iforlando_michael_miensopustFigurentheater entführt in eine Welt der unendlichen Möglichkeiten. Der Tod ist aus Papier, das Liebespaar aus Schokolade und das gipserne Bildwerk wandelt sich zur wunderschönen Frau. Das exquisite internationale Festival im Wiener KosmosTheater gibt einen fantastischen Einblick in die unendlichen Möglichkeiten des Figurentheaterspiels.

Drei Minuten können wir die Skulptur betrachten. Zuvor war zu sehen wie Orlando erstarrt ist, sich vom lebenden Wesen zur reglosen Plastik verpuppt hat. Jetzt steht das Monument aus Gips stumm vor dem Spiegel. Auf immer? Da wird so manche Zuschauerin unruhig, hüstelt, stöhnt vielleicht auch. Nicht jede hält drei Minuten Ruhe aus. Endlich! Wer aufmerksam schaut, sieht, dass sich die große Zehe der Gipsstatue ein wenig gehoben hat. Ganz sacht kommt Leben in das Bildnis. Eckig sind die Bewegungen anfangs noch, zögernd und vorsichtig. Doch die Hülle bricht, die Gipshaut fällt ab, der Schmetterling entpuppt sich. Orlando ist zur Frau geworden. Virginia Woolf sitzt auf ihrem Stühlchen am Rand der Szene, sieht ihrer eigenen Fantasie zu, hört ihre eigenen Worte. „Orlando“ heißt das Stück der international renommierten Figurentheaterspielerin Anne-Kathrin Klatt aus Tübingen, das sie (und das Publikum) durch Zeit und Raum führt und die Wandlung vom Mann zur Frau wirklich werden lässt. Die Spielerin ist dabei nicht allein auf der Bühne, ein Berg von Decken wird lebendig, erzeugt die Illusion des Reisens durch die Welt, des Kämpfens und Liebens. Die Puppe Virginia, etwas missmutig blickend, bleibt stumme Beobachterin.

Anne-Kathrin Klatt ist Festivalgast im KosmosTheater und zeigt auch nur einen der vielen unterschiedlichen Aspekte des Figurentheaterspiels. „Auch Kaffeetassen können Shakespeare spielen“, beteuert Cordula Nossek, künstlerische Leiterin des 2. Internationalen Figurentheaterfestivals in Wien. Nossek ist selbst Figurentheaterspielerin (Ausbildung an der Ernst Busch Hochschule, Berlin) mit reicher Erfahrung und lodernder Begeisterung. Sie hat das traditionsreiche Welser Figurentheaterfestival mit Wien vernetzt und zeigt alle zwei Jahre eine Auslese des Welser Programms.

„Figurentheater“, erklärt Nossek plastisch, „ist ein Dreieck: Spielerin – Objekt – Publikum. Spielerin und Objekt – das kann eine Puppe sein oder ein Papierschnipsel, ein Stück Holz oder ein Kohlkopf – arbeiten gleichberechtigt miteinander. Über das Objekt hält der Spieler / die Spielerin den Kontakt zum Publikum und bekommt direktes Feedback.“

Die vielfältigen Möglichkeiten des Figurentheaters ergäben in der Aufzählung eine fast endlose Liste. Sind doch schon die Variationen der Figuren (von der Stabpuppe zur Marionette, von handgeführten Figuren à la Kasperl bis zu lebensgroßen Puppen aus verschiedenstem Material) überaus vielfältig. Aber auch Masken, der eigene und fremde Schatten und jede Menge von Objekten und Materialen dienen dem Figurentheater. Ob auf der kleinen Kasperlbühne auf dem Küchentisch oder im großen Opernhaus, Figurentheater kann überall stattfinden. Und auch für jegliches Publikum. Figurentheater erfreut und ergreift Kinder ebenso wie Erwachsene. Die unbelebten Objekte erhalten durch die Spielerin (den Spieler) Seele und Charakter und öffnen zugleich Räume der Fantasie, die das realistische Theater der in Rollen agierenden Mimen kaum bieten kann. Das hat Heinrich von Kleist schon vor 200 Jahren erkannt. In dem als Gespräch geschriebenem Essay „Über das Marionettentheater“ (1810) verteidigt er die Anmut der leblosen Objekte (Marionetten): Grazie und Anmut ist in dem Körper am reinsten zu finden, „der entweder gar keins, oder ein unendliches Bewusstsein hat, d. h. in dem Gliedermann, oder in dem Gott.

Das Ineinanderfließen der Künste ­– bildnerischer und darstellender – macht die Faszination des Figurentheaters aus.

Auch Tänzer bedienen sich mitunter des Figurenspiels. Sidi Larbi Cherkaoui etwa tanzt immer wieder mit einer überlebensgroßen Figur, der vehement Anteil am Geschehen auf der Bühne nimmt. Bei seinen Duos mit Akram Khan und Shantala Shivalingappa wirkten gleich zwei übergroße Figuren mit - nicht weniger lebendig als die beiden TänzerInnen auf der Bühne. Sehr schön konnte das Publikum hier erkennen, was Cordula Nossek erklärt: „Die Objekte und Figuren sind für die Figurenspielerin keine Konkurrenz sondern Partner. Bei Schauspielern, die mit Objekten arbeiten müssen, ist das nicht immer sie, die fühlen sich öfter gestört dadurch.“ Auch die Tänzerin Rose Breuss hat sich immer wieder mit Figurentheater auseinander gesetzt. In Zusammenarbeit mit dem Theaterspieler Christoph Bochdansky sind mehrere Choreografien entstanden. Bochdansky (wie alle SpielerInnen aus Österreich im Ausland ausgebildet) war einer der ersten, der zeigte, wie man sich die Objekte gefügig macht und sie beherrscht. Was nicht ausschließt, dass die Objekte mitunter doch die Spielerin / den Spieler beherrschen.

Das Spiel mit Figuren, das Erzählen über Metaphern und Symbole ist uralt und in vielen Kulturen verbreitet. War früher das Ziel des Spielers hinter der Puppe / dem Objekt zu verschwinden, so geht die Tendenz auf der Figurentheaterbühne heute in eine offene Richtung. Die Spielerin (der Spieler) ist ein Teil des Spiels, zeigt sich als Mensch im Duett mit den Objekten, verschmilzt mit ihnen zur Einheit, ist sichtbar oder unsichtbar. aber dennoch immer vorhandenen. Auch das Wiener Kabinetttheater pflegt die hohe Kunst des Figurenspiels. Meist unterscheiden sich da die Figuren und Objekte schon in der Größe von den menschlichen Spielerinnen. Oft treten die unbelebten aber keineswegs leblosen Mitspielerinnen auch in einem Guckkasten auf, der vergleichsweise riesige Mensch steht daneben und betrachtet erstaunt das Geschehen. Mitunter lassen Figurentheaterspielerinnen auch das „Making off“ einfließen, zeigen auf der Bühne, wie sie sich in ihre Figuren verwandeln, oder wie sie ihr Material bearbeiten.

Den vielfältigen Möglichkeiten (und Schulen) des Figurentheaters gerecht zu werden ist in einem Dreitages-Festival kaum möglich, doch hat Organisatorin Nossek versucht, ein möglichst breites Spektrum zu bieten. Anne-Kathrin Klatt hat an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart Figurentheater studiert und ist diplomierte Tanzpädagogin. Élodie Brochier aus Frankreich, die ihr Stück „Die kalten Freuden oder der Tod aus Papier“ zeigt, hat ihre Ausbildung an der Nationalen Hochschule für Figurentheater in Charleville-Mézières gemacht, Michal Svironi, geboren in Israel, hat in Paris bei den verschiedensten Lehrern und an der Sorbonne gelernt und sich dem Clowntheater verschrieben. Sie zeigt mit viel Schokolade die ganze Wahrheit über Frauen und Männer: „Die Frau, die zu viel atmet!“. Die Österreicherin Karin Schäfer ist nach Barcelona gegangen, wo sie am „Institut del Teatre“ in Barcelona studiert hat. Dass sie (mit ihrem Team) in der Heimat nicht gar so häufig zu sehen ist, liegt an den ausgedehnten Gastspielreisen. Auf diesen heimst sie auch Preise ein, gleich vier beispielsweise beim Shanghai International Puppet Theatre Festival. Als Festivalbeitrag hat Schäfer (gemeinsam mit Peter Hauptmann) die Performance "Iberia" mitgebracht, eine Bilderfolge ohne viele Wörter, aber mit der Musik von Isaac Albéniz,

In Österreich liegt das Feld des Figurentheaters noch recht brach. Noch gibt es an keiner der Universitäten oder Schulen, die darstellende Kunst lehren, einen Ausbildungszweig für Figurentheater. Wie soll geerntet werden, wenn nicht gesät wird!

IF! 2011 Internationales Figurentheaterfestival der Künstlerinnen, 17.–19. März, KosmosTheater