superamax2Seit 15 Jahren hält sich das Kollektiv Superamas auf den internationalen Bühnen. Aus der Kreuzung sämtlicher Genres gestaltet der Supersternenhaufen mit fröhlicher Ironie hybrides Theater, das am schönen Schein kratzt. Mit „SuperamaX“ wird  im Tanzquartier das 15jährige Jubiläum gefeiert und die Erkenntnis gewonnen, dass auch Superamas altern. 

Kühn, sich noch vor dem ersten Erfolg als „super“ zu bezeichnen, sich „Superamas“ zu nennen. Die Ironie im Namen ist nur von Frankophonen zu erkennen. Von deutschsprachigen Astronomen übersetzt, klingt das weniger elegant: Supersternhaufen, die größten Strukturen die wir im Universum entdeckt haben.  „Superamas“ ist also der Name einer Compagnie, die seit 15 Jahren auf internationalen Bühnen beste Unterhaltung mit Esprit und kritischem Unterton garantiert. Ein super Haufen, daran ist nicht mehr zu rütteln.

Das Attribut „super“ haben Kritik und Publikum längst betätigt, den Haufen haben die Herren aus Frankreich, Österreich und Belgien selbst gebildet. „Wir sind ein Kollektiv, es gibt keinen Chef.“ Oder jeder kann für Momente der Chef sein, der Lichtdesigner ebenso wie der Musiker oder die Tänzer und Darsteller. Deshalb werden die einzelnen Sterne dieses Haufens auch nicht mit dem Familiennamen angeführt. Sehr praktisch. Auch „Experten“ von außen will Superamas nicht haben. „Die Experten sind wir.“ Entweder jeder oder keiner. Wie die Musketiere: Alle für einen, einer für alle. superamax3

Keine passende Schublade. Gesprächspartner ist also Philippe. Im bunt bevölkerten Areal des Arsenals, wo die Räume und Hallen der Bundestheater im Sommer vom ImPulsTanz Festival für Workshops und Training genutzt werden, arbeitet er mit professionellen Tänzerinnen und Choreografen an der Stückentwicklung. Schon seit bald 15 Jahren lebt der Franzose mit der Familie in Wien. Als die Gruppe in „dietheater“ (heute „brut“) zum ersten Mal aufgetreten ist, hat es geknallt. „Coup foudre – Liebe auf den ersten Blick.“

Individuell und neu. Das reicht an persönlichen Informationen, schließlich geht es um das Kollektiv, „ein europäisches“, betont Philippe. Er kam über den Kampfsport und Hip Hop zum Tanz. 1980 gab er sein erstes Solo: Acht Minuten lang. Eine Ewigkeit für einen jungen Künstler und wenig Befriedigung für Philippe. Seine Bühne war eine andere, neues Theater wollte er machen: „L’art individuelle.“ Im Freundeskreis fanden sich Gleichgesinnte. Nicht alle hatten ursprünglich mit dem Theater zu tun. Kino, Design, oder Politikwissenschaften können als Herkunftsfelder genannt werden. Dieser multikünstlerische Zugang bestimmt auch heute noch die Richtung von Superamas: „Wir vereinen sämtliche Genres. Theater, Oper und Tanz, bildenden Kunst und Design, Video und Film, Installationen und Ausstellungen. Alle Medien sind für uns gleichwertig.“ Auch Bücher hat Superamas schon herausgegeben. All diese spielerisch auf den Markt geworfenen Aktivitäten sollen das Publikum sowohl unterhalten als auch animieren, einen Blick hinter den Spiegel zu werfen. Das Theater ist keine Kirche. „Wir zeigen die Oberfläche und kratzen zugleich daran. Aber wir belehren nicht, die Schlüsse aus unseren mit allen Genres gewaschenen Aufführungen muss das Publikum schon selber ziehen.“ Nicht immer fällt es leicht, im rasanten Mix aus optischen und akustischen Eindrücken, aus Bewegung und Stillstand, hinter die Kulissen des fröhlichen Treibens zu blicken.

superamax1Dem Vorwurf der puren Oberflächlichkeit begegnet Superamas mit Gelassenheit: „Natürlich wollen wir die Menschen nicht langweilig, sie sollen glücklich aus dem Theater gehen. Wir beantworten auch keine Fragen, sondern stellen sie.“ Als „europäische Compagnie“ kann Superamas (verdeutlicht durch Philippe) das Publikum recht gut unterscheiden: „In Frankreich wird nach jeder Vorstellung überaus lebhaft diskutiert, auch gefragt und kritisiert. In Österreich bleiben die Leute stumm oder reden gleich nach dem Applaus über ganz etwas anderes, über Themen, die nichts mit dem Stück zu tun haben.“ Macht auch nichts. Superamas bleibt locker: „Das Theater ist keine Kirche. Unterhaltung ist für uns das Transportmittel für Kritik.“ Kritisiert wird alles, was Tag für Tag sauer aufstößt. Das Themenspektrum von Superamas ist so breit, wie die Gruppe fleißig und aktiv ist. Die Event-Kultur wird da ebenso in Performances oder Videoinstallationen, oft ergänzt durch eine eigene Website, aufgeschaufelt, auseinander genommen und neu zusammengesetzt, wie Politik und Wirtschaft, Krieg und die Illusion des Friedens. Nach 15 Jahren aber fühlt Superamas, dass es Zeit ist, das eigene Innere nach außen zu kehren. Kollektives Outing auf der Bühne. Mit der Erkenntnis: „Wir sind SuperamaX.“

Eine ernst zu nehmende Komödie. Da geht es ans Eingemachte, weil das Kollektiv erkennen muss: „Wir sind alle älter geworden, aber unsere Frauen werden immer jünger. Die Welt hat sich gewandelt, wir stehen vor neuen Herausforderungen auf allen Gebieten, Wirtschaft, Politik, Medien“, – verschmitztes Lächeln ist jetzt angebracht –, „Sex, Tanz und Theater.“ Auch Superamas muss sich verändern, wird zu SuperamaX. Kein Grund für Krokodilstränen: SuperamaX spielt genauso Theater wie das alte Ego.Wie kann man denn in der heutigen Welt der Profitmaximierung und des Habenwollens überleben, ohne sich daran zu beteiligen? Eben gar nicht. SupermaX weiß das und trifft die mutige Entscheidung, Unternehmer zu sein. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten, SuperamaX setzt auf Forschung und Entwicklung und weiß bald, was Hund, Katz, Mann und Frau wünschen. Einschub: Im Sternenhaufen ist seit je auch eine Frau tätig, nicht auf der Bühne allerdings. Caro ist für Management und Kommunikation sowohl bei Superamas als auch für SuperamaX verantwortlich. Die verschiedenen Geschäftsfelder, die zum sich ausweitenden SupermaX-Imperium gehören, gehen sie allerdings nichts an. superamax4

SupermaX kümmert sich um die Rechte und die Befindlichkeit  der Tiere, sorgt sich um das Wohlergehen der Menschen. Und wann geht es den Menschen wirklich gut? Klar Geld, Gesundheit, doch am wichtigsten ist guter Sex. Deshalb wird sich SuperamaX mit Cindy Gallops Website "makelovenotporn.com" zusammentun und zeigen, dass der vom Kreativteam erfundene „alternative Kapitalismus“ (akzeptable Preise, individualisierte Produkte, flexible Dienstleistungen) auch SuperamaX ein gutes Leben ermöglicht. Philippe schwärmt vom neuen Geschäftsmodell, ist nicht mehr Philippe sondern (ein Teil von) SuperamaX, schlau, gierig, die Dummheit der Menschen geschickt nutzend. Gespiegelte Sonnenbrille? Gegeltes Haar? Cabrio Fahrer? Gänsehaut! Entwarnung: „SuperamaX ist auch eine Komödie!“ Allerdings mit Vorbehalt: „Kein Einlass unter 16 Jahren“ steht am Eingang zur Halle G.

Superamas: SuperamaX, Uraufführung, 23., 24., 25.10. Tanzquartier

Eine gekürzte Fassung des Beitrages ist am 17. Oktober im Kulturmagazin der Tageszeitung "Die Presse" erschienen.