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Guerrero AlbrechtKorffMit Potential für Missverständnisse nennt der spanische Flamenco-Tänzer Eduardo Guerrero seine im Februar 2017 in Bogotá (Kolumbien) uraufgeführte und nun im Festspielhaus St. Pölten als Österreich-Premiere präsentierte Choreografie „Guerrero“ (der Krieger). In dieser mitreißenden Arbeit geht es jedoch statt um Feindseligkeiten um die emotionsgeladenen Beziehungen zwischen ihm und den Frauen in seinem Leben.

Außergewöhnlich wie vieles an und in dieser Arbeit ist schon ihr Beginn. Guerrero schreitet um den großen zentralen Klangboden, sein Instrument. Nach und nach erscheinen die drei Sängerinnen und beide Gitarristen. Metallische Klangflächen, von Kirchengeläut unterbrochen, begleitet die Stellungswechsel der KünstlerInnen. Eine Frau singt, er stampft kurz, und sie wandeln ihre Positionen auf der Bühne. Percussion wird eingespielt, Spots von der Decke betonen jeden einzelnen der sechs Akteure. Lange brennt das Saal-Licht, manch einem fortgesetzte Plauderei erlaubend.Guerrero FidelMeneses

Doch das war's mit Sound aus der Konserve. Die zwei Gitarristen starten die fürderhin ausschließlich live performte Vorstellung mit einem gefühlvollen Duett. Javier Ibáñez und Juan J. Alba agieren wie aus einem Guss, spielen auf ihren spanischen Gitarren nicht nur Flamenco. Manch ein Riff erinnert an den 2014 verstorbenen Paco de Lucia. Wie er verwischen sie zuweilen die Grenzen des Flamenco zu Klassik und Jazz. Sie stellen ihre Virtuosität jedoch gänzlich in den Dienst der großen Gefühle, die diese Arbeit tragen und zeigen auch und insbesondere in ihren Solos ihre Meisterschaft. Weltniveau.

Guerrero FelixVazquezDie drei Sängerinnen Anabel Rivera, May Fernández und Samara Montáñez standen schon in ihrer Kindheit auf der Bühne. Sie repräsentieren in ihren bodenlangen schwarzen Kleidern in wechselnden Rollen und Konstellationen verschiedene Frauen im Leben des Eduardo Guerrero. Rauchig und rau ihre Stimmen, klingen sie unendlich melancholisch. Und wenn sie sich die Seele aus dem Leib singen und, ihre Körper beugend, all ihr Gefühl in die Welt schreien, geht das tief unter die Haut. Die spanischen Texte ihrer an Phrasierungen reichen Lieder zu verstehen war sicher nicht jedem vergönnt. Dass es um Trennungsschmerz und Abschied nehmen, Sehnsucht, Verlangen, Liebe, erotisches Begehren und Leidenschaft, um Zweifel und Hoffnung, Angst und Mut, um Mutter, Schwester, Freundin, Geliebte, Künstlerin, Lehrerin und die Frau als solche geht, wird jedoch im Zusammenspiel mit dem Tanz deutlich.Guerrero FelixVazquez2

Und der Tanz des Eduardo Guerrero spricht eine klare Sprache. Im langen schwarzen Mantel, in Stiefeln und mit gebundenem Haar beginnend, erleben wir einen Reife- und Emanzipations-Prozess, dessen Verlauf auch durch seine äußeren Wandlungen, bis hin zum freien Oberkörper und geöffnetem Haar, erlebbar wird. Der Fluss der Szenen erzählt von der Mutter, die ihren geliebten Sohn schweren Herzens auf seinen Weg schickt, von der seelisch Abnabelung von seiner Mutter, der wichtigsten Frau in seinem Leben, von der fordernden Unterstützung der Frauen auf dem Weg, ein Mann und ein Künstler zu werden und zu sein („Wenn Du tanzt, träume ich!“), von seiner Sehnsucht nach Geborgenheit, den Zweifeln, der Abweisung und seinem Kampf um Selbstbehauptung, und um Macht und sein Spiel mit den Frauen. Es geht um die Identität des Künstlers, dessen Freiheit und die der Kunst.

Guerrero PacoLobatoMehrfach von Szenenapplaus unterbrochen zeigt sich der 1983 in Cádiz in eine ganz unkünstlerische Fußballer-Familie hineingeborene Eduardo Guerrero, der neben spanischem auch zeitgenössischen und klassischen Tanz studierte, als Ausnahme-Tänzer, als herausragender Vertreter des zeitgenössischen Flamenco. Seine Drehungen, die Arm- und Beinarbeit voll Kraft und Leidenschaft, dann wieder zärtlich und in sich gekehrt, seine Intensität und Eindringlichkeit berauschen geradezu. Mit seltenem Mut zu betörender Sinnlichkeit und zu Emotionalität tanzt er männlich und auch seine männliche Erotik mit einer Selbstverständlichkeit, die in Zeiten einer gerade in den Künsten forcierten Aufweichung eines klaren geschlechtsspezifischen Selbstverständnisses geradezu wie ein Affront wirken kann. Diese mit ihrem physischen Stellungsspiel und ihrer fast brutalen Emotionalität über weite Teile an eine Aufstellung erinnernde Arbeit begeistert. Er macht, was er will. Und das großartig.

Eduardo Guerrero mit „Guerrero“ am 24. Oktober 2019 im Festspielhaus St. Pölten