hay1Eine der ganz Großen war in Wien. Und sie stellte sich auch selbst noch auf die Bühne. Ihr circa 20-minütiges Solo „my choreographed body … revisited“ eröffnete den zweiteiligen Abend, der nahtlos in die Choreografie „Animals on the Beach“ für vier Frauen und einen Mann floss. Deborah Hay hat den postmodernen Tanz geprägt wie kaum jemand sonst. Warum das so war, konnte man an diesem Abend erfahren.

„my choreographed body … revisited“

Nichts als die Strahlkraft der inzwischen 79-jährigen Tänzerin und Choreografin Deborah Hay füllt die große, leere Bühne der Halle G des Museumsquartier Wien. Boden und Rückwand sind weiß. In die Stille stellt sie ihre Gesten. Langsam, bedacht konstruiert sie Skulpturen mit ihrem Körper, bindet die Elemente ihres Tanzes mit trippelnden Schritten. Sie erzählt vom Leben, das mit so vielen Einflüssen, An- und Heraus-Forderungen ein kluger Lehrmeister sein kann. Für die, die es annehmen. So wie sie, die sich federnden Schrittes immer wieder in den Fluss der Dinge stellt, die sich mit wohltemperiertem Widerstand, doch ungeheuer weich und geschmeidig in die Selbst-Erkenntnis tanzt. Es ist wie eine unaufhörliche Kommunikation mit der Welt. Zärtlich, weil verständig und verständnisvoll, umfasst sie, was ist, mit gerundeten Armen vor und hinter, über und unter sich, öffnet die Gesten, lebt im ganzen (Bühnen-) Raum.hay2

Vier Gesänge streut sie ein, kurze nur, die wie die einer Schamanin klingen. Krächzend, tief, hoch. Liegend schaut sie auf den Boden und nach oben, aufgesetzt dann noch lang hinauf. Im letzten Gesang singt sie, nun mit ihrer Sprechstimme, auch von Chaya (hebräisch für “die Lebende“), der zweithöchsten der fünf allgemeinen Seelen. Sie wiegt sich dabei. Die Arme vor ihr umfassen das Nichts und das Alles. In Tanz und Gesang bindet Deborah Hay die Elemente, die ihrer Kunst und die des Seins. In ihrem „wieder besuchten Körper“ findet sie die Choreografie des Lebens, die sie hat einschreiben lassen in ihn von einer gereiften, weisen Seele, die in Harmonie mit sich und dem Sein Frieden geschlossen hat. Mit dem Unten und dem Oben, dem Innen und dem Außen, dem Kleinen und dem Großen, dem Jetzt und der Ewigkeit. Sie hat alles in sich, und das lässt sie uns spüren. Bescheiden und demütig. Überwältigend!

hay animals„Animals on the Beach“

Deborah Hay geht rechts vorn ab, hinten betreten fünf TänzerInnen in Schwarz die Bühne. Der Mann, Tilman O’Donell, ein ehemaliger Forsythe-Tänzer, beginnt mit einer kurzen Sequenz. Die vier Frauen, Michelle Boulé, Jeanine Durning, Vera Nevanlinna und Ros Warby, tanzen ihrerseits Bewegungsstudien. Das Material der eben gesehenen Solo-Performance schimmert bruchstückhaft hindurch. Manchmal hallt im Hintergrund ein dumpfer Schlag. Klassisch und zeitgenössisch auf hohem Niveau geschult und erfahren, wird diesen international renommierten TänzerInnen und ChoreographInnen viel Raum für den Ausdruck ihrer reifen, individuell sehr ausgeprägten Persönlichkeiten gegeben. Die Fünf agieren mit ureigenem Bewegungsmaterial, höchst konzentriert, von innen heraus, mit meist hohem Tonus. Sie scheinen wie autarke Wesen, die von Zeit zu Zeit Verbindung aufnehmen, miteinander kommunizieren. Flüchtige Berührungen, variable Konstellationen im Raum, Separation der Geschlechter, Moment-Kopien des Anderen.hay animals2

Und sie organisieren sich zu geometrischen Figuren, bilden horizontale, vertikale und diagonale Linien, hinten eine Fibonacci-Reihe. Zwischendurch dröhnt der Sound in die Szenerie, bald aber ist es wieder still. Im Zentrum formen sie ein Mandala. Die vier Ecken hocken, der Brunnen in der Mitte ragt empor. Diese Vollkommenheit zerfällt alsbald, sie stellen sich als „dot slash dot“ und schau'n nach oben, wie die Hay vorher. Nur: Die tat's als Eines. Lange stehen sie so. Bis der Himmel ein Flackern schickt ins Licht. Und bald geh'n viere ab, synchron im Beistellschritt. Als hätte man's bei Pina schon gesehen. Eine bleibt stehen. Beinahe manieriert. Oder pikiert.

Zwischen Bewegung und Bewusstsein, Improvisation und Komposition, Gedanke und Entschluss, Mystik und Mathematik, Spiritualität und Rationalität, Freiheit und Ordnung siedelt Deborah Hay ihre poetische, auch augenzwinkernde Arbeit „Animals on the Beach“ an. Meisterlich getanzt von fünf sich selbst offenbarenden Charakteren, die jeder für sich schon ein ästhetischer Genuss sind in ihrer Genauigkeit, und voll von fast spielerisch gebundenen hintergründigen Metaphern fordert Hay ihr Publikum heraus mit ihrer im Tanz kondensierten Weisheit. Freundlicher Applaus.

Deborah Hay mit „my choreographed body … revisited“ und „Animals on the Beach“ am 28. Februar 2020 im Tanzquartier Wien.