schilling1Das Tanz*Hotel Wien, in persona Choregraf Bert Gstettner, begleitet während seines mehrwöchigen Residency-, Coaching- und Mentoring-Programmes AAR (Artists At Resort) ChoreografInnen und PerformerInnen durch einen Entstehungsprozess, der mit einer Werkschau in den Räumen des Tanz*Hotel abgeschlossen wird. Die 17. Ausgabe von AAR wurde von Elisabeth Schilling mit „Skizzen zu Ligety“ eröffnet.

Tanz und Musik sind beinahe untrennbar miteinander verbunden. Gut, das überrascht wenig. Wenn aber eine Choreografin und Tänzerin fragt, „wie sich Musik bewegt“, „wie Tanz klingt“ und wie beide „sich gegenseitig befreien“, macht mich das neugierig. Wenn der musikalische Part zu diesen Untersuchungen dann auch noch von dem österreichisch-ungarischen, zu den bedeutendsten Vertretern der Neuen Musik gehörenden Komponisten György Ligeti stammt, bin ich hellwach. Seine 18 „Études pour piano“ aus den Jahren 1985 bis 2001 sind geprägt von komplexen rhythmischen Strukturen, die die „Illusion verschiedener, simultan verlaufender Geschwindigkeitsschichten erzeugen“.

In jahrelangen Recherchen setzte sich Elisabeth Schilling mit dieser Musik, die sie 2011 erstmals hörte, auseinander. Ligeti ließ sich auch von der polyrhythmischen Musik der Völker südlich der Sahara inspirieren. Seine Etüden jedoch webte er zu vertikal und horizontal, also harmonisch und rhythmisch äußerst komplexen Texturen. Sechs dieser jeweils nur einige Minuten langen Stücke wählte Elisabeth Schilling aus, um erste Ergebnisse ihrer Arbeit mit dieser Musik in einem Solo zu präsentieren.

Ganz in Schwarz erscheint sie auf der leeren Bühne. Die Gewalt der ersten eingespielten Etüde reißt sie (und mich) mit. Kantig ihre Bewegungen zu chaotisch anmutender Klaviermusik. Wird diese, vergleichsweise, weicher, fließen auch ihre Arme sanfter. Sie atmet hörbar in der Stille vor dem nächsten Stück, dessen Charakter sie für ein paar Sekunden mit ihrem Tanz antizipiert. Symbiotisch scheinen Tanz und Musik verbunden, organisch und harmonisch. Im weiteren Stücken illustriert sie die Musik physisch, es erinnert mich kurz auch an die Ästhetik eines Oskar Schlemmer. Oder sie taucht auf ungemein einfühlsame Weise ein in diese Welt aus wuchtigem Klang, wuchtig auch in der Ruhe. Vom Expressionismus der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts bis zum Free Jazz zitiert sie. Dass sie auch klassisch ausgebildet ist, lässt sie ganz kurz durchklingen. Als die Musik in Scherben zu zerfallen scheint, zerfließt sie, bäumt sich noch kurz zitternd auf. Fragil und stringent zugleich ist ihr Tanz, zwischen Intuition und Konstruktion, kraftvoll, energetisch, zärtlich. Trotzdem immer irgendwie zerbrechlich. So klug und so berührend.schilling2

Auf Basis dieser „Skizzen zu Ligeti“ choreografiert Elisabeth Schilling derzeit ihr neues Stück „Hear Eyes Move. Dances with Ligeti“ für fünf Tänzer und Live-Piano.

Nach dieser ersten von drei Performances brach ich die weitere Teilnahme bei AAR ab. Die anschließenden Arbeiten „The Touch Can Tell“ von Jasmin Schaitl und Tereza Silon und „Landscape Before Catastrophe“ von Hygin Delimat habe ich nicht gesehen. Der Grund: Das während TERM 17 angewandte Covid-19-Sicherheitskonzept des Tanz*Hotel verdient diesen Namen nicht. Die ZuschauerInnen wurden in die eng hintereinander stehenden Bankreihen gesetzt ohne seitlichen Abstand zu Haushaltsfremden. Das WC besitzt kein Waschbecken, Desinfektionsmittel wurde nicht bereitgestellt. Und Masken tragen in geschlossenen Räumen? Beim „Get together“ eher nur die Angstneurotiker. Völlig inakzeptabel! Dass JEDES Haus, und sei es noch so klein, jede(r) KünstlerIn und jede(r) ZuschauerIn Verantwortung trägt für den gesamten Kunst- und Kulturbetrieb, ist offenbar immer noch nicht allen klar!

Elisabeth Schilling mit „Skizzen zu Ligety“, 16. bis 18. Oktober 2020 im Tanz*Hotel Wien.