herbst_forsytheMit „allen Aspekten der Virtuosität“ will das Festival steirischer herbst heuer spielen. „Meister, Trickster, Bricoleure“ bewegen sich nicht nur im Theater, in Ausstellungshallen und am runden Tisch sondern auch auf der Tanz- und Performancebühne. Christine Gaigg eröffnet mit „Maschinenhalle #1“, William Forsythe, Philipp Gehmacher, Jonathan Burrows / Matteo Fargion und andere folgen ihr. Insgesamt sind 100 trickreiche Vorstellungen zu sehen und zu hören.


Zwölf Tänzerinnen und Tänzer stellt die Choreografin Christine Gaigg auf metallene Klangplatten, die mit einem Automatenklavier verbunden sind. Die Bewegungen auf der Klangplatte werden vom Computer übersetzt und vom Klavier in Töne übertragen. Diese Musik animiert die Tanzenden zu neuen Bewegungen. Die zwölf Units korrespondieren auch miteinander, agieren mal solistisch, mal im Chor, mal miteinander und auch gegeneinander. Ein Bewegungs- und Klangabenteuer im weiten Raum der Helmut-List-Halle. „Maschinenhalle #1“ ist eine Weiterentwicklung des überaus erfolgreichen Stückes „Trike“, das Gaigg ebenfalls im Team mit dem Komponisten, Bernhard Lang kreiert hat. Außerdem im Team: der Computermusiker Winfried Ritsch und der Lichtdesigner und Bühnenbildner Philipp Harnoncourt.

Mit dem Verhältnis Mensch / Maschine setzt sich auch die New Yorker Regisseurin Annie Dorsen auseinander, allerdings auf ganz andere Weise. Sie nimmt das berühmte Fernsehgespräch zwischen dem Philosophen Michel Foucault und dem Linguisten und Aktivisten Noam Chomsky aus den Siebzigerjahren als Inspiration und Material für einen Dialog zwischen zwei extra für diese Arbeit entwickelten Chatbots. Jeden Abend führen die Computerprogramme live einen neuen, quasi improvisierten, Text auf. Die Uraufführung von „Hello Hi There“ verspricht einen intelligenten, auch kreativen und sogar humorvollen Dialog über die Menschheit im Zeitalter ihrer digitalen Reproduktion. Hinweis in der Programmvorschau. „50 % Performance, 50 % Maschinenintelligenz“.

Mit der Einladung der William Forythe Company hat Intendantin Veronica Kaup-Hasler den BesucherInnen des Festivals ein echtes Geschenk gemacht, war doch Forsythe mit seiner Company noch nie in Graz zu Besuch. „I don’t believe in outer space“ nennt der Choreograf seine Arbeit für 18 TänzerInnen, die auch eine Menge Text zu bewältigen haben. Schon der Titel sagt, dass dieses Stück (entstanden 2008) ein persönliches Bekenntnis ist und, wie so oft bei Forsythe, zugleich beglückt und betrübt, doch ganz sicher nicht langweilt oder gleichgültig lässt.

Sprache spielt auch eine wichtige Rolle in Edit Kaldors Bühnenwerk „C’est du chinois“. Die ungarische, in Amsterdam lebende Theatermacherin macht das Publikum mit fünf Chinesen bekannt, die dem Publikum einiges mitzuteilen haben. Doch sie sprechen nur Chinesisch, sind jedoch überzeugt, dass die Sprachbarriere kein Hindernis für eine lebhafte Kommunikation sein kann und darf. So nutzen sie sämtliche theatralischen Möglichkeiten, um dem Auditorium einen Hauch von Basic Mandarin beizubringen. Und allmählich versteht man die Geschichte, durchschaut die Verflechtungen und erkennt auch einige unangenehme Wahrheiten. Selbst wenn einem alles Chinesisch vorkommt.

„in their name“ nennt der österreichische Choreograf und Tänzer Philipp Gehmacher seine Bewegungsanalyse für drei TänzerInnen (Gehmacher mit Rémy Héritier und An Kale) in dem es um Innen und Außen, Berühren und Abgrenzen, um kommunizierende Zeichen und (scheinbar) sprechende Körper im Raum. Die Drei sagen ihre Namen, nicht nur für das Publikum sondern auch sich selbst, als müssten sie sich ihrer selbst vergewissern.

Neben den Clubabenden an Freitagen („One Night Stands“) und Samstagen („Saturday Night Live“), die zur Eigenbewegung einladen, bieten sicher auch Jonathan Burrows & Matteo Fargion mit den beiden präzisen Kompositionen „Cheap Lecture“ und „The Cow Piece“ höchstes Vergnügen. Vor allem, wenn es gelingt, das eigene Gehirn mittanzen zu lassen. Der britische Tänzer und Choreograf Burrows, 50,  und der italienische Komponist Fargion, 49, „tanzen“ seit 2002 miteinander, mit den Händen den Knien und den Stimmbändern, meist sitzend, manchmal auch schreitend, rhythmisierend, artikulierend, murmelnd, schreiend. Die “Cheap Lecture“ lehnt sich in der Struktur an John Cages „Lecture on Nothing“ an und berichtet über leere Hände, das Publikum und das Tanzen. Über das Tanzen (und den Tod) kommuniziert das Duo auch im kurzen „Cow Piece“. B & F sind übrigens im heurigen August bereits bei ImPulsTanz zu Gast. Tanz ist eben überall gern gesehen.


steirischer herbst, Festival neuer Kunst, 24.9. bis 17.10.2010