theczarNicht ganz wie erwartet, ist das erste Jahr der Intendanz von Joachim Schloemer am Festspielhaus St. Pölten gelaufen. „Ereignisreich“ nennt er deshalb die sich dem Ende zuneigende Saison, nicht „erfolgreich“. Auch wenn er noch keine konkreten Zahlen nennen will, wird Schloemer die fulminanten Auslastungszahlen der Intendanz Michael Birkmeyer (97 Prozent) nicht erreichen. Deshalb wird für die kommende Saison voll Optimismus nachgebessert.

Das Kinder- und Jugendprogramm, schon bisher sehr erfolgreich, soll ausgebaut und die Box verstärkt für Gespräche und Gedankenaustausch genutzt werden. Abonnements und Festival sollen das Publikum zu regelmäßigem Besuch animieren.

Lust auf Hören und Sehen sollen auch die als Artist in Residence engagierten Künstler. Der italienische Gitarrist Maurizi Grandinetti, der bereits in der laufenden Saison mehrmals in St. Pölten zu Gast war, wird die Musik zur Eröffnungsvorstellung am 25. September komponieren. Die Uraufführung „Engel der Verzweiflung“, eine Choreografie des Hausherrn, entsteht in Koproduktion mit dem Theater Freiburg / pvc tanz freiburg heidelberg. Grandinetti komponiert für zwei Mezzosoprane, Gitarre, Rahmentrommeln und Dudelsack.

Im Bereich Tanz konnte Schloemer Sidi Larbi Cherkaoui als residierenden Choreografen gewinnen. Er wird sein Saison-Debüt am 30. Oktober mit „Babel (Words)“ geben, nach „Foi“ und „Myth“ der dritte Teil der Trilogie über den Gottesbegriff in unterschiedlichen Kulturen. Am 20. und 21. November das Sadler’s Wells Theatre zwischen einer Choreografie von Russel Maliphant („After Light Part One“) und Hofesh Shechter („Uprising“) Sidi Larbi Cherkaouis Choreografie „Faun“, in der er zur bekannten Musik von Claude Debussy die Titelrolle tanzt. Am 29. Jänner schließlich entwickelt Cherkaoui gemeinsam mit der indischen Tänzerin Shantala Shivalingappa in „Play“ ein Spiel zwischen den Kulturen und den Geschlechtern.

Auch Heddy Maalem ist dem Publikum bereits bekannt. Der französisch-algerische Choreograf zeigt m 16. Oktober eine aktuelle Interpretation von Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“, inspiriert vom Leid und der Hoffnung der Menschen nach dem Erdbeben im Mai 2008 in der chinesischen Provinz Sichuan. Neun TänzerInnen der Sichuan Modern Dance Company haben mit ihm die Choreografie erarbeitet, zu der die Videokünstlerin Chen Qiulin eine Videosequenz gestaltet hat. Mit dem „Sacre“ beschäftigen sich übrigens auch junge TänzerInnen zwischen 13 und 17 Jahren. Le Groupe Grenade aus Aix en Provence wendet sich mit einem mehrteiligen Programm, dessen Kernstück der „Sacre“ in der eklektischen Choreografie von Josette Baïz ist, an junge ZuschauerInnen ab 10 Jahren. Das Gastspiel ist nicht nur im Abonnement „Tanz Herbst“ enthalten sondern auch als Familien- und Schulvorstellung zu buchen (3., 4. Dezember).

Nach dem großen Erfolg im April wird Wayne McGregor keine Schwierigkeit haben mit einem neuen Stück den großen Saal am 19. Februar zu füllen. Auch in „F. A. R.“ geht es dem mit seiner Truppe Random Dance am Sadler’s Wells Theatre residierenden Choreografen um die Auflösung der Dualismen von Kunst und Wissenschaft, Körper und Technologie. Akram Khan kehrt mit dem Solo „Gnosis“ nicht nur ins Festspielhaus St. Pölten  zurück sondern auch zu seinen tänzerischen Wurzeln, dem indischen Kathak. MusikerInnen aus Indien, Pakistan, Großbritannien, Japan und dem mittleren Osten begleiten ihn bei seine rasenden Sprüngen und der stupenden Fußarbeit.

Noch nie in St. Pölten zu sehen war die Londoner Company von Jasmin Vardimon. Am 26. Februar zeigt sie mit neun TänzerInnen aus verschiedener Herkunft „7734“ zeigt die Hölle auf Erden und auch den Himmel, den sich die Menschen durch ihre Kraft zu überleben und die Poesie der Hoffnung schaffen (können). Zum ersten Mal zu Gast in St. Pölten ist auch das Royal Ballet of Flanders. Am 19. und 29. März zeigt die Truppe mit 50 Tänzerinnen und Tänzern William Forsythes 1988 uraufgeführtes Stück „Impressing the Czar“. Das königliche Ballett aus Antwerpen wurde für die von Kathryn Bennetts geschaffene Version hoch gelobt, weil „es glitzert wie neu“ und außerdem eine der raren Gelegenheit gibt, einem der wegweisenden und überaus unterhaltsamen Stücke  des Tanzrevolutionärs Forsythe zu begegnen. Schließlich wird am 14. Mai 2011 auch das Cullberg Ballett in St. Pölten zu Gast sein. Der Tänzer Alexander Ekman (26), als Shootingstar der europäischen Tanzszene gefeiert, fragt in „Ekman’s Triptych“ nach dem Unterschied zwischen Unterhaltung und Kunst. Das 1967 von Birgit Cullberg († 1999) gegründete weltberühmte Ensemble wird seit Jänner 2010 von der langjährigen Codirektorin Anna Grip geleitet. In einem Cullberg Ballet Solo werden am 13. Mai in der Box Arbeiten der norwegischen Choreografin Ina Christel Johannessen vorgestellt.

Ebenfalls in der Box sollen neben musikalischen Darbietungen und Diskussionen auch zahlreiche kleine Tanzproduktionen stattfinden. So zum Beispiel wird das Tangoprojekt mit einer Show mit Joachim Schloemer als Mitwirkenden fortgesetzt; die Choreografin Stephanie Thiersch bringt für die ganze Familie ein(e) „ZauberEi“ und „Edgar“ (Claudia de Serpa Soares und Grayson Millwood) kommt wieder aus seinem Karton, um ZuschauerInnen ab Sechs mit seiner Performance zu amüsieren. Graham Smith und pvc freiburg heidelberg zeigen „Tristan und Isolde“ als getanztes Duett (Alice Gartenschläger, Graham Smith) gemeinsam mit den Puppen der von Vanessa Valk.

Neben dem großen Tastenmusik-Festival, einem Festival für Chorgesang und fünf Tagen mit Musik zur Erhellung der Dezembernächte hat auch der österreichische Tanz wieder sein längst zur Tradition gewachsenes Festival. Österreich Tanzt 2011 findet vom 18. bis 21. Mai 2011 statt. Um die Kontinuität zu wahren, hat Joachim Schloemer dem bewährten Kuratorenduo Manfred Aichinger / Nikolaus Selimov den Kuratoren-Vertrag für drei Jahre ausgestellt.

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