swayjurijkonjar nadjazgankDer Normenkatalog kommt in den Mist, die Vorschriften werden aufgehoben, nicht nur der Modellkörper darf auf die Bühne. Neue Körper lernen tanzen, das Publikum lernt neu zu sehen. Zwölf Menschen mit Unregelmäßigkeiten in Herkunft, Erfahrung und Körper treffen sich und erarbeiten eine Performance. Drei Tage Zeit. Am Anfang stehen der Wille und der Wunsch. Und das Ziel. Im Weg. Im Tanzquartier diskutieren und konferieren PraktikerInnen und Theoriefachleute. 

Tanzen und Denken. Nicht unbedingt gleichzeitig, aber miteinander. Tänzerinnen und Denkerinnen beteiligen sich im Tanzquartier drei Tage lang in Theorie und Praxis am Projekt „Swaying“ (Wanken, Schwanken). Der Körper ist der Mittelpunkt, wenn getanzt, gedacht und diskutiert wird.

Vera Rebl wird dabei sein, als Tänzerin, Organisatorin, Mitredende. Auch wenn ihr Körper nicht ins gewohnte Bild des Tanzkörpers  passt. Der nämlich sollte rank und schlank sein, sich anmutig zur Musik im Raum bewegen und auch in der Zeit. Je schneller die Ballerina die Pirouette dreht, je höher der noble Tänzer springt, desto heftiger jubelt der Applaus. Im zeitgenössischen Tanz und der Performance wird zwar kaum im Grand Jeté über die Bühne gefegt, nicht sylphidengleich in die Arme des Prinzen geschwebt, doch auch da steht, geht, dreht der Körper im Mittelpunkt, ist mit Musik oder Geräuschen Ausdrucksmittel, kommuniziert mit anderen Körpern, ist ein Tanzkörper, muss perfekt sein.

Muss? swaymichaelturinsky lucaszavalia 0

Darüber wird bei „Swaying“ beraten und geforscht. „Wer gibt die Norm vor? Wer hat die Macht, fest zu legen, was sein darf und was nicht?“, sind die provokanten Fragen, die auch die Theoretikerin Marty Huber (zugleich kulturpolitische Sprecherin der IG Kultur Österreich) gemeinsam mit den Betroffenen zu beantworten sucht.

Ganz im Vertrauen gesagt: Auch das Publikum will wissen: „Können und dürfen auch andere Körper, die unperfekten, die nicht so wieselflink, so elfengleich sind, so gazellenzart und pfeilschnell, so gewandt und anziehend, Tanzkörper sein?“ Im 19. Jahrhundert wurde diese Frage nicht gestellt, im 20. wurde sie mit einem geseufzten „Nein“ beantwortet. Erst mit der Öffnung des Tanzes in alle Richtungen (zur Performance und anderen Künsten) kann der tanzende Körper neu definiert werden. Die einst unverrückbar scheinende Norm hat ihren tyrannischen Status verloren.

swayverareblVera Rebl, die seit der Kindheit auf einen Rollstuhl angewiesen ist, darf Tänzerin sein. Michael Turinsky, von Bertl Gstettner / Tanz*Hotel entdeckt, der sich nur mühsam aus dem Rollstuhl erheben kann, darf als Choreograf und Tänzer sein Publikum fesseln. In seinem Solo „„heteronomous male“ erzählt er, dass er als Kind geträumt habe, Fußball-Trainer zu werden. „Statt dessen …“ ist er auf die Hilfe anderer angewiesen. Nicht autonom, heteronom. Dennoch ist der studierte Philosoph zum anerkannten Darsteller geworden, berührt und begeistert das Publikum und wird von der Kritik mitleidlos beobachtet. Ist Profi. Der Körper als Medium, als Botschafter von Gefühlen und Geschichten hält sich nicht mehr an vorgegebene Maße, präsentiert sich auf der Bühne, schnell oder langsam, zu Fuß oder im Rollstuhl, im eigenen Rhythmus, nach eigenen Vorstellungen, genießt den Applaus. Das Verlangen sich mit dem Körper auszudrücken, ist nicht an einen bestimmten, vom unsichtbaren Normenausschuss definierten, Körper gebunden.

Sehgewohnheiten ändern. „Wir tanzen und haben so viel Spaß, die anderen müssen denken“,  sagt die Tänzerin Vera Rebl, um den „imaginären Raum Swaying“ zu erklären. Die „anderen“, das sind die Theoretikerinnen, wie Marty Huber, die weiß, „dass der zeitgenössische Tanz neue Möglichkeiten von Körperbildern eröffnet. Es geht darum die Grenzen zu verschieben und auch das Publikum einzubeziehen. Neue Seh- und Hörgewohnheiten müssen erlernt werden.“ „DanceAbility“ (Tanzfähigkeit) oder „Inklusiver Tanz“ meint wirklich alle, diesseits und jenseits der vierten Wand. Tänzerinnen mit und ohne Behinderung treten gemeinsam auf, zeigen dem Publikum, dass Ästhetik nicht (normierte) Schönheit und Harmonie bedeutet sondern (wörtlich aus dem Griechischen) Lehre von der Wahrnehmung, vom sinnlichen Betrachten. „Ästhetisch ist, was unsere Sinne bewegt, uns angenehm ist, oder unangenehm, Glücksgefühle hervorruft oder Angst und Schrecken“, erklärt „Swaying“-Teilnehmerin Huber.

Die mannigfachen Möglichkeiten eines jeden Körpers und die schier unerträgliche Schönheit des Unterschieds hat der amerikanische Choreograf Alito Alessi schon vor mehr als 20 Jahren erkannt: „Tanzen kann jeder, ob mit oder ohne Beeinträchtigung“, versichert der Begründer von „Dance Ability“, der internationalen Vereinigung, gewidmet „dem Abbau von Vorurteilen und falschen Vorstellungen über die Vielfalt im Bereich des Tanzes“. Alessi, seit vielen Jahren Gastlehrer bei ImPulsTanz, macht keinen Unterschied zwischen beeinträchtigten und (scheinbar) nicht beeinträchtigten Körpern. „Will you dance with me“, hat er vor zehn Jahren Vera Rebl auf dem Rathausplatz gefragt. Verärgert hat sie sich samt Rollstuhl abgewandt: „Wie kommt der freche Kerl dazu.“ Seine Visitenkarte hat sie dennoch eingesteckt. Die schlummernde Sehnsucht, den Körper auszuprobieren, zur Musik zu bewegen, mit anderen und für andere Gefühle auszudrücken, war geweckt. „Ich habe dann im ImPulsTanz Festival an einem Workshop mit Alito teilgenommen.“

Konfrontiert mit einem Tanzpartner, der gar nicht verstanden hat, was da verlangt war, wollte sie noch vor dem Beginn wieder aufgeben. Doch das Unerwartete geschah. Die Erinnerung an das Aha-Erlebnis lässt den Mund lächeln und die Augen strahlen: „Ich hab zu ihm gesagt, da kommt jetzt was mit Berührung, du musst aufpassen, ich hab so dünne Knochen. Der Mann hat nur in die Runde geschaut, ich hab gedacht, das wird nichts. In der Pause verschwinde ich.“ Rebl nimmt sich Zeit für Denkpausen, tanzt ihre Erinnerung mit Gesten und lebhaftem Mienenspiel indes sie erzählt, wie sich der Schalter umgelegt hat: „Die Übung hat begonnen und dieser Mann hat gezeigt, dass er doch verstanden hat, nicht die Wörter, aber irgendwie die Wellen, dass ich mich fürchte und auch nicht weiß, was da noch kommt. Er hat mit mir … den Tanz… meines Lebens getanzt. Es war so berührend, dass ich weinen musste. Auf einmal habe ich gewusst, dass es auch etwas anderes gibt als Wörter.“ Jetzt weiß Vera Rebl, dass sie auch tanzen kann und ist seit vielen Jahren international arbeitende DanceAbility-Trainerin.

Theorie und Praxis an einem Tisch. Gemeinsam mit Turinsky ist sie auch für das Gesamtkonzept von „Swaying“ verantwortlich. „Das war ein langer Prozess, schon vor zwei Jahren haben wir die Idee gehabt, Theorie und Praxis zusammen zu bringen.“ Turinsky, der sich „in der theoretischen Praxis verortet“ sieht, stellt fest, dass in vielen Bereichen „über behinderte Menschen und ihre Möglichkeiten geredet wird, aber man sie selbst nicht zu Wort kommen lässt.“ Im Projekt „Swaying“, dessen künstlerische Leitung Rebl gemeinsam mit den Performern Frans Poelstra, Jurij Konjar und Andreas Schreiber übernommen hat, ist das nun möglich. Es wird nicht über Tänzerinnen und Tänzer geredet, sondern mit ihnen. Zum Abschluss wird das Publikum all inclusive bekommen: An der Vorstellung von „time and desire“ („Zeit und Sehnsucht“ – klingt doch genau so schön) nehmen zwölf Performerinnen und Musiker, mit und ohne Einschränkungen, arriviert oder noch studierend (an der Anton Bruckner Privatuniversität, Linz), teil. Ein extravagantes Event, das alle gemeinsam innerhalb der drei schwingenden Tage erarbeitet haben.

„Swaying“, 26.–28. 2., Tanzquartier.

Performances: Doppelabend Michael Turinsky / Jurij Konjar, 26.2.; „time and desire“, 28.2. Jeweils 20.30 Uhr, Tanzquartier, Halle G.
„tab“ (temporarily abled bodies), 27.2. ab 18 Uhr Tanzquartier / Studios.

Der Artikel ist in gekürzter Form im Schaufenster der Tageszeitung "Die Presse" vom 20.2.2015 erschienen.