oceans3Die Sektion performing arts des WUK Wien präsentierte anlässlich der Eröffnung der Spielzeit 2020/21 neben einem breitbasig angelegten Programm mit alt- und (noch) weniger bekannten KünstlerInnen, neuen Formaten und erfreulichen Zahlen zur Entwicklung der letzten drei Jahre auch die Uraufführung einer Performance der Tänzerin und Choreografin Anna Nowak. „Oceans of Notions (swimming)“ umkreist mit Text, Tanz und Klang das Wesen von Begrifflichkeiten.

Anna Nowak: „Oceans of Notions (swimming)“

Die zwei Tänzerinnen Anna Maria Nowak und Karin Pauer, beide auch jahrelange Ensemble-Mitglieder von Chris Harings „Liquid Loft“, und die, hier zuweilen auch tanzende, Schauspielerin Anna Mendelssohn, auch Teil der Compagnie „toxic dreams“, bespielen den leeren Projektraum des WUK mit Text und Bewegung. Sie reden, reflektieren, sinnieren, analysieren, tanzen. Der Sound von Stephan Sperlich, dem Vierten im Bunde, bringt mit Wind und Wellen, Maschinen, Glucksen, Sprache und Cecilia Bartoli eine weitere Dimension in die Fülle der Perspektiven.

Sie tauchen ein in abstrakte Phänomene, suchen nach den Wirkungen fremdgesetzter Bedeutungen auf ihr Denken und Fühlen, nach bewussten und unbewussten individuellen Einschreibungen in Geist und Körper und nach Möglichkeiten, diese aufzubrechen. Die Starrheit der Worte und das „Sich-in-ihnen-Bewegen“ treibt die drei in virtuose mentale und physische Reflexionen. Sie fragen, ob Ideen dich vorantreiben oder du sie. Zeit, Zukunft, Ethik, Solidarität und Mutterschaft. Antrainierte Grenzen, für die Akzeptanz von Ambivalenz als Vorhandensein verschiedener Perspektiven und als heilende Kategorie. Ängste, die uns verbinden. „Wir sitzen in einem Boot“.

Empathie „sollte ein Pflichtfach in der Schule sein“. Die abstrakte Idee der Grenzen. Freud- und phantasievolle Gedankenspiele, so wie eine absurde Szene im Zirkus, die trefflich und schmerzlich den Zustand des Menschen und der Welt beschreibt. Der Tod, wie er sich anfühlen könnte, und dass tote Haut zu Staub wird, der überall ist. Und sie legen mit ihren Körpern einen Haufen in einen Kegel warmen Lichtes. Ganz harmonisch. Versöhnt mit dem Sein. Und dem Tod. Ohne Worte …oceans4

Sie reden über Freiheit, die Ermächtigung ist und nach Meersalz schmeckt. Und Karin Pauer tanzt ihre Emotionen mit fester Brust, mit Ausbrüchen, in Wellen, sich schützend. Ihr Atem ist laut vernehmlich. Die dazu einsetzende Klaviermusik ist der Beginn der Arie der Asteria „Sposa, son disprezzata“, komponiert von Geminiano Giacomelli, die Vivaldi in seinem Pasticcio „Bajazet“ verwendete, gesungen von Cecilia Bartoli. Die Reinheit des Klanges und des Gesanges wird bald zu verzerrtem Krächzen. An den Hintergrund werden in nun schnellerer Folge Worte projiziert: „capitalism“, „deadline“, „society“, „riot“, „taxes“. Sie erheben den rechten Arm zum Hitlergruß, eine tanzt bald volkstümelnd daneben. „Choice“. Nation und Immigration. Und immer noch redend gehen sie ab.

In Wellen fließt die Dynamik des Stückes. In Wellen wird eine Flut von Metaphern an den Strand der Bühne gespült, die zuweilen über die auf der Tribüne (viel zu) eng beieinander Platzierten hereinbricht mit einer Gewalt, die gefangennimmt. Der Tanz wird zu einem die Sprache und deren Begrenztheit Ergänzendem, Erweiterndem. Auf diese Weise werden Sprache, Tanz und Musik wie Vorschläge benutzt zur Formulierung von Gedanken und Gefühlen, als drei von vielen Ausdrucksmitteln und -weisen, die ureigenen Wahrheiten freizulegen.

Sind wir Opfer oder Schöpfer? Wer erschafft unsere Gedanken und wer kontrolliert sie? Wer lädt sie mit Bedeutung? Weil diese Gemeinschafts-Arbeit das Produkt auch sehr persönlicher physischer und mentaler Eingaben ist, scheinen die Persönlichkeiten durch Worte und Bewegung. Unverstellt, authentisch, komplex. Auch wenn Poesie erklärtermaßen nicht zu den Zielen des Einsatzes umfänglichen metaphorischen Materials zählt, so entsteht sie doch. Metaphorik als nur eines der Werkzeuge, mit denen sie sich dem Wesen und Kern der Dinge nähern.

oceans2Die Mühen jahrelanger Textentwicklung haben sich gelohnt. „Oceans of Notions“ lässt einen wogen auf Wellen von Poesie, untergehen im Meer der semantischen Möglichkeiten und auftauchen aus den Fluten der Komplexität in wohliger Vielheit und Verwirrung. Verwirren jedoch tun sie nur beinahe. Denn sie haben Haltung, die drei Frauen. Und sie zeigen sie.

Performing Arts WUK

Performing arts realisiert mit in Wien ansässigen KünstlerInnen internationaler Herkunft interdisziplinäre Projekte, „die zwischen Performance, bildender Kunst, Musik, Tanz, Theater, Choreografie, Digitalität, Text, Sound und Video oszillieren“. Zu den Highlights der beginnenden Spielzeit 2020/21 zählen unter anderen neue Arbeiten von God's Entertainment, Otmar Wagner, DANS.KIAS, toxic dreams und The Loose Collective. Vier junge KünstlerInnen präsentieren ihre im Rahmen von HUGGY BEARS, einem Mentoring-, Wissenstransfer- und Residenzprogramm, entstandenen Arbeiten.

Das Festival für experimentelle Musik, Club-Kultur und Klangkunst „Jahresendzeitschokoladenhohlkörper“, mit dem WUK performing arts 2019 erstmals zusammenarbeitete, verspricht im Dezember 2020 akustische Schmankerl. Im November 2020 ist erstmals das „Festival für Experimentelle Zirkuskunst“ zu erleben, bei dem das Aufbrechen tradierter Zirkuskunst durch neue Formensprachen und Zugänge zu zirzensisch-performativen Darstellungsformen erprobt werden soll.

In den letzten drei Jahren: ZuschauerInnenzahl verdoppelt, Einnahmen verdreifacht, Akquisition von neuen Drittmitteln, mehrere nominierte und/oder preisgekrönte WUK-Produktionen und -Ko-Produktionen … Esther Holland-Merten, die künstlerische Leiterin von WUK performing arts, sprach mit spürbarem Stolz von den Erfolgen unter ihrer Ägide. Die Vorhaben für die Spielzeit 2020/21 werden wohl von der Corona-Pandemie und deren weiterer Entwicklung geprägt sein. Das bei der Pressekonferenz und der anschließenden Performance umgesetzte Covid-19-Sicherheitskonzept jedoch bedarf dringend einer Überarbeitung.

„Oceans of Notions (swimming)“ von Anna Nowak und Programm-Pressekonferenz am 18. September 2020 im WUK Wien.

PS: Das WUK nahm die mehrfachen Hinweise bezüglich der zu eng beeinander platzierten ZuschauerInnen ernst und hat sein Sitzplatz-Konzept überarbeitet. Auch nachzulesen unter https://www.wuk.at/wuk-performing-arts/covid-19-praeventionsmassnahmen-fuer-besucher-innen/.