Jungelbook5Mit Robert Wilson ist es der künstlerischen Leiterin Brigitte Fürle wieder gelungen, einen der großen Namen der jüngsten Theatergeschichte ans Festspielhaus St. Pölten zu holen. Diesmal hat er Szenen aus Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“ in einem intermedialen Musical als eine Art Comic-Strip der schönen Bilder inszeniert. Die Musik stammt von den Schwestern Sierra und Bianca Casady, aka CocoRosie.

Die Elefantendame Hathi moderiert den Abend. Sie erzählt die Geschichte des Menschenkindes Mogli, das von Bär Balu, Panther Baghira, Wolf Akela im Dschungel groß gezogen wird. Sein größter Widersacher ist der Tiger Shir Khan, den er schließlich, zurück in der Menschenwelt, erlegen wird. Dass ein Mensch einen Tiger eigenhändig zur Strecke bringt, erregt das Misstrauen des Dorfes, also kehrt Mogli zurück in den Dschungel. Dort will sich der pubertierende Bub nun den Platz als Anführer in der Dschungelgemeinschaft erobern. Ob das gelingt bzw. dem „Gesetz des Dschungels“ entspricht, bleibt offen. Mit dem Song „The law of the jungle“ haben CocoRosie den Ohrwurm kreiert, den jedes Musical braucht.Jungelbook1

Die bahnbrechenden Erneuerungen, die Robert Wilson dem Theater seit den 1960er Jahren gebracht hat, wirken bis heute nach. Er hat die Grenzen zwischen Schauspiel, Tanz, Musik und Bühnentechnik aufgelöst. Der bildende Künstler, der er auch ist, vertraut ganz auf die visuelle Kraft der Bilder und setzt sie mit Licht und Bühnenelementen opulent in Szene. Corona-bedingt wurde die Tournee in diesem Jahr weitgehend storniert und eine Woche lang probte der Cast in St. Pölten um die Produktion wieder aufzufrischen.

Jungelbook4An diesem ersten Aufführung nach der Pause will sich der Groove jedoch nicht einstellen. Die DarstellerInnen treten miteinander nur selten in einen direkten Dialog, vielmehr sind sie, tierisch kostümiert (Jacques Reynaud), in weitgehend statischen Posen frontal zum Publikum orientiert. (Einigen von ihnen fällt es sichtlich schwer, die Rhythmen aus dem Orchestergraben nicht verkörpern zu können.) Wenn sie tanzen, ist das Bewegungsmaterial dürftig bis bescheiden. So tänzelt der gutmütig-dicke Bär unbeholfen herum. Die Raubtiere strecken einander gar oft die Krallen entgegen und Mogli schreitet großspurig mit offenem Mund durch den Dschungel. Nur der Affe turnt munter umher. Das Ergebnis ist ein Bilderbuch, dessen Figuren auch auf der Bühne eindimensional bleiben.Jungelbook3

Der musikalische Comic enthält viel Text, der einmal auf englisch, dann wieder auf französisch vorgetragen wird, wobei die Zweisprachigkeit keine erkennbare Funktion erfüllt, (außer vielleicht als Reverence an das französische Publikum. Die Produktion des Théatre de la Ville, Paris, hatte im April letzten Jahres in Luxemburg Premiere).

Jungelbook2Die Produktion soll kindlisch verspielt sein, wirkt aber seltsam steril.  Da hilft auch nicht, dass der "Theatermagier" Wilson gekonnt seinen Baukasten an technischen Bühnenmitteln einsetzt und wunderbar ästhetische Bilder produziert. Die Prioritäten, die hier gesetzt wurden, sind auch im Abend-Programmheft erkennbar. Der technische Stab ist penibel mit Namen und Funktion angeführt, während bei den Namen der DarstellerInnen keine Rolle angegeben sind. So muss man also googeln, wer hinter Mogli (Yuming Hey), Hathi (Aurore Deon), Bighara (Daphné Biiga Nwanak) oder Balu (François Pain-Douzenel) steckte.

Robert Wilson.CocoRosie: „Jungle Book“ am 26. September im Festspielhaus St. Pölten