HoermannIm Rücken des Lindwurms, flankiert von neugierigen Passanten wird „Dance around the clock“ am Neuen Platz mit dem Workshop von Thales Weilinger um 10 Uhr am Samstagvormittag eingeläutet und geht in der theaterHALLE11 mit den souligen Klängen von Djane Sophi Hörfrau um 23 Uhr zu Ende. Dazwischen gab es einiges zu sehen, das diese Ausgabe des Festivals kuratorisch und inhaltlich als Hybrid auswies.

Das kleine Welttheater der Freaks in fünf Akten

Der Spaziergang vom Neuen Platz zum Stadttheater führt zum vielleicht kleinsten Theaterraum mit nur neun Plätzen. Das Klagenfurter Theaterkollektiv "VADA" bespielt seit 2012 den kleinen Jugendstil-Pavillon. Gezeigt wird hier der mittlerweile als „queer cinema“ gelabelte Film „Freak Orlando“ von der deutschen Regisseurin Ulrike Ottinger aus dem Jahr 1981. Berlins graue Industrielandschaft wird zur Begegnungszone von theatralen und mythischen Figuren, die durch visuell-stark aufgeladene Bilderwelten ihrer Zeit (von der Antike bis zur Gegenwart) tanzen, stolpern, hüpfen, marschieren, irren oder mäandern. Nicht zuletzt aus der Festival- und Tanzperspektive sind die differenten Körper- und Bewegungskonzepte (wie flatternde Baby-Sirenen oder der narzisstische Hermaphrodit) interessant, sondern die Arbeit lädt insgesamt dazu ein über zeitgenössische Gender- und Körperdiskurse zu reflektieren.

WeilingerEin choreografischer Baukasten

Weiter geht es zu der Uraufführung von „Kill Your Darlings“ (TanzRaumK) im Jazz-Club Kammerlichtspiele. Das Zufallsprinzip entscheidet hier über den weiteren Verlauf der Tanzperformance. Mit anderen Worten: gezeigt wird keine fertige Arbeit, sondern das Publikum bestimmt über die choreografische Struktur. Die vier PerformerInnen auf der Bühne (Sophia Hörmann, Leonie Humitsch, Anja Kolmanics und Thales Weilinger) zeigen der Reihe nach souverän ihre Signature Moves. „Lieb gewonnene“ Bewegungsphrasen werden zuerst als Soloausschnitt präsentiert und durch Cut-, Copy- und Paste-Verfahren aus dem eigenen Repertoire verabschiedet. Wie die Bewegungsfragmente werden auch die Sounds ihrer Soli sukzessive übereinandergelegt und neu-gesampelt. Das Stück funktioniert wie ein choreografischer Baukasten durch Beobachtung, Übertragung und Aneignung. Der Ansatz ist interessant, wenn auch nicht ganz innovativ und dramaturgisch konsequent durchdacht.humitsch

Der Eigensinn des Materials

Vom Jazz-Club Kammerlichtspiele geht es in nur zehn Gehminuten weiter zu „chromatographychoreography“ (2019) im Raum für Fotografie. Mit hoher Konzentration wird die präzise Vorbereitung von Asher O‘Gorman neugierig, fast analytisch beobachtet: Im Galerieraum werden Streifen aus Zellulosepapier und quadratische Blöcke aus Steckschaum – die als Koordinaten dienen – angeordnet und kartiert. In vier Stationen innerhalb des Raumes wird durch Einsatz der Körperkraft, mit Mikro-Bewegungen, Gewichtsverlagerung und weitere Techniken der Körper als Kartograf eingesetzt, während sich die Farbe am Material manifestiert und auf dem Papier ausbreitet.

ogormanArbeiten wie diese befragen auch insgesamt das Verhältnis vom Mensch und seiner Umgebung. Zwar bleibt O’Gorman die erste impulsgebende Instanz doch das Material entfaltet nach und nach seine Eigendynamik, die sich der (menschlichen) Kontrolle immer auch ein Stück weit entzieht. Am Ende ist das Ergebnis Ausgangs- und Kreuzungspunkt für einen Diskurs, der spezifisch für Choreografie als erweiterte Praxis auch jenseits der künstlerischen Forschung ist. Im Certeauschen Sinne markiert (radikaler: ersetzt) die Spur hier die Praxis und wird durch die Nicht-Wiederholbarkeit zum eigentlichen performativen Akt. Insofern ist es naheliegend, dass die Performerin beim Applaus mit Handgeste auch auf ihre flüssigen und quadratischen Mitperformer verweist.

Die Haut spricht durch den ExzessRussolilli

Zwischen extrem körperlicher Aktivität mit geradezu bacchantischer Energie und instabilen Befindlichkeiten präsentiert Irene Russolilli ihre aktuelle Arbeit „This is your skin“ (2018) auf der Bühne der theaterHALLE11. Das choreografische Konzert wird dramaturgisch mit vier Gesangseinlagen und Twerk-Elementen verwoben.

Auf der leeren Bühne befinden sich fünf Mikrofonständer. Die drei Frauen (Irene Russolilli, Alice Giuliani und Alice Raffaelli) setzen sich rhythmisch aber stotternd – versetzt – in Bewegung. Schnell wird klar: Hier stimmt etwas nicht. Der Soundtrack (Spartaco Cortesi) lässt die drei weiblichen Körper alternierend flackern, zittern, erschüttern. In diese störende Atmosphäre gehüllt, brechen die drei Performerinnen immer wieder (teils brachial) aus ihrem Bewegungsfluss aus. Diese zuckende, kriechende und stockende Bewegungssprache mutet überhaupt wenig Menschliches an. Der ‚Defekt‘ dechiffriert hier dieses glänzende Frauenbild als Konstruktion: mit Gesten, die am Rande einer Artikulation immer kippen und sich einer realen Annäherung entziehen. Von den Singstimmen ist zu vernehmen: Can you feel the distance?

Doch wer spricht hier zu uns? Die Konstellation von Stimme und Körper, sowie metallisch schimmernde Pailletten und Leggings erinnern an die antiken Sirenen: Mythologische Figuren die mit der Schönheit ihrer Singstimme zur (tödlichen) Gefahr für herannahende Seefahrer werden. Distanz rettet Leben. Denn bekanntlich kann sich keiner der ihr Lied hört, entziehen. Doch sind es hier nicht die Stimmen die locken, sondern die ekstatische Bewegungssprache und elektrisierende Energie die rhythmisch durchdringend in das Publikum schwappen: the wave is coming.

Worin liegt dann die Bedrohlichkeit dieser drei Sirenen? Die Unterbrechung der Bewegung markiert eine kritische Bewegungspraxis, die sich einer kontinuierlichen, fließenden (‚weiblichen‘) Bewegungssprache zum einen verwehrt und zum anderen mit lieblichem Gesang ad absurdum führt: Das geht unter die Haut.

Am Ende des Tages ist klar: Auch wenn sich der etwas sperrige Name „Pelzverkehr“ den wenigsten von selbst erschließt, so ist er programmatisch treffend. Nicht zufällig sind die zwei Nomen „Pelz“ und „Verkehr“ von Ingrid Türk-Chlapek, der künstlerischen Leiterin, gewählt. Sie implizieren Bewegung, die sich nicht nur allein auf Mensch und Tanz beschränkt, sondern auch ausdrücklich das (räumliche) Bewegen von Materialien und Objekten, Haut und Haaren, Körper und Stimmen mitdenkt oder durch städtischen Transfer, sozialen Kontakt und emotionale Berührung befördert wird.

„Dance around the clock“ im Rahmen von Pelzverkehr am 21. September in Klagenfurt. Hinweis: Die Preview von „chromatographychoreography“ wird 2020 als abendfüllendes Stück im Rahmen von Imagetanz im Brut Wien mit zwei weiteren PerformerInnen uraufgeführt.