Gravity1Selbst wenn sich das Leitungsteam Nina Hölscher und Christoph Kreinbucher die 5.Auflage ihres inklusiven Festivals anders vorgestellt hatten: Auch die letztlich einzig mögliche Realisierung in einer Online-Variante fand wiederum viel Beachtung: Die Aufzeichnungen und Filmangebote wurden mehr als 15000 Mal aufgerufen; außerdem boten ein Forum sowie Workshops direkte Interaktionsmöglichkeit.

Keine Frage, dass die physische Begegnung mit Künstlern – ob auf der Bühne oder beim informellen Gespräch danach – nicht ersetzbar ist. Und doch mag die Niederschwelligkeit der digitalen Teilnahme für manchen eine intensivere Nutzung der Angebote bewirkt haben, wenn nicht sogar eine erste Konfrontation mit der Thematik, mit der eines anzustrebenden, selbstverständlichen Miteinander von allen in der Gesellschaft. Die Auswahl an national und internationalen Beiträgen war außerdem, auch wenn nicht alle Programmpunkte online gestellt werden konnten, facettenreich und groß an den gegebenen 5 Festivaltagen.Gravity2

Bereits die Eröffnungsproduktion „Gravity (and other atrractions)“ der Performing Arts Company Un-Label aus Köln bot einen geglückten Einstieg in das, was Perspektivenvielfalt ausmachen und bewirken kann. Einerseits, weil hier ein gehörloser Tänzer (Dodzi Dougban) und eine hörende Tänzerin (Sarah Bockers) bei allen Unterschieden in ihrer Aufnahme- und Betrachtungsmöglichkeit der Welt eine Geschichte ihrer Interaktion als zeitgenössisches Tanztheater entstehen lassen: gemeinsam und doch aus ihren individuell besonders differierenden Blickwinkeln. Andererseits, weil eine Audiodeskription sowohl die Grenzen des verbal Beschreibbaren bewusst macht als auch derart die Welt eines Nicht-Sehenden ein klein wenig begreifbarer wird - dank auch der Poesie ihrer Sprache. Weitere Formen der Wahrnehmbarkeit werden durch musikalische und optische Inputs gebaut sowie auch durch gesprochene Passagen in eingeblendeter Übersetzung Eine thematisch sehr wertvolle Erfahrung – zusätzlich zum Vergnügen, solch feinsinnig zurückgenommene Bewegungssprache als Ausdruck zwischenmenschlicher Anziehung zu erleben.

umaDer Blickwinkel, den die Filmemacherin Tabea Hosche in ihre Beziehungswelten gewährt, ist sehr im Gegensatz zur weitgehend abstrakten Performance ein konkret persönlicher. Von informativer Allgemeingültigkeit ist ein Art Making of, wo sie von den Hintergründen und der Entstehungsgeschichte ihres in Ausschnitten zu sehenden Filmes „Uma und wir“ erzählt. Die dokumentarischen Filmszenen des Alltags der 5köpfigen Familie mit einem unter einem seltenen Gen-Defekt leidenden Kind geben nicht nur ungeschönte Einblicke in die Herausforderungen, sondern vermitteln vor allem auch das nachvollziehbar Wertvolle und Beglückende darin, schaffen eine berührende Nähe zu eine derart definierten, vielen fremden Welt.

Filmhistorisch wie kulturhistorisch und sozialwissenschaftlich hochinteressant der 2000 erschienene Dokumentarfilm „Code of the Freaks“, der sich mit der Darstellung von Behinderten im Hollywood-Kino beschäftigt. Der Fokus liegt dabei auf der mehr oder weniger offensichtlichen Instrumentalisierung von Menschen sowie in der Bewusstmachung von (mit ihnen verbundenen) Vorurteilen und deren Verstärkung. Hoch informativ und einprägsam, was die zu Wort kommenden Vertreter der Disabled Community zu sagen haben. freakstars

Aus einer künstlerisch anderen wichtigen Ecke: „Freakstars“, ein von Christoph Schlingensief 2002 initiiertes TV-Projekt, in dem er Menschen mit Beeinträchtigungen in die Entstehung einer Sendung integriert; voll ironischer Wahrheit und wahrer Ironie. Denn hellsichtig wird gleichsam um die Ecke die Kamera auf die eigentliche Problematik, nämlich auf die der Nicht-Beeinträchtigten gerichtet.

ungleichFür den Abschlusstag war die Uraufführung von „UN/GLEICH, aber jeder möchte“ der Ich bin O.K. Dance Company geplant. Den Umständen geschuldet waren nun lediglich eine kurze Probenaufzeichnung zu sehen. Eine, die aber mit Vorfreude auf das Halten des neuen Aufführungstermins am 9. Dezember in Wien, Schauspielhaus hoffen lässt. Überzeugt die Gruppe doch jetzt schon als eine, die in dieser Arbeit den Wert des Zusammenspiels von Individuen spüren lässt, ohne auf die Akzeptanz von Soloeinsätzen oder etwa auf Raum und Zeit für ein Trio zu vergessen. Professionelle Tänzer*innen mit und ohne intellektuelle Beeinträchtigung sind es, die hier einen Weg weisen.

INTaKT, inklusives Tanz-, Kultur- und Theater-Festival, 5. Ausgabe. 4. bis 8. November 2020