Wilfing1Videokunst in 3D und eine Installation der Vereinzelung. Die zweiteilige Performance „Land of the Flats“ der Choreografin und Tänzerin Brigitte Wilfing, des Musikers und Komponisten Jorge Sánchez-Chiong und des Ensembles „andother stage“ zeichnet als dystopische, tänzerisch-musikalische Fiktion das Bild einer wahrlich düsteren Welt. Aber nicht ohne Trost. Und der erwartungsfrohe Wien-Modern-Besucher wird enttäuscht.

Inspirieren ließen sich die Macher von der 1884 veröffentlichten Novelle „Flatland. A Romance of Many Dimensions“ von Edwin A. Abbott, in der eine zweidimensionale Welt strenger Hierarchien die darin Lebenden als geometrische Formen beschreibt und schichtet (Frauen und Sklaven als unterste Kategorie sind Linien, je komplexer die Form, umso höher das Ansehen). Die Räumlichkeiten des Reaktor Wien erweisen sich als ideale Location für diese multidisziplinäre Arbeit. In einem Kinosaal zeigen die im Künstlerkollektiv TE-R vereinigte Videokünstlerin und Photographin Louise Linsenbolz und der Medienkünstler Thomas Wagensommerer ein 3D-Video, das von einem Punkt ausgehend die Komplexität der animierten Strukturen steigert bis schließlich zur Kugel, als das Perfekte schlechthin. Und während einer Tauchfahrt durch entstellte Häuserschluchten und humanoide Hüllen gruselt es einen. Surreale, verstörende Bilder. Der elektronische Sound knarzt dazu, wenn die Balken sich drehen, rattert beim stroboskopischen Blitzen der Kreise, wummert zur Besichtigung der versunkenen Stadt, pfeift und brummt polyphon dissonant zum Schweben menschlicher Rinden.Wilfing2

Nach dieser Einstimmung wird das Publikum in die Säulenhalle gebeten, in die eine begehbare Landschaft aus mit Lichtleisten individuell beleuchteten Inseln installiert wurde, mit acht eingelassenen PerformerInnen-Körpern, von Musikinstrumenten und Zerrspiegeln umgeben, unter und auf Grasteppichen, regungslos. Einzelne Töne, langsam sich vermehrend, surren durch den Raum. Slide-Guitar, E-Piano, Becken, E-Gitarre, E-Drum werden angezupft und -geschlagen. Jeder ist in sich und seine (Klang-) Welt versunken. Beklemmend die Atmosphäre. Bewegung setzt ein. Eine Tänzerin schleicht sich aus ihrem Zerrspiegel-Daheim, gleich einem Roboter mit unsicherer, kantiger Geste steuert sie einen Plattenspieler an. Sophia Hörmann macht mit ihrem Tanz den Kern des Stückes lautlos sichtbar. Die Musiker kriechen, entdecken andere Instrumente, kommen unter ihnen zum Liegen, kämpfen mit ihnen, krachende, verstümmelte Geräusche erzeugend. Das aufrecht stehende Vibraphon dröhnt verzerrt, der Gitarrist schlichtet seine vier Gitarren so rüde, das es schmerzt. Und Brigitte Wilfing, hintenüber gebeugt, scheint, gepeinigt von ihrem Zerrbild, den Himmel anzurufen. Das Klang-Gemisch wird immer wüster, sie vergewaltigen ihre Instrumente. Doch am Ende, nachdem ein Gitarrist auf seiner Doppelhals-Gitarre kaum erkennbar Led Zeppelins „Stairway to heaven“ zitiert, kommt fast so etwas wie harmonische musikalische Kommunikation zu Stande.

Wilfing3Mit „Land of the Flats“ stellen stellen Brigitte Wilfing und Jorge Sánchez-Chiong nach 2014 ihre zweite gemeinsame Arbeit bei Wien Modern vor, in der sie Komposition und Choreografie, Musik und Tanz verschränken zu einem komplexen, irritierenden Abbild einer posthumanen Welt, in der die Wertesysteme zerfallen sind. Der entfremdete, deformierte Mensch erscheint als optisches, akustisches und physisches Zerrbild. Die vielfältigen Möglichkeiten künstlerischen und menschlichen Selbstausdrucks verkümmern zu Rudimenten, das implodierte Selbst sucht nach sich und nach Möglichkeiten der Kommunikation. Der Liebhaber zeitgenössischer Musik mag seine Erwartungen nicht erfüllt sehen. „Land of the Flats“ beeindruckt nichtsdestotrotz.

Auch, weil die Künstler in diese Destabilisierung die Fähigkeit implantieren, das den Menschen von sich und von seiner – nicht nur menschlichen – Umwelt Trennende zu überwinden. Die zum Ende hin durchscheinende Zuversicht in die konstruktiven Fähigkeiten des Menschen hebt diese Arbeit aus der langen Reihe der rein dystopischen Stücke. Einer der geistigen Väter des Posthumanismus, Friedrich Nietzsche, formulierte bereits vor 120 Jahren: „Neue Tafeln setzt mir, meine Brüder! Neue Tafeln mit neuen Werten!“

Wien Modern: „Land of the Flats“ von Brigitte Wilfing, Jorge Sánchez-Chiong und andother stage, am 25. November 2019 im Reaktor Wien.