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Siegal NewOcean2Richard Siegal ist so etwas wie der Shooting Star der deutschen Tanzszene. Sein Markenzeichen ist „Unitxt“, ein Stück, das zusammen mit Merce Cunninghams „Bidped“ auf dem Programm des Bayerischen Staatsballetts stand. (tanz.at berichtete vom Wiener Gastspiel.) Sein neue, abendfüllende Produktion war von „Ocean“ des Altmeisters inspiriert. Doch während Cunningham mit seinen Werken immer auch die Philosophie des Zeitgenössischen mittransportierte, bleibt bei Siegals „New Ocean“ nur mehr blasierte Ästhetik über.

Der Kreis, in dem bei „Ocean“ das Orchester um den Aktionsraum der TänzerInnen gruppiert war, wird beim zweiaktigen„New Ocean“ mit einer Einbuchtung bzw. einer Erhöhung des Bühnenbodens angedeutet. Musiker fehlen, denn während sich der erste Teil bis auf einige wenige Soundcluster in Stille entfaltet, tanzt das Ensemble im zweiten Teil zu einem elektronischen Sound von Alva Noto und Ryuchi Sakamoto.Siegal NewOcean3

Siegal hat eine Reihe von Sequenzen choreografiert, die nach einem Zufallsprinzip ausgeführt werden – ebenfalls eine Anleihe an Cunningham. Die TänzerInnen, das sind hochkarätige, klassisch ausgebildete VirtuosInnen. Die Bewegungen werden bis zum Äußersten ausgereizt, gegensätzliche Spannungen im Körper bis kurz vor den Fall gedehnt. Doch die solistischen Aktionen entwickeln sich nicht, jeder Tänzer bleibt für sich, kalt, beziehungslos. Bei aller Kunstfertigkeit, das wird bald fad.

Und das scheint durchaus beabsichtigt, denn in einem Interview gibt sogar der Choreograf zu: „Ich kann mir leicht vorstellen, wie verwirrend, langweilig und nervig es für jemanden sein mag, der das zum ersten Mal sieht.“ Doch wer will das überhaupt ein zweites Mal sehen wollen?

Siegal NewOcean1Ach ja, Klimakrise ist auch drin: Für seine Choreografie hat Siegal Lichtdesigner Matthias Singer beauftragt, einen Zufallsgenerator mit Daten zum Polareis zu programmieren. Eine nette intellektuelle Überlegung, die allerdings ohne Wirkung auf die Zuseherin bleibt. Im ersten Teil rinnt Nebel von oben, im zweiten Teil von der Seite auf die Bühne, während auf dem weißen Boden schwarze Flecken in unterschiedlicher Anordnung auftauchen. Am Ende viel, viel Nebel, der die Bühne zudeckt und durch eine mit Krach zu Boden stürzende Wand in den Zuschauerraum geschickt wird. So bleibt der Durchblick schließlich ganz auf der Strecke.

(Schade, denn eigentlich hatte es mit dem Groove von Taj Mahal ganz einladend angefangen. Ja, ja, "You don't miss your water", Polareis, Meer … Doch dramatugisch ist dieser Popsong auf einsamen Posten.)

Richard Siegal / Ballet of Difference „New Ocean” am 7. Dezember 2019 im Festspielhaus St. Pölten