine geistige Öffnung. Heutzutage kann man nicht mehr einfach ein guter klassischer Tänzer sein. Ich glaube, ich war der Prototyp des klassischen Tänzer, des romantischen Tänzer an der Pariser Oper. Ich hatte einen ‚Look’. Aber hätte ich nicht das zeitgenössische Repertoire getanzt, wäre ich nicht die Person geworden, die ich heute bin. Der Tänzer von heute muss mehrere Erfahrungen erleben.

Mein Wunsch ist also die TänzerInnen zu öffnen, ihnen die Möglichkeit zu geben, das große Repertoire zu tanzen, das sie vielleicht schon haben, aber ihnen eine neue Qualität zu geben. Technik und Genauigkeit sind mir wichtig, aber gleichzeitig sollen sie ihre Persönlichkeit auf der Bühne einbringen und sich in verschiedenen Stilen und in neuen Choreografien ausdrücken können.“

Compagnie und Schule

Die Compagnie, die er vor seiner Entscheidung nach Wien zu kommen gar nicht kannte, bleibt indes großteils unverändert. „ Ich habe einige Veränderungen gemacht, habe auch neue Tänzer auf internationale Auditions gefunden, aber im Allgemeinen habe ich die Compagnie belassen und viel weniger TänzerInnen ausgetauscht, als – wie ich verstehe – mein Vorgänger Gyula Harangozó gemacht hat, der ca. 25 TänzerInnen weggeschickt hat“, sagt Legris. „Ich musste das nicht tun. Ich fühlte mich sofort wohl mit den Tänzern. Natürlich sah ich Dinge, die man verbessern kann, aber ich fand hier eine Compagnie, die ich brauchte, um meine Arbeit zu machen. Freilich, um das Repertoire zu tanzen, das ich haben will, müssen die TänzerInnen viel arbeiten, weil sie das nicht gewöhnt sind. Ich habe auch die Ballettmeister behalten, die bereits hier sind und dazu Chantal Lefèvre engagiert. Sie war erste Solistin beim Hamburg Ballett von John Neumeier. Sie ist Französin, spricht aber deutsch, denn sie hat ihre Karriere in Deutschland gemacht.“

Dass es eine internationale Compagnie ist, die nicht wie die Russen, Franzosen oder Briten auf eine einheitliche Schule bauen, kommt dem neuen Direktor entgegen, denn:

„Ich bin multinationalist. Ich bin sehr viel gereist und war immer fasziniert verschiedenen Schulen zu begegnen. Ich liebe die russische Schule, die kubanische, die englische, die italienische, die französische. In jeder Schule und jeder Begegnung finde ich etwas sehr Bereicherndes. Ich bin auch nicht der Meinung, dass es in einer Compagnie nur einen Stil geben soll. Das ist nicht der Rahmen der Compagnie hier und es gibt nicht genügend Leute aus diesem Land. Es ist also normal, dass es in der Compagnie unterschiedliche Charaktere und Temperamente gibt, die auch sehr persönlich sind. Und ich finde auch, dass das einen Reichtum bedeutet. Man braucht natürlich eine Einheit und muss etwas finden, das in Richtung des Direktors und seiner Art zu arbeiten geht. Man kann aber davon profitieren, wie jede Persönlichkeit, jede Schule das Gesamte bereichern kann. Ich bin da ziemlich offen, ich mag das.“

Und dennoch hofft Legris, dass die Ballettschule der Wiener Staatsoper in Zukunft den Tänzernachwuchs für das Wiener Staatsballett hervorbringen wird: „Mein Wunsch ist es, viele österreichische Tänzer zu haben. Das sollte die Basis sein, das finde ich normal.“

Die Schule wird ab Herbst von der ehemaligen Solistin des Wiener Staatsopernballetts Simona Noja geleitet. Manuel Legris sieht seine Rolle in der Schule darin, sie an die Compagnie anzubinden. „Mein Wunsch ist es, am Ende jedes Jahres nach den Prüfungen in die Schule zu gehen und die Plätze, die ich in der Compagnie zur Verfügung habe, mit AbsolventInnen aufzufüllen und nicht internationale Auditions machen zu müssen. Das ist mein Traum. Es ist doch normal, dass die SchülerInnen, die in der Schule arbeiten und jeden Tag das Theater vor sich sehen, davon träumen, eines Tages dort zu tanzen. Man sollte sie nicht aus dem Land jagen, dass sie irgendwo hingehen. Mein Ziel ist also, dass diese Schule ausgezeichnet wird und dass wir Kinder haben, die die Stars von morgen werden.“

Apropos Star

Manuel Legris, ehemaliger Etoile an der Pariser Oper, ist einer der akklamiertesten Tänzer seiner Generation. Bei seiner Dernière als Mitglied der Pariser Oper wurde er vom Publikum mit einer halbstündigen Standing Ovation verabschiedet. Doch damit hat er natürlich nicht das Tanzen aufgegeben, sondern ist nach wie vor als Solist unterwegs – in den nächsten Monaten stehen zum Beispiel in Moskau, Paris und Tokio auf dem Tourneeplan.

Dass das Wiener Publikum den Ausnahmetänzer auch auf der Bühne erleben wird, ist unwahrscheinlich. „Das ist nicht vorgesehen“, sagt er. Dafür bin ich nicht hier. Ich bin hier der Direktor der Compagnie. Das ist meine Hauptaufgabe und mein aufrichtiges Anliegen. Aber ich will auch nicht definitiv nein sagen. Man weiß ja nie, was passieren wird. Denn alle Ballette im Repertoire habe ich getanzt. Ich habe es nicht gemacht, damit ich selbst tanzen kann, sondern es erlaubt mir einen engeren Kontakt mit den TänzerInnen aufzubauen. Ich kenne den Stil und ich kann sofort bei ihnen sein. Ja, man könnte denken, Manuel Legris hat ‚Onegin’ im Repertoire, weil er ein ausgezeichneter Onegin ist. NEIN. Wenn es eine große Katastrophe gibt und alle Onegins verletzt sind, dann kann ich vielleicht einspringen. Aber mein Name wird nicht in der Besetzungsliste stehen. Ich habe wahnsinnig viel getanzt und kann für bestimmte Projekte auch noch tanzen, vielleicht auch außerhalb der Oper bei ImPulstanz, etwas Theatralischeres vielleicht – ich weiß es nicht. Ich sage nicht, dass ich nicht mehr auf die Bühne gehe, aber nicht in Bezug auf die Compagnie.“

Seine Erfahrung als Tänzer wird er beim Wiener Staatsballett im Ballettsaal einbringen, „denn ich denke, was sich auf der Bühne abspielt, wird auch davon abhängen, was ich ihnen geben kann - an Energie und Können. Und da ich diese Saison nicht choreografiere und alle Ballette kenne und sie getanzt habe, denke ich, dass ich den Tänzern viel Erste Hilfe leisten kann. “ So wird er beispielsweise auch bei der Inszenierung von Rudolf Nurejews „Don Quixote“ eine aktive Rolle spielen.

Hommage an den Mentor Rudolf Nurejew

Rudolf Nurejew, Legris’ Mentor und Vorbild für so viele Tänzer seiner Generation, läuft wie ein roter Faden durch das Programm. „Die Nurejew-Gala wird jedes Jahr stattfinden. Dieses Jahr habe ich den Inhalt noch nicht ganz festgelegt, aber es werden Ausschnitte aus seinen Balletten getanzt, die man in Wien vielleicht nicht kennt, die er in Paris gemacht hat, wie sein ‚Cendrillon’. Ein anderer Teil wird mit den Leuten sein, die für ihn bedeutend waren wie John Neumeier. Diese Gala erlaubt es mir auch andere Choreografen einzuladen, denn ich kann nicht fünf Jahre lang nur Nurejew-Ballette machen, sondern es soll alles Platz haben, was mit Rudolf in Beziehung steht, vielleicht in einem Jahr mit dem, was sich in London abgespielt hat, in Paris, in Wien. Ja, und in diesem Jahr wird es auch Gäste geben. Die Nurejew-Gala wird international sein.“

Das ist eine Ausnahme, denn in seiner ersten Spielzeit hat der neue Ballettchef bisher noch keine internationalen Startänzer eingeladen. „Damit sich die TänzerInnen entfalten können, werde ich in dieser Saison nicht viele Gäste einladen. Vielleicht vereinzelt, aber ich möchte, dass die TänzerInnen ihren Platz finden und damit das Publikum sie auch in der ersten Reihe sieht. Natürlich ist es immer aufregend, sehr, sehr gute Tänzer in Wien zu sehen und dass die Leute dann davon profitieren können. Dagegen habe ich nichts, aber in dieser Saison möchte ich, dass die Tänzer viel auf der Bühne stehen und das Publikum sieht, dass sie hier Talente haben.“

Nachwuchsförderung

Jene Talente, die im Corps de ballet noch nicht das Spotlight auf sich ziehen, wird das Publikum an dem Abend „Junge Talente des Wiener Staatsballetts“an der Wiener Volksoper entdecken können. Die Idee dafür hat Legris aus Frankreich mitgebracht. „Das hat man in Frankreich nicht nur an der Pariser Oper, sondern in mehreren Compagnien für drei oder vier Abende. Man nimmt die jungen TänzerInnen der Compagnie, die sehr begabt, aber natürlich noch keine Stars sind und man gibt ihnen die Chance Pas de deux oder Gruppenstücke zu tanzen und bringt sie ins Rampenlicht. Man präsentiert also die zukünftige Generation von Stars und Solisten. Der Abend wird Auszüge aus dem klassischen und zeitgenössischen Repertoire beinhalten. Wie eine Gala, aber nicht nur Pas de deux. Man wird ein Maximum an jungen, begabten TänzerInnen in bekannten, aber auch unbekannten Choreografien sehen,. Das ist für mich auch wichtig, denn man kann keine guten Vorstellungen machen, wenn man die Aufmerksamkeit nur auf die SolistInnen lenkt. Für mich ist es auch wichtig, dass die Jungen fühlen, dass sie eines Tages in den Spotlight aufsteigen können. Ich hoffe, dass sie dieser Abend ermutigt zu arbeiten, weil sie sich sagen: vielleicht werde ich morgen Marie-Antoinette sein oder Kitri. Dieser Abend ist wirklich dafür gedacht und es ist wichtig, dass die Stimulation auf allen Ebenen der Compagnie da ist.“

Es gibt nicht den Besten

Der vielfach ausgezeichnete Tänzer ist bei allem Ruhm bescheiden geblieben. Für Legris gibt es in der Kunst kein „best of“. Auch wenn man ihn zum „besten Tänzer“ gekürt hat. Das Attribut irritiert ihn eher: „ Für mich gibt es keine beste Compagnie der Welt. Auch wenn man mich in Paris fragt: Wie ist es die Beste Compagnie der Welt zu verlassen ... Ich verlasse nicht die beste Compagnie der Welt, sie ist eine wunderbare Compagnie, aber sie hat ihre Qualitäten und ihre Fehler. Oder der beste Choreograf? Es gibt keinen Besten Choreografen. Oder der Beste Tänzer. Einmal hat man mir den Prix Nijinsky verliehen als Bester Tänzer und man hat mich gefragt: Was machen Sie um der Beste Tänzer der Welt zu sein? Und ich habe geantwortet, wie kommen Sie darauf, dass ich, Manuel Legris, der beste Tänzer der Welt bin? Das ist doch absurd. Jeden Tag bin ich im Ballettsaal mit mindestens einem Tänzer, der besser ist als ich. Ich habe einen Ruf, ich bin sicher ein guter Tänzer, ich hoffe zumindest, aber das gibt keinen Sinn. Niemand ist der Beste.“

Daher hat der auf fünf Jahre verpflichtete Neo-Direktor in Wien auch realistischer Pläne für seine Compagnie. „Auf verschiedenen Ebenen wünsche ich mir, dass die Leute, die hierher zum Arbeiten kommen, die Choreografen, Lust haben, wiederzukommen. Manchmal höre ich, dass sie da waren und nicht über eine gewisse Zeit hinaus arbeiten konnten, weil dann die Gewerkschaft kam, das war der Horror ... Ich möchte, dass sich die Leute gut fühlen, wenn sie hier sind, dass sie willkommen sind, dass es eine wirkliche Arbeitsatmosphäre gibt. Und dass das Publikum schöne Vorstellungen sieht mit guten TänzerInnen und dass die Compagnie ein gutes Niveau hat. Ich wünsche das Beste, aber auf verschiedenen Ebenen ...
Also erhoffe ich mir einfach eine Anerkennung in Bezug auf die Tänzer, auf das Theater, dass man von Wien sagt, das ist wirklich eine Stadt, in der man etwas machen kann. Das macht mir Freude. Und dass man über das Publikum sagt, ah, das Publikum in der Wiener Staatsoper schätzt seit einigen Jahren auch ein gemischtes Programm mit Stücken von Kylian, wie auch den ‚Nussknacker’. Ich denke, sobald man Aufführungen mit Qualität vorstellt, und die Sachen zu erklären weiß, sind alle offen. Natürlich kann man konservativ sein und eine Sache mehr mögen als die andere. Aber mal ehrlich, mir ist doch immer eine temperatmentvolle Aufführung lieber, wenn die Dinge intelligent und nicht erzwungen präsentiert werden.
Wir wissen alle, dass das Ballett nicht wirklich willkommen war in der Oper. Man hat immer genug Touristen, aber es müssen die Wiener, die Leute in der Stadt auf ihre Compagnie stolz sein.“

Wiener Staatsoper und Volksoper

Die Zusammenlegung der Ballettcompagnien der Wiener Staatsoper und Volksoper funktioniert nicht ideal. Es wird gemunkelt, dass die beiden Ensembles doch wieder besser getrennte Wege gehen sollen. Stimmt das?

„Für mich steht überhaupt nicht zur Debatte“, verneint Legris vehement. „Es steht außer Frage, dass ich eine Entscheidung treffe, bevor ich die Situation kenne und weiß, wie es läuft. Mit der Volksoper haben wir 30 Aufführungen mehr. Wenn wir das verlieren, haben wir nur noch 55 Aufführungen. Das finde ich nicht genug, also müssten wir etwas anderes suchen. Im Moment sehe ich keinen Handlungsbedarf. Wenn man nach zwei Saisonen sieht, dass es nicht funktioniert, dass keiner zufrieden und alle, vor allem die TänzerInnen unglücklich sind, dann wird man sehen.
Zu sagen, dass die beiden Compagnien eine Truppe sind, ist auch nicht wahr, denn es ist sehr schwierig die Programmation zu machen. Zum Beispiel wollte ich bei Marie-Antoinette alle zusammen haben, das ist aber wegen der Planung unmöglich. Natürlich sind die TänzerInnen der Volksoper traurig, denn es ist ein Ballett der Volksoper und sie können nicht darin tanzen. Wenn sie also traurig sind, und ich traurig bin und alle traurig sind, dann wird es sicher nicht weitergehen. Aber das ist noch nicht entschieden. Ich will mir das erst einmal genau ansehen. Nur wenn alle unzufrieden sind, wird man die Compagnien wieder trennen. Wenn man aber einen Weg zum arbeiten findet und der ist befriedigend, auch für die Volksoper, habe ich nichts dagegen. Solange ich meine Arbeit machen kann.“

www.manuel-legris.com