dorisuhlich_fstpZufrieden kann Joachim Schloemer auf die sich dem Ende zuneigende Saison am Festspielhaus St. Pölten blicken. Mit schmackhaften Festivalangeboten lässt sich das Publikum gern ins große Haus locken, in der Gegenrichtung konnte  Schloemer seinen Wunsch noch nicht erfüllt: Aktiv im städtischen Raum präsent zu sein, war auch in der zweiten Saison des Intendanten mehr  Hoffnung als Erfüllung. Ungebrochen jedoch setzt er als Motto für die nächste Saison: „Entfesselt“.

Der Markt diktiert und auch die Kunst muss sich beugen. So wird bereits von einer vielversprechenden Saison 2011/12 gesprochen, obwohl 2010/11 noch gar nicht beendet ist. Ein Schwerpunkt, den Intendant Schloemer „noch mehr ausbauen“ will, ist das kleine Festival „Österreich tanzt“, das auch heuer wieder vom Duo Manfred Aichinger / Nikolaus Selimov gestaltet wird. Das Schema der sechstägigen Veranstaltungsreihe hat sich bewährt: Workshops, Vermittlungs- und Mitmachprogramme unter besonderer Beachtung der Jugend und an vier Festivaltagen abendliche Performances mit Bewährtem und Neuem aus der heimischen Tanzszene. Das Motto „Courage – Mut – Schneid“ soll die Tanzschaffenden ermuntern, künstlerische Eigenständigkeit zu entwickeln und sich nicht jedem vorgegebenen Trend zu beugen. Uraufführungen und bereits vor Publikum erprobtes sollen jeweils einen spannenden Abend ergeben. Eröffnet wird die Vorstellungsreihe am Mittwoch, 18. Mai von zwei international erfolgreichen TänzerInnen in eigener Choreografie: Martina Haager setzt sich in „13 + 1“ mit dem „Kammerkonzert für 13 Instrumentalisten“ von György Ligeti auseinander. Doris Uhlich zeigt ihren „Rising Swan“.

Sie gibt auch das Stichwort für den obligaten Blick voraus: Doris Uhlich wird nach Sidi Larbi Cherkaoui die nächste Dance-Artist in Residence am Festspielhaus St. Pölten sein. Ganz im Sinne Schloemers wird sie sich nicht nur selbst präsentieren sondern vor allem Wissen und Können weitergeben. Für Oktober hat sie ein Tanz-Workshop für ältere Menschen geplant und wird am 14. und 15. Oktober auch ihr Erfolgsstück „Spitze“ (mit Susanne Kirnbauer und Harald Baluch) zeigen.

In das Abonnement für Tanzinteressierte und -liebhaberinnen hat Schloemer einige Juwelen gepackt: Russel Maliphant kommt mit dem ehemaligen Etoile der Pariser Oper und Principal Guest Soloist des Royal Ballet Sylvie Guillem, die auch einen Soloabend mit Werken von Mats Ek, William Forsythe und Jirí Kylián gibt; Sidi Larbi Cherkaoui bleibt treu und zeigt seine neuestes Stück „TeZukA“; als Kooperationspartner präsentiert Sadler’s Wells Akram Khan, der sich im Solo „Desh“ auf seine Heimat Bangladesh bezieht. Für Schloemer geht es jedoch nicht darum, das Festspielhaus als gut ausgestattetes Gastspielhaus zu etablieren, er versteht unter „internationaler Vernetzung“ eine intensive Zusammenarbeit mit verschiedenen Kompanien und Kooperationspartnern. In seinem Konzept ist aber auch die nationale und die regionale Ebene verankert. „Österreich tanzt“ wird ans Ende der Saison gerückt und 2012 im Juni stattfinden. Für Gourmets ist ein Abonnements mit Tanz Solos aufgelegt. Neben Guillem und Akram Khan wird Lutz Förster, seit mehr als 40 Jahren Mitglied des Tanztheaters Wuppertal, der Kompanie der verstorbenen Tanzikone Pina Bausch, aus seinem Leben tanzen und erzählen.

Was Schloemer besonders am Herzen liegt, ist die regionale Ebene, die sich nicht so recht etablieren will. St. Pölten, die Kleinstadt als Hauptstadt, ist „schwierig zu erobern“, hat der kommunikationswillige Festspielhausleiter erfahren. Aber die Saat geht allmählich auf: Der Jugendklub/300 bietet bereits zum dritten Mal Workshops zu verschiedenen Themenkreisen von Tanz bis Schauspiel, von Musik bis Literatur. Auch der Klub/60 funktioniert: Im Herbst gibt es neben Uhlichs Angebot auch Gelegenheit für aktive SeniorInnen mit MuskerInnen aus der Region zu arbeiten und anschließend beim Chorfestival aufzutreten. Bevor jedoch der heiße Herbst in St. Pölten beginnt hat auch der liebliche Mai noch einiges zu bieten: Das weltberühmte Cullberg Ballet reist aus Stockholm mit „Ekman’s Triptych“ nach St. Pölten. Der als Wunderknabe beklatsche Alexander Ekman (kürzlich erst bei den Tanztagen im Linzer Posthof zu Gast) weiß mit seinen Choreografien das Publikum zu fesseln und auch zum Lachen zu bringen. In seinem Triptychon versucht er die Klischees in Unterhaltung und den Anspruch an Kunst zu analysieren. Am 28. Mai erzählen Alice Gartenschläger und Graham Smith vom „pvc tanz freiburg heidelberg“ gemeinsam mit der Puppenspielerin Vanessa Valk die zu Herzen gehende Geschichte von Tristan und Isolde, die zu einander niemals kommen können. Dass dazwischen, heuer noch und in der kommenden Saison auf jeden Fall, das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, das Festspielhaus-Residenzorchester, Musik von Barock bis Klassik, von Romantik bis Jazz aufrauschen lassen wird, ist ebenso selbstverständlich wie die Tatsache, dass ohne Mozart gar nichts geht. Neben die Programmpunkte der Konzerte setzt Schloemer mit zwei Musik-Theater-Tanz-Produktionen einen Genie-Schwerpunkt.. In „Abendempfindung“ und „L’istante della luce“ setzt er selten gehörte Kompositionen in Szene. Gestaltet Schloemer in „Abendempfindung“ den Abend aus Briefen und  Kompositionen Mozarts mit Arien, Chorwerken und Instrumentalstücken zu Beginn der Saison (23.und 24. September), so legt er „L’istante della luce“ am Saisonende (2., 3. Juni 2012) üppiger an. Das Programmbuch verspricht „eine blühende Mozart’sche Klangwelt ..., die im szenischen Bilderreichtum auf der Bühne ihre Entsprechung findet“. Fragmente aus Mozarts „Requiem“, erinnern an das Ende, doch  eine Lichtskulptur garantiert Erlösung. Bewegung in den Bilderreichtum bringen tanzend Anna Tenta, Daniel Jaber und Boglárka Börcsök.

Österreich tanzt , 18.bis 21. Mai 2010, Festspielhaus St. Pölten

Saisonvorschau 2011/12 , Programminfoabende in Wien, Krems, Linz und St. Pölten