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Vier Werke und persönliche – getanzte und gesprochene - Erinnerungen der TänzerInnen an Pina Bausch ergeben in Wim Wenders Film „PINA 3D“ eine berührende und spannende Hommage an die geniale, 2009 verstorbene Choreografin.

Pina Bausch sei für ihn wie ein Haus gewesen, in dessen Dachboden unermesslich viele und wertvolle Schätze lagerten, sagt Dominique Mercy, ein Tänzer der ersten Stunde des Tanztheaters Wuppertal und künstlerischer Co-Leiter der Compagnie nach dem Tod von Pina Bausch. Diese Schatzsuche gestaltete sich für jeden Tänzer und jede Tänzerin unterschiedlich. Viele der älteren TänzerInnen sind der Choreografin über Jahrzehnte eng verbunden gewesen und selbst längst Teil der Pina-Bausch-Legende. Die Erinnerungen der Jüngeren sind noch von Scheu, Ehrfurcht und ein wenig Ängstlichkeit vor dem kreativen Koloss geprägt.

Doch sie alle haben in der Zusammenarbeit mit Pina ihr tänzerisches Potenzial entfalten können, haben im Tanz Grenzen überwunden. Die solistischen Tribute zeigen TänzerInnen, die frei sind, ihre Emotionen in Bewegung zu setzen, und das nicht nur im Theater. Wim Wenders hat die Soli in Naturlandschaften oder auf öffentlichen Plätzen in Wuppertal gedreht, wo Passanten das zufällige Publikum sind.

Das Herzstück der Dokumentation sind vier Choreografien, die Bausch noch selbst für den Film auswählte: „Frühlingsopfer“ „Café Müller“ und „Kontakthof“ aus den 1970er Jahren und „Vollmond“,  2006 entstanden.

Vor Pina Bausch waren TänzerInnen stumme Darsteller. Im ihrem Tanztheater durften sie nun reden, schreien, weinen, lachen und singen. Jede Ausdrucksform war in der Suche nach der menschlichen Erfahrung – und diese war immer Thema ihrer Choreografien – erlaubt. Ihr berühmter Satz „Mich interessiert nicht so sehr, wie sich Menschen bewegen, sondern was sie bewegt“ vertrat sie durch eine offene Arbeitsweise, in der die TänzerInnen kreative MitgestalterInnen waren.

Dass Bausch drei reine Tanzstücke für den Film aussuchte, spiegelt auch ihre jüngere Entwicklung wider, denn ihre Werke wurden im letzten Jahrzehnt zunehmend tänzerisch. „Kontakthof“ ist das einzige Stück im Film mit dem berühmten Mix aus Sprache, Stimme und Tanz und hat in den letzten Jahren durch die Einstudierung mit Laien eine weitere Dimension erfahren. In Überblendungen sieht man das Stück sowohl von der Compagnie, als auch von „Damen und Herren über 65“ und „Jugendlichen ab 14“ interpretiert.

20 Jahre lang wollte Wim Wenders über Pina Bausch einen Film machen. Doch wie könnte er ihren Arbeiten in einem zweidimensionalen Medium gerecht werden? Die Chance für die Realisierung brachte die erst vor drei Jahren richtig ausgereifte 3D-Technologie. Im Vergleich zu seinen amerikanischen Kollegen, geht Wenders völlig anders und sehr behutsam mit dieser Technologie um. Die Kamera bleibt trotz der technischen Möglichkeiten distanzierter Beobachter – ganz anders als etwa James Cameron in „Avatar“, der die Figuren in den Zuschauerraum hineinfliegen ließ. Wenders benützt 3D in erster Linie, um die räumliche Dimension filmisch darstellen zu können. Wenn die Kamera „mittanzt“, bringt sie die TänzerInnen zwar in Nahaufnahmen auf die Leinwand, die Aktion bleiben aber wie im Theater auf sicherer Distanz zum Zuschauer. Die Aufnahmen entstanden während öffentlicher Vorstellungen im Wuppertaler Theater und diese Sehweise vermittelt Wenders auch im Film. Die Grenzen zwischen Kino und Theater verschmelzen. In einigen Totalen blickt man im Kino über die Köpfe der Theaterzuschauer hinweg. In wunderschönen Bildern und dynamischen Sequenzen bewahrt er die Integrität der Choreografien und vertieft in Close Ups deren emotionalen Impakt.

Wenders geht auch sehr sparsam mit Archivmaterial um. Er hat einige wenige Dokumente der Choreografin eingeblendet, darunter Pina Bausch selbst als Tänzerin in „Café Müller“. Auch das erscheint logisch, denn Pina Bausch war eher wortkrg, wenn es um ihre Arbeit ging. Nicht aus Koketterie, sondern aus der Überzeugung, dass sie mit Worten nicht beschreiben kann, was im Tanzen „gesagt“ wird. Denn es geht um „Ahnungen“.

Nach dem Tod der Choreografin wollte  Wenders das geplante Projekt mitbegraben, doch die TänzerInnen überzeugten ihn, den Film zu realisieren. Die Aufnahmen entstanden mit nur einigen Monaten Verspätung und die TänzerInnen waren noch unter Schock über den plötzlichen Verlust. Thusnelda Mercy, die Tochter von Dominique Mercy und Malou Airaudo, die im Tanztheater aufgewachsen ist und nun selbst dort Tänzerin ist, sagte, was wohl für alle galt: Ein Leben ohne Pina ist unvorstellbar.

Doch mit seinem Tanzfilm setzte Wim Wenders die Arbeit von Pina Bausch fort. Dass ihre Tanzrevolution nachhaltige Auswirkungen auf das Schauspiel und das Ballett hat, ist hinlänglich bekannt und anerkannt. Nun hat sie posthum auch für den Film neue Maßstäbe gesetzt.

Hier geht’s zum Trailer.

„PINA 3D“ läuft am 8. April in den österreichischen Kinos an.