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Mit 1. Jänner 2009 wurde Karina Sarkissova zur Solistin ernannt. Die vielseitige Tänzerin hatte in den vergangenen Jahren in den verschiedensten Rollen reüssiert, zuletzt in der „Mayerling“-Produktion sowohl die Mitzi Caspar als auch die Gräfin Larisch überzeugend verkörpert und damit nicht nur das Publikum begeistert. Diese beiden so kontrastreichen Rolleninterpretationen waren in einer langen Liste von vielgestaltigen Partien ausschlaggebend für Ballettdirektor Gyula Harangozó das Avancement bekannt zu geben. Karina Sarkissova freut sich natürlich sehr über das Avancement zur Solistin, aber noch wichtiger als die lobende Anerkennung durch den Ballettchef ist ihr die Rückmeldung durch das Publikum - schließlich tanzt sie in erster Linie für die Zuschauer, die sie mit ihrer Darstellung emotional berühren will.

Engagement an die Wiener Staatsoper
Zwei Jahre lang war Alex Ursuliak ihr Lehrer in St.Pölten, was sie als großen Glücksfall bezeichnet, verdankt sie ihm ihre so intensive und optimale Betreuung und Schulung. Er bereitete sie auch für die ersten Ballettwettbewerbe vor, an denen sie teilnahm - der Erfolg spricht für sich: 1.Platz bei Rieti Danza (1998), 2.Platz beim Internationalen Ballettwettbewerb St.Pölten (1998) und Sieg beim Fouetté Artek Jalta (1998).
Eine schicksalhafte Weichenstellung in ihrem jungen Leben erfolgte aber mit dem Sieg beim Prix de Lausanne 1999. Zu der Zeit war zwar Alex Ursuliak nicht mehr ihr Lehrer, aber „da war schon alles in meinem Körper.“ Renato Zanella saß in der Jury und bot der 15jährigen als Siegerin ein Engagement an der Wiener Staatsoper an. Er klärte die Formalitäten mit Michael Fichtenbaum als Leiter der St.Pöltner Ballettschule - und Karina Sarkissova fand sich im Jahr darauf glückstrahlend mit einem fixen Vertrag in Wien wieder! Seit ihrem 16.Lebensjahr ist sie Corps de ballet-Mitglied; vier Jahre später wurde sie zur Halbsolistin befördert. Jetzt ist sie solotänzerin. Sie liebt die Wiener Staatsoper und ihr Publikum - sie kann sich nicht vorstellen, diese Compagnie und dieses Opernhaus zu verlassen.

Die erste Zeit in Wien
Ihr erster Auftritt in Wien war als Bettlerin in Manon. Die kartonierte „Goldmünze“, die ihr Vladimir Malakhov damals als Des Grieux zugesteckt hat, behielt sie als Glücksbringer - eigentlich müssen ja Requisiten nach der Vorstellung zurückgegeben werden. Aber sie war so überwältigt davon, erstmals mit einem Weltstar auf der Bühne zu stehen, dass sie dies als persönliches Andenken an diesen Moment stets erinnern sollte. Ein paar Jahre später tanzte sie bereits als seine Partnerin - als Kalliope war sie eine der Musen für Apollo.
Zum Einstand schenkte ihr der damalige Ballettchef Renato Zanella auch eine Karte für eine Vorstellung von der „Bajadere“ mit Simona Noja als Hamsatti und Vladimir Malakhov als Solor. „Ich saß in der Mittelloge in der ersten Reihe und war begeistert“, erinnert sie sich an den aufregenden Abend. - Seither ist die „Bajadere“ ihr Lieblingsballett und sie wusste schon damals: diese Partie will ich auch einmal tanzen! Dazu kam es dann auch später. „Leider hat es sich bis jetzt erst einmal ergeben, dass ich diese Rolle getanzt habe“, bedauert sie. „Selbst wenn man häufig im Ballettsaal probt, nur durch oftmaliges Tanzen auf der Bühne entwickelt man die Rolle für sich“.

Wichtige Rollen
Ihr persönliches breites Spektrum umfasst neben den bereits genannten Partien u.a. auch Zulma in Elena Tschernischovas „Giselle“, Gefährtin des Prinzen und Ungarische Tänzerin in Rudolf Nurejews „Schwanensee“, Fee des Ehrgefühls in Peter Wrights „Dornröschen“, Herbst in Zanellas „Aschenbrödel“, Italien in Zanellas „Der Nußknacker“, Primadonna in „Platzkonzert“ von Gyula Harangozó sen., Partien in Marius Petipas Grand Pas aus „Paquita“, George Balanchines „Apollo“, Ji_í Kyliáns „Petite Mort“, Zanellas „Bolero“, „Beethoven Opus 73“, „Sensi“ und „Duke's Nuts“, Ben van Cauwenberghs „Tanzhommage an Queen“. In Zanellas „Renard“ kreierte sie die Partie des Fuchses.
Gern hätte sie wieder einmal die Phrygia in Zanella´s Spartacus getanzt. Damals bei Ihrem Debut war sie erst 19 Jahre alt und fühlte sich dabei etwas unsicher, sich noch nicht überzeugend genug in ihrer allerersten großen Hauptrolle entfalten zu können. Aber jetzt, aus der Distanz und mit mehr Bühnenerfahrung hätte sie sich gerne noch einmal mit dieser Frauenfigur auseinander gesetzt. Ganz besonders wichtig für sie war der Pas de deux „Whirling“, den sie mit Mihail Sosnovschi getanzt hat und den ihr Kollege András Lukács choreografiert hat. „Dieses Stück dauerte nur 5 Minuten und war ohne Handlung, aber ich war besessen davon. Ich hab mir etwas eigens dazu ausgedacht und war monatelang damit innerlich beschäftigt. Dieser Pas de deux hat einen tiefen Eindruck in mir hinterlassen.

Gegensatz oder Ergänzung: Arbeit als Choreografin und Tänzerin
Die Offenheit Neues auszuprobieren führte sie 2004 zu ihrer ersten Choreografie. „Das war wie eine weitere Tür, die sich für mich geöffnet hat, also wieso nicht ausprobieren?“ resümiert sie. Sie hat sich drauf eingelassen und auch 2006 schuf sie erneut für choreo.lab ein eigenes Stück. Mittlerweile ist sie fast süchtig danach etwas zu kreieren. Derzeit ist sie wieder in der „Qualphase“. So bezeichnet sie die Zeit bis sie ihre Entscheidung über die nächste Kreation getroffen hat. „Als Choreografin kann ich alles machen, jedes Thema, jede Musik - also was nehme ich? Im Kopf ist mein nächstes Stück schon fertig, aber die Proben dazu beginnen erst jetzt“, spricht sie über ihren Zugang zum kreativen Prozess, den sie als sehr Disziplin fördernd ansieht. Das neue Werk will sie ihrem verstorbenen Vater widmen.
Als Tänzerin hat sie am liebsten alles was „Text“, also Handlung hat. Sie tanzt ihre Schritte, weil sie dabei etwas fühlt, etwas mit und durch ihren Körper ausdrücken möchte. Circensisches wie z.B. Paquita-Variationen sind ihr aber eine spannende Abwechslung - die durchgängigen Gestaltungen in einem Handlungsballett erfüllen sie aber mehr.

Tänzerin und Mutter
Mit 18 Jahren hat sie sich bereit gefühlt für ein Kind. Sie benötigte eine Pause von der Bühne und sehnte sich nach Privatleben. „Für mich gab es als Tänzerin nur zwei Möglichkeiten - entweder gleich zu Beginn oder erst nach der Karriere schwanger zu werden“, erläutert sie. „Für mich war es so richtig, weil ich seit meinem vierten Lebensjahr nichts anderes als Ballett gemacht habe und daher mir Zeit für eine eigene Familie nehmen wollte. Die anderen Mädchen in der Compagnie haben gesehen, dass beides vereinbar ist - Beruf und Familie - und so gab es danach einen richtigen Babyboom.“ Ein Kindermädchen hilft ihr im Tagesablauf. “Manchmal muss ich weinen, weil es so schwer ist, alles zu organisieren. Als er noch klein war, hatte ich immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich auf einem Gastspiel war und dann länger nicht bei meinem Kind sein konnte, weil ich eine Entwicklungsphase verpasst habe“, seufzt sie. Sie verbringt daher immer so viel Zeit wie möglich mit ihrem Sohn Gabriel, der mittlerweile in die erste Klasse Volksschule geht. Wenn sie aus der Oper heimkommt, kontrolliert sie stets noch seine Hausaufgaben, obwohl er ein sehr guter Schüler ist. Der Junior ist auch ein begeisterter Fußballer - worüber sich die Mama als großer Fußball-Fan besonders freut. Gabriel ist ihr Ein und Alles. „Männer und Beziehungen können sich ändern, aber ein Kind bleibt einem für immer“, meint sie.

Talentiert und sehr begabt
Eigentlich im „Balletthimmel“ in Moskau geboren und aufgewachsen, erscheint es auf den ersten Blick verwunderlich, dass Karina Sarkissova nach Österreich wechselte, um dort ihre Ballettausbildung abzuschließen. Ein einschneidender Schicksalsschlag veränderte jäh die Situation. Als Karina zwölf Jahre alt war, starb ihr Vater völlig unerwartet. Dieser Schock war ein schweres Trauma, hatte der Vater doch in ihrer Kindheit eine bedeutende Rolle gespielt. Er war es, der sie dazu anhielt die Menschen stets zu beobachten, sei es auf der Straße oder im Kaffeehaus, um aus allen Gegebenheiten etwas für sich selbst zu lernen. Rückblickend weiß sie das heute besonders zu schätzen, hat ihr diese offene Aufmerksamkeit für ihre Umgebung viel für späteres Rollenstudium geholfen. Obwohl vom Beruf her ein Ingenieur, verdankt sie seinem feinsinnigen Kunstverstand viel für ihren weiteren Lebensweg. Er hat sie immer darin unterstützt, wenn es um ihre künstlerische Ader ging. Die Zeit mit ihrem Vater hat sie sehr geprägt und der unerwartete Tod ließ eine Welt in ihr zusammenstürzen.

Glückliche Kindheit
Ihre Eltern ermöglichten der einzigen Tochter alles, was in für ein aufgewecktes, interessiertes Kind in Frage kam. So hat sie gemalt und gesungen, lernte Gesellschaftstanz. „Als mich meine Mutter erstmals in eine Ballettvorstellung mitnahm war ich ganz besonders von dem magischen Augenblick fasziniert, wenn das Orchester zu spielen beginnt und sich der Vorhang hebt. Diese spezielle Atmosphäre hat mich damals schon mit vier Jahren gefangen genommen. Die Theaterluft war wunderbar“, erinnert sich Karina Sarkissova. „Ich wollte dort immer wieder hin und meine Mutter erklärte mir, dass es viel Arbeit bedeutet, bis man auf der Bühne steht. Ich wusste, dass ich unbedingt ans Theater will.“ Also kam das bewegungsfreudige Kind in eine Ballettschule. Bereits ein Jahr später stellte sich bei einer Prüfung dort heraus, dass bei ihr körperliche Voraussetzungen vorhanden wären, die für eine professionelle Ausbildung sprechen. Also machte sie die Aufnahmsprüfung an die Bolshoi Ballettschule - und wurde aufgenommen. Damit stand für die Eltern fest, ihre Tochter nach besten Kräften zu unterstützen: die Mutter gab ihre Arbeit auf, um die kleine Karina zu den diversen Ballettstunden zu begleiten, erhielt sie doch auch zusätzlich privaten Unterricht und besuchte auch Charaktertanzstunden neben der eigentlichen intensiven Ausbildung.

Abschied und Neubeginn
Auch der Wechsel nach Wien beruhte auf einem positiven Erlebnis. Bei einer Aufführung in der Bolshoi Ballettschule entdeckte Alex Ursuliak sie und bot ihr ein Stipendium für die neu gegründete Ballettschule in St.Pölten an. Der bekannte Pädagoge wollte dort jungen Menschen für ein Leben im Ballett fördern und vorbereiten. In langen Gesprächen berieten sich Mutter und Tochter. Der Vater war gerade gestorben, die Mutter verzweifelt. Trotz der großen Begabung schien es schwierig, in Moskau als eine von vielen den Sprung an die Ballettspitze zu schaffen. Von St.Pölten hatten zwar beide noch nie gehört, aber Karina musste so mit einem Schlag erwachsen werden und fühlte sich bereit, mit ihren 13 Jahren die Heimat zu verlassen, um in der Fremde ihre Ballettausbildung fort zu setzen, war sie doch schon in diesem Alter felsenfest davon überzeigt unbedingt Tänzerin werden zu wollen. Von der Mutter in den ersten beiden Wochen begleitet, half danach die Ablenkung durch die neue Umgebung das Heimweh zu verdrängen. Heute ist Karina Sarkissova ja bereits selbst Mutter und kann nachvollziehen, was es bedeutet, ein Kind so früh fortgehen zu lassen. Sie ist ihrer Mutter daher zutiefst dankbar und versteht, was diese damals durchgemacht haben muss.

Veränderung als Chance
Sie liebt Veränderungen, ist aber alles andere als oberflächlich. Diese Wandelbarkeit spiegelt sich bei ihr im Leben wie im Beruf wider. So wechselt sie gern und häufig Frisur und Haarfarbe. Wegen ihrer temperamentvollen Lebhaftigkeit ließ man sie während ihrer Ballettschulzeit immer die spritzigen Partien übernehmen: sie durfte die Kitri-Variationen tanzen oder den Bauern-Pas de deux und war damit auf eine Richtung festgelegt worden. Dabei wollte sie immer eine Rolle gestalten, etwas „spielen“. Mit ihrer Hartnäckigkeit stellte sie ihr diesbezügliches Können unter Beweis und überzeugt nun in vielerlei Partien. Beim Rollenstudium haben ihre Mitmenschen oft bemerkt, dass sie sich anders benimmt, so sehr nimmt sie die neue Aufgabe gefangen. Sie spricht dann viel darüber, denkt nach, um sich in dieser steten Auseinandersetzung die Rolle zu verinnerlichen. Sie geht mit ihrer ganzen Seele darin auf, gibt alles und will damit das Publikum erreichen. Für sie selbst, die gern ins Theater oder Kino geht, war es nur dann ein „guter“ Abend, wenn sie mit einem Gefühl nach Hause gehen konnte, das sie aus dem Gesehenen mitnahm, egal ob es Freude, Mitleid oder Hass war. Schlimm ist es für sie nur, wenn sie „leer“ bleibt. Daher will sie auch als Tänzerin Emotionen vermitteln und die Zuschauer im Inneren berühren. So gibt es für sie keine Routine, sie genießt alle ihre Auftritte, selbst bei mehrmaligem Tanzen hintereinander bemüht sie sich immer darum, zumindest in Nuancen Kleinigkeiten anders zu interpretieren damit es „anders“ wird. Jede neu zu übernehmende Partie sieht sie daher als großes Experiment, als nächste Hürde, also eine Stufe höher und spannender als „normales“ Repertoire. So wünscht sie sich eine abendfüllende dramatische Frauengestalt verkörpern zu dürfen als neue tänzerische und interpretatorische Herausforderung.

Emotionalität und Authentizität
Ihr Leben verlief bisher sehr turbulent. Dennoch ist sie sehr froh darüber, wie alles gekommen ist. Vieles hat sich für Karina Sarkissova durch glückliche Fügung ergeben - so war sie verlässlich stets zur Stelle, hat oft Partien „aus dem Stand“ übernommen, weil eine Kollegin kurzfristig durch Verletzung ausfiel. So geschah es auch mit dem Part der Gräfin Larisch - was ihre Tänzerkarriere daraufhin so bestimmend verändert hat.
Statt „alles oder nichts“ lautet ihr Leitmotiv daher auch „immer alles und das ganz“. Denn:
„Ich gehe immer aufs Ganze, was immer es gibt - ich weine oder explodiere vor Glück - ich bin in allem hundertprozentig.“