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davidebombanaDer gebürtige Mailänder Davide Bombana stellt sich mit „Carmen“ erstmals in Wien als Choreograf vor. Nach seiner Tänzerkarriere arbeitete er auch als Ballettmeister (1991 bis 1998 Ballett der Bayerischen Staatsoper) bzw. als Ballettdirektor (1998/99 Maggio Danza/Florenz) und ist jetzt freischaffender Choreograf. Einige Werke seines umfangreichen Œuvres wurden ausgezeichnet, so erhielt Bombana u.a. für „Ein Traumspiel“ (nach Strindberg.) 1998 in Moskau mit dem „Prix Benois de la Danse“ die in der Ballettwelt bedeutendste Auszeichnung. Als bester italienischer Choreograf außerhalb Italiens erhielt er für „Lolita“, „La Septième Lune“ und „Kunst der Fuge“ den „Premio Danza e Danza 2004“.
Mit der Premiere an der Wiener Volksoper am 21.11. gelangt ein Sujet als Ballett auf die Bühne, das in seinem Titel alles vereint, was man unter personifizierter Leidenschaft versteht. „Carmen“ steht als Synonym für Erotik und Zerstörung; letztlich erlöst erst der Tod durch Mord die unglückselige Verstrickung des einstigen Liebespaares Carmen und Don José. Als Opéra Comique in vier Akten von Georges Bizet (mit dem Libretto von Meilhac und Halévy nach der gleichnamigen Novelle von Mérimée) 1875 in Paris uraufgeführt, faszinierte der Handlungsstoff aber bald danach die Choreografen - Marius Petipa schuf das erste „Carmen“-Ballett noch im Jahr der Opernuraufführung. Mittlerweile gibt es u.a. Kreationen von Kasian Goleisowski, Ruth Page, Roland Petit, Alberto Alonso, John Cranko und Mats Ek. Aufsehen erregend war vor allem die Flamenco-Version von Carlos Saura mit Antonio Gades und Laura del Sol.

Bekanntes Thema in neuer Interpretation
2006 brachte Davide Bombana „Carmen“ für Toulouse heraus. Zum Unterschied zum Opernlibretto fügte er zur Intensivierung der Dramatik Figuren aus der Novelle ein, wie Garcia, den Ehemann Carmens. Diese von der Kritik ob ihrer „artistisch neuklassisch auflodernden Bewegungssprache“ gerühmte Version wurde zuletzt in Toronto aufgeführt. Wie erläutert der Choreograf seinen Bewegungsstil? In seiner Ausbildung, die er an der Ballettschule der Mailänder Scala absolvierte, ist er mit dem klassischen Ballettvokabular aufgewachsen. Später als Tänzer - er war Erster Solist an der Mailänder Scala und hatte auch Engagements beim Pennsylvania Ballet, Scottish Ballet, London Festival Ballet und dem Ballett der Bayerischen Staatsoper - arbeitete er mit vielen verschiedenen Choreografen und sah viele zeitgenössische Stücke. So fand er zu seinem persönlichen Stil, den er als neoklassisch mit Tendenz zu zeitgenössisch bezeichnet. Da er gern die Damen weiterhin in Spitzenschuhen sieht, versucht er durch seine Bewegungssprache der neoklassischen Linie mehr Freiheit und Dynamik zu geben und verbindet für sich damit beide Tanzwelten: der prägnanten Schärfe der Spitzentechnik stellt er die zeitgenössische Bewegungsfreiheit auf Halbspitze gegenüber. Für die Partie der Micaela geht er noch weiter - sie tanzt barfuß.
Ursprünglich hatte er seine „Carmen“ als Einakter konzipiert. Durch das Angebot von Direktor Harangozó, die Fassung auf abendfüllend auszudehnen, konnte er einige dramaturgische Ergänzungen einbauen, um die handelnden Figuren besser einzuführen. Natürlich war es eine große Herausforderung, ein fertiges Produkt neu aufzurollen und zu bearbeiten - jetzt sieht er diese Version als „definitiv“ an - sie ist in seinen Augen „runder“, stimmiger. Für ihn spiegelt „Carmen“ die Beziehungssituation der heutigen Zeit wider. Die Liebe ist rauer, die Leidenschaft brennt und verbrennt letztlich die Protagonisten. Es ist eine harte, Besitz ergreifende Beziehung, die eruptiv in Gewalttätigkeit mündet. Es herrscht eine konstante Spannung in der Liebe, sie kann nicht frei sein, sondern bleibt heftig verlangend: den Liebenden scheint die Isolation, also die Trennung erstrebenswerter als einen Kompromiss einzugehen, um miteinander leben zu können. Daher sind auch die Pas de deux zum Teil isoliert - die beiden Partner tanzen nebeneinander, nicht miteinander. Carmen und José sind 2 sehr gegensätzliche Kräfte, wie 2 Magnete, die sich zwar anziehen, aber durch ihre Gegenpoligkeit gleichzeitig abstoßen. Carmen ist eine selbstbewusste, sehr sinnliche Frau, die sich selbst gehören will und sich nicht für einen Mann aufgibt - das stürzt José in eifersüchtige Raserei, er kann letztendlich nicht mehr zwischen Realität und Wahnvorstellung unterscheiden. Auch Garcia als Carmens Ehemann kann sie nicht auf Dauer an sich binden. Micaela hingegen ist die ruhige, introvertierte, die sich die Beziehung mit José zurück wünscht. In ihrem Solo explodiert sie wie bei einem Vulkanausbruch - und gleichsam aus dieser Zurückhaltung ausbrechend, tritt ihre innere Sinnlichkeit zu tage. Das typische spanische Klischee wird erst mit dem Auftritt der Toreros bedient. In einer schrillen Szene erscheint Escamillo als personifizierte Maskulinität - siehe Mythos Stier - und lässt damit Jose die verhängnisvolle Tat begehen. Offen bleibt bei Bombanas Deutung, ob es sich um Traum oder Realität handelt, wenn Carmen sich in Josés Messer stürzt.

Ungewöhnliche Musikcollage
Als musikalische Hauptquelle benützt der Choreograf die „Carmen“-Suite von Rodion Schtschedrin, der diese Komposition als Neuarrangement der Musik von Bizet für seine Frau, die Bolshoi-Primaballerina Maja Plissetzkaja geschaffen hat. Die bekannten Melodien sind sicherlich jedem im Ohr. Zusätzlich kommt Musik von Meredith Monk, Alexander Knaifel, Walter Fähndrich und Les Tambours du Bronx zum Einsatz (Musikarrangement: Béla Fischer); Dirigent des Orchesters der Volksoper Wien ist Guido Mancusi. Bombana verwendet sehr gerne Musikcollagen und für Wien damit die Kombination von Live-Orchester und Tonbandzuspielung. Dabei erachtet er es als durchaus schwierig, bei Einsatz von so verschiedenartigen Klängen wie hier bei seiner „Carmen“ dennoch die richtige Balance zu finden, damit trotz allem Gegensätzlichen Harmonie stattfindet und alles seinen dramaturgischen Sinn hat. Er siedelt seine Figuren in 2 Ebenen an - neben der rationalen Welt gibt es auch eine irrationale, wenn die Personen aus ihren Rollen treten und ganz sie selbst sind. Dafür benützt er Klänge, die noch nicht anderweitig „besetzt“ sind; verwendet die Stimmakrobatin Meredith Monk oder elektronische Musik zeitgenössischer Komponisten.
Berühmte Künstler wie Giulio Paolini, rosalie, Bernard Michel, Michael Simon, Stephen Galloway und Yoshiki Hishinuma wirkten an der Ausstattung seiner Ballette mit. Für Bühnenbild, Kostüme und Licht zeichnet hier Dorin Gal verantwortlich. Die beiden arbeiten seit vielen Jahren miteinander; sie kennen einander von der gemeinsamen Zeit an der Münchner Staatsoper. Als ehemaliger Tänzer kann Dorin Gal sich gut in die Bedürfnisse der Kollegen hineinversetzen und ist mit den Ausstattungsvorstellungen von Davide Bombana bestens vertraut. Daher ist ihre Zusammenarbeit für die Wiener Premiere eine logische Folge dieses gegenseitigen langjährigen Vertrauens. Das Bühnensetting beinhaltet einen arenaartigen Raum aus Plexiglas, es gibt Tische und Stühle, aber dennoch bleibt alles zeitlos, spielt überall und im jetzt. So sieht Bombana auch sein Werk als Gesellschaftsstudie: Es geht also um die Suche nach Liebe, aber auch um die verzweifelten Versuche zur Erfüllung derselben - ein immer aktuelles Thema.