danzapermanenteSie sind sauber voneinander getrennt, die Musik und der Tanz. Die Französin DD Dorvillier hat sich zwar an einem Beethoven Streichquartett für ihre Choreografie „Danza Permanente“ abgearbeitet, aber es bleibt dem Publikum verborgen. Im zweiten Teil des Abends gibt die Harfinistin Zeena Parkins ein Konzert ihrer „Captiva“-Komposition, die sich geradezu für eine tänzerische Umsetzung anbieten würde. Doch auf der Bühne sitzt die Musikerin allein in einem Kreis von ZuhörerInnen.

Die Idee für „Danza Permanente“ ist bestechend. DD Dorvillier ist in Ludwig van Beethovens Haut geschlüpft, als sie sich an eine Visualisierung des Streichquartetts Nr. 15 in a-moll machte. Bei seiner Entstehung war der Verlust des Gehörs des Komponist bereits sehr fortgeschritten. Jedem Tänzer ist ein Instrument zugewiesen und die Struktur der Partitur wird in ihre Bewegungen übertragen. Die bewegten Instrumente unterscheiden sich durch unterschiedliche Farben ihrer Kostüme, die Musik hört man aber nicht. Für die vier TänzerInnen bedeutet das durchgehend einen Zähljob, stellenweise zählen sie laut vor.danzapermanente1

Dorvillier hat sich für ihre Arbeit ein besonders tänzerisches Streichquartett ausgesucht. Die Melodieführung der ersten beiden Sätze induziert einen Bewegungsfluss, ein heiteres Zusammenspiel der TänzerInnen, die wie die InstrumentalistInnen aufeinander re- und miteinander agieren. Das Bewegungsmaterial, Schritte und kleine Geste der Arme, ist jedoch limitiert und schränkt auch die Ausdrucksmöglichkeiten ein. Das trifft besonders auf das Adagio im 3. Satz zu. Die lyrische Breite, die Beethoven als "Heiligen Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit" bezeichnete oder die "innige Empfindung", die er damit verband, werden visuell nicht erfahrbar. Dennoch folgen wir gespannt den Strukturen und Raumwegen, die, der Kompositionslogik folgend, die Bühne füllen.

danzapermanente2Zeena Parkins war bei „Danza Permanente“ für die Musikregie verantwortlich, hat mit der Choreografin die Musik analysiert und einige Klangelemente entworfen, die im Laufe des einstündigen Stückes erklingen: Natur- und Wettergeräusche, Worte wie Schule, Arbeit, mit deren Aussprache die Amerikanerin spielt. Am Besten funktioniert die Musikdramaturgie, wenn einzelne Tonfetzen der Originalkomposition elektronisch dekonstruiert wiedergegeben werden und das Klangerlebnis andeuten. Einige weitere Referenzen zum Ausgangsmaterial hätten den Abstraktionsgrad verringern und die Wirkung dieser beachtlichen choreografischen Arbeit auf die Zuseherin wohl ungleich verstärken können. In jedem Fall ist die Sorgfalt von Dorvilliers akribischer, kinästhetischer Übersetzungsarbeit, die gerade durch die Reduktion auf eine Ebene die Verwandtschaft von Tanz und Musik erlebbar macht, schlichtweg bestechend.zeenaparkins

Der Abend, eine Zusammenarbeit mit dem Festival Wien Modern, endete mit Parkins' Konzert „Captiva“. Der reichhaltige Klangbogen, den die Instrumentalistin auf der Harfe und mit elektronischen Effekten entfaltet, entwickelt sich mit jedem Konzert weiter. Obowhl Parkins die Harfe als unmittelbare Erweiterung ihres Körper begreift, erwies sich das Tanzpublikum als nicht sehr geduldiger Zuhörer, viele von ihnen verließen vorzeitig den Saal. Vielleicht wünschten sie sich einfach eine ganz traditionelle Verbindung der Schwesternkünste Tanz und Musik.

DD Dorvillier "Danza Permanente" / Zeena Parkins "Captiva", am 22. November im Tanzquartier Wien.