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Cunningham1An der Schnittstelle von Tanz-Moderne und Postmoderne gibt es nur ihn: Merce Cunningham. Er brachte den flexiblen Oberkörper moderner Tanzstile mit den starken Beinarbeit des klassischen Balletts zusammen, verzichtete auf Narrative, experimentierte mit dem Zufallsprinzip oder theaterfremden Locations und vereinte um sich bedeutende Künstler seiner Zeit wie John Cage oder Robert Rauschenberg. Im 10. Jahr nach seinem Tod ist die Dokumentation „Cunningham“ herausgekommen, die ab 14. Februar in Österreich anläuft.

Ein Mann im Tunnel, rhythmisch schwingt er ganzkörperlich von rechts nach links, die Kamera fährt auf ihn zu. Er stoppt, seine Arme kreisen um seinen Kopf. Cut. Die New Yorker Skyline, dazwischen ein Flachdach mit Figuren in den Cunningham-typischen bunten Trikots und Posen. Die Stimme des Choreografen leitet zur ersten Tanzeinstellung über: „Summerspace“ (1958), in dem die TänzerInnen in ihren getupften Trikots mit dem pointilistischen Bühnenbild von Robert Rauschenberg verschmelzen.Summerspace2

Für Merce Cunningham genügte der Tanz sich selbst. Für den Tänzer und Choreografen aus New York sollte er nichts ausdrücken, sich auf nichts anderes beziehen als sich selbst. Und dennoch arbeitete er Zeit seines Lebens mit Musikern und bildenden Künstlern. Diese waren ebenso unabhängig von der Choreografie und sehr oft begegneten sich Musik, Tanz und Bühnenbild erst am Abend der Premiere. Die Chance-„Methode“ machte Geschichte.

SecondHandTanz war für Cunningham „a whole visual experience“ und Regisseurin Alla Koven setzt diese bildgewaltig um, indem sie seine Tänze in den Mittelpunkt stellt, dafür unterschiedliche Orte findet, von barocken Räumen über Naturkulissen bis zu urbanen Knotenpunkten. Getanzt werden sie von den letzten Mitgliedern der Cunningham Dance Company, die 2011 aufgelöst wurde.SuiteForTwo

Der Film aber umfasst den Zeitraum von 1942, wenn die erste gemeinsame Arbeit mit John Cage, „Totem Ancestors“ entsteht, bis 1972 („Tread“), wenn alle TänzerInnen seit Gründung die Company verlassen haben. Außerdem hat die ehemalige Cunningham-Tänzerin Jennifer Goggans Szenen aus Stücken, die in diesem Zeitraum entstanden sind, wie „Mock Games“, „Septet“, „Suite for Two“, „Tread“, „Winterbranch“ oder „Rain Forest“ rekonstruiert.

CunninghamGeschickt gelingt es Koven das Narrativ in der Verschmelzung von 3D-Technologie und Archivmaterial zu entwickeln, mit Ausschnitten aus Interviews, aus schriftlichen Aufzeichnungen und Statements von John Cage, Robert Rauschenberg, Andy Wharhol und den TänzerInnen Carolyn Brown, Gus Salomons, Viola Faber, Sandra Lloyd Dilley, Sandra Neels oder Valda Setterfield. Wir lernen über die ersten finanziell schwierigen Jahre, den ungebrochenen künstlerischen Willen Cunninghams, der sich in seinem Tanzweg nicht beirren ließ, auch wenn Kritik und Publikum damit oft ihre liebe Mühe hatten.MerceCunningham

Cunninghams Tänze wirken formal, abstrakt, und, nachdem seine Bewegungssprache menschliche Regungen nicht vorsieht, nahezu entmenschlicht und roboterhaft. Diese Kälte seiner Werke steht in krassem Gegensatz zu seiner persönlichen Warmherzigkeit und Menschlichkeit, die in der Probenarbeit und im Umgang mit seinen TänzerInnen spürbar werden.

Das Trio bestehend aus Merce Cunningham, seinem Lebenspartner, dem Musiker John Cage und dem bildenden Künstler Robert Rauschenberg wird zum Flaggschiff der künstlerischen Avantgarde der 1950er und 60er Jahre. 1964 gelingt ihnen der Durchbruch mit der ersten Welttournee, die sie als erste zeitgenössische Tanzcompany auch nach Osteuropa führt, aber freilich auch nach Paris, wo sie mit Tomaten und Eiern beworfen und nach London, wo sie von Publikum und Kritik in höchsten Tönen gefeiert wird. Auch in Wien hat die Company damals ihren ersten Auftritt, dem noch viele weitere, etwa im Rahmen des Tanzfestivals der Wiener Festwochen, des Donaufestivals und ImpulsTanz folgen werden.

SummerspaceIm selben Jahr gewinnt Rauschenberg den Preis von Venedig, (der damals mit 3200 US Dollars dotiert ist). Er will sich nun mehr um seine eigene Arbeit kümmern, beendet die Zusammenarbeit mit Cunningham und Cage und stürzt damit die beiden in eine Schaffenskrise. Doch 1968 gelingt Cunningham eine weitere bahnbrechende Zusammenarbeit: Für das Stück „Rain Forest“ fertigt Andy Wahhol das Set: schwebende Silberkissen, die auf der Bühne verteilt sind und poetisch im Raum schweben. Die Kostüme – löchrige hautfarbene Ganzkörpertrikots – stammten von Jasper Johns, die Musik von David Tudor.SecondHand2

Die Dokumentation zeichnet Cunninghams Genese vom Tänzer zum Choreografen nach und wie er eine immer größere Anzahl von TänzerInnen „orchestrieren“ kann, wie es Carolyn Brown ausdrückt. Im Laufe seines langen Lebens (er verstarb 2009 im Alter von 95 Jahren) schuf er 180 Tänze und 700 Events.

Er verfügte testamentarisch, dass die Company nach seinem Tod aufgelöst werden sollte. Seine Autorenschaft in der Tanzgeschichte und sein Einfluss auf die Generation der Postmoderne sind unbestritten. Einzelne seiner Stücke finden sich noch im Repertoire anderer Ensembles. Doch der Film „Cunningham“ fängt das frühe Werk in großartigen Bildern ein und macht es für die Nachwelt lebendig.

„Cunningham”, Regie: Alla Koven, in 3D, ab 14. Februar in ausgewählten Kinos in Österreich (Achtung! Nur wenige Termine: www.skip.at)