mariellagrossErstmals außerhalb der USA gibt es das Festival „Ladies of Hip Hop“ von 8. bis 13. März 2011 im Wiener Kosmos Theater. Edith Wolf Perez sprach mit den Initiatorinnen Katrin Blantar und Mariella Gross über „eine Lebenseinstellung, eine Kultur, eine Sichtweise und eine Ausdrucksform“ namens Hip Hop.

„Sehen wir uns ähnlich?“ fragen die beiden, denn sehr oft hält man sie für Schwestern. Auf den ersten Blick ja, aber das liegt hauptsächlich am Styling mit zu einem Dutt gebunden Haaren, großen Creolen und den ähnlichen Brillenmodellen. Sicher aber sind sie „Soulsisters“, zwei Frauen, die ihren Weg gefunden haben, ihn konsequent gehen und trotzdem immer für Neues offen sind.

Meistens leben die beiden Österreicherinnen in New York – „nicht wegen der Stadt, sondern wegen der Menschen“, weil dort Menschen unterschiedlichster Kulturen aufeinandertreffen, weil dort Musik und Tanz auf der Straße, in der U-Bahn, in Clubs „passieren“, und es überall zu Spontanaktionen kommt. In New York, meinen die beiden, wird nicht lang überlegt und geplant, sondern nach dem Motto „let’s do it“ gehandelt. Dieser offene, befreite Geist macht die US-Metropole für junge Hip Hopper so attraktiv.

Hip Hop ist Musik und Tanz, Graffiti, DJing, MCing, vor allem aber ist es eine Lebensphilosophie. Ihrem Ursprung als Street Art entsprechend, der Immigranten unterschiedlichster Herkunft ihren ethnischen Stempel aufdrückten, gibt es eine verwirrende Menge an Stilen und Variationen. Im Tanz spricht man von Old School, New School, Break Dance, Popping Locking, House, Waving, Waacking und die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Hip Hop heißt für eingeschworene Hip Hopper aber auch soziales Engagement und ein von Drogen befreites Leben. Viele Hip Hopper engagieren sich etwa in Anti-Drogen-Kampagnen und im Rahmen des Festivals „Ladies of Hip Hop“ arbeitet Tänzerin-Choreografin Romy Kolb zur Zeit im Rahmen des Caritas-Projekts „Tanz die Toleranz“ mit 30 Jugendlichen an dem Stück „Weichspüler“, mit dem das Festival eröffnen wird.

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Für Katrin und Mariella ist der „Tanz eine wunderschöne Form zu kommunizieren. Die Jugendlichen können sich leicht damit identifizieren, denn die Rhythmen kommen aus unterschiedlichen Kulturen. Das heißt der ursprüngliche Kontext wird in einen neuen Kontext übersetzt. Die Jugendlichen lassen sich voll darauf ein und es entsteht beim Tanzen zur Musik ein Gefühl von Gemeinschaft ohne Barrieren. Denn sie alle verfolgen das gleiche Ziel: sich miteinander zu bewegen.“

Das klingt ja alles sehr einfach, ist Hip Hop aber nicht auch eine sehr virtuose Ausdrucksform und erfordert viel Training und Üben? „Ja“, sagt Katrin, „aber das Grundvokabular kommt mit der Zeit. In erster Linie geht es um die Musikalität! Das Gehör von Hip Hop Tänzern ist sehr geschult und es findet eine eins zu eins Übersetzung der Musik im Körper statt.“ Und darin liege die eigentliche Virtuosität und nicht so sehr in den akrobatischen Stunts.

Die Musik, immer wieder die Musik! Sie ist das verbindende Element in der transkulturellen Jugendbewegung. Indem sie kulturelle Eigenarten aufnimmt, transformiert und in der aktuellen Musiksprache widergibt, entsteht eine neue, globale (hier im besten Wortsinn) Identität mit einem eigenen Wertekanon. Wie in jeder Bewegung gibt es auch hier Negativ-Ausreißer wie den Gangsta Rap, der bis zur Jahrtausendwende das kommerziell erfolgreichste Genre war.

Heute ist Hip Hop nicht mehr den tough guys überlassen, sondern hat Menschen unterschiedlichster Backgrounds assimiliert. Vor allem mischen auch immer mehr Frauen mit. Mariella und Katrin sind dem Hip Hop bei den Wiener Tanzwochen erstmals begegnet, nachdem sie zuvor klassisch und Jazz trainiert hatten. Katrin hatte ihr Schlüsselerlebnis bei einem Afrika-Projekt in Uganda, wo ihr die afrikanischen Rhythmen ins Blut gingen, die sie dann im Hip Hop und House wieder entdeckte. Mariella hat zusammen mit Nina Kripas hat die rein männlich besetzte Wiener Hip-Hop-Szene „unterwandert“ – und es hat einige Zeit gedauert, bis die Burschen die Mädchen ernst nahmen.

Um dem Machismo etwas entgegen zu setzen hat Michele Byrd-McPhee 2004 das Festival „Ladies of Hip Hop“ gegründet, das in Philadelphia startete und nunmehr jedes Jahr in New York City stattfindet. Im Kosmos Theater findet nicht nur die Europa-Premiere des Festivals statt, sondern überhaupt die erste Ausgabe außerhalb der USA.

Österreich ist als Austragungsort prädestiniert, denn hierzulande haben es nur Frauen geschafft, sich in der internationalen Szene zu integrieren und sowohl im kommerziellen als auch im künstlerischen Genre Fuß zu fassen. Außer Katrin, Mariella in New York sind das Nina Kripas, die mit Black Eyed Peas auf Welttournee ist und Silke Grabinger, die beim Cirque du Soleil in Las Vegas als Solistin mitwirkte. Hip Hop in Austria ist also von starken Frauenpersönlichkeiten dominiert.

Was ist der Grund für diese Frauenpower? Mariella erzählt, dass es in ihrer Gruppe immer Nina und sie waren, die sich international umgeschaut haben, auf Festivals und Hip Hop Conventions gefahren und sich vernetzt haben. Die Burschen haben sich kaum aus Österreich hinausgewagt. „Vielleicht war es für uns ein Vorteil, dass wir hier nicht voll akzeptiert wurden und daher raus mussten.“ Für die Burschen sei das nie so nötig gewesen, denn sie hatten hier ihren Status.

Als das Festival „Ladies of Hip Hop“ gegründet wurde, mussten die Frauen noch für ihre Wahrnehmung in der Hip Hop Welt kämpfen. Mittlerweile ist man entspannter und so sehen Mariella und Katrin dieses Festival nicht als ausschließend. Sie sind überzeugt, dass Hip Hop keine Grenzen setzt. In dem Stück „Weichspüler“ tanzen daher auch Burschen mit. Aber auch das Alter scheint kein Thema zu sein. Denn in New York Hip Hoppen auch Menschen über 60 – und wie!

Ladies of Hip Hop. Performances und Workshops

Eine Koproduktion von Urban Ars & Culture (AT), Montäzh PAC (USA) und Kosmos Theater  (AT)
8.-12. März 2011 im Kosmos Theater

Zu den Workshopinfos und Buchungen geht es hier: www.ladiesofhiphopfestival.com