sh19 openingZu einer „Übung im joie de vivre“ am Rande des Abgrunds – dazu lud Intendantin und Chefkuratorin Ekaterina Degot bei der Eröffnung der 52.Ausgabe des Avantgarde-Festivals „steirischer herbst“. Exquisite Genüsse von ästhetischer, kulinarischer und kurtouristischer Art seien vor- und aufbereitet; jedenfalls auf dieser Seite des Abgrunds. Und welcher Art andere Realitäten sind, davon weiß sie in geballter Form, unverblümt wie auch sarkastisch, eindringlich zu berichten.

Wenn sie „beiläufig“ von der Einsturzgefahr unserer Behausung mit kurzem Verweis auf unseren „Villen-Ableger auf Ibiza“ spricht und gerade deshalb zum uneingeschränkten Genuss unseres vielleicht letzten Tages auffordert – als fiktive Hoteldirektorin oder aber auch als Intendantin, die selbstkritisch in Richtung Kunst anfügt, dass ja auch dort „Schmäh“ produziert werde.

Im herbst 2019 gehe es freilich und nachdrücklich um „unsere Diktatur des Genießens“, um ein Grundgefühl „schaudernder Ahnung“, auf das schon beim ersten steirischen herbst 1968 von Hans Koren hingewiesen wurde. Im Landhaus, in dessen Hof nun auch die diesjährige Eröffnung stattfand. Im Rahmen eines herrlichen Renaissance-Gebäudes also, dessen Herren mittels Politik und ebendieser architektonischen Kunst „Stärke und Macht“ vermitteln, um „europäische Lebensart“ (Degot zitiert hierbei Ursula von der Leyen) zu bewahren. Vor denen, die von außen das „Grand Hotel“ Europa als Inbegriff erstrebenswerter Genüsse sehen. Obwohl, so Degot, dieses Europa nicht am Abgrund stehe: „Es ist der Abgrund“.sh19 OpeningCeremony

Zorka Wollnys‘ „Voicers – Oratorio for Five Speakers and a listening crowd” passte darauf wie eine hellhörige Kunst-Faust auf‘s kulturbeflissene Publikums-Auge. Wohlarrangiert in den Arkaden verteilt ertönten aus den Interpreten-Mündern vertraute Klänge: markante formale und inhaltlich ausgemergelte Beispiele alltäglicher Sprachhülsen politischer, nichtssagender Viel-Sager. Spott, der nach der eiskalten Wortdusche ein wenig entspannte, aber zumeist sehr wohl auch den eigenen Zehen wehtat.

sh19 ExtravaganzaDas, was sich nach dieser fulminanten Eröffnungszeremonie als „Eröffnungs-Extravaganza“ vielversprechend ankündigte, erwies sich dann allerdings als weitgehend enttäuschend. Weder Hedonistisches noch avantgardistisch anspruchsvoll künstlerisch Überraschendes oder Schockierendes vermittelte sich überzeugend an diesem langen Abend, an dem lang und ermüdend überdies auch die Wartezeiten auf die jeweils in mehrerer Hinsicht „kleinen“ szenischen Darbietungen waren, wenn man nicht gerade über einen irgendwie ein wenig „performenden“ Kellner stolperte. Kurzweilig in seiner Aufbereitung: die Lecture-Performance von Gernot Wieland.sh19 Omardottir

Akustisch und visuell brachial forderten Erna Ómarsdottir & Valdimar Jóhannsson mit ihrer Performance immerhin erfolgreich die Aufmerksamkeit des Publikums. Aber viel mehr als eine Art eigen- und urtümliches Chaos des Miteinander sowie ein im individualistischen, körperbetonten Kampf um Befreiung von oder doch auf Suche nach adäquaten Kommunikationsmitteln im Heute (?) vermittelte sich kaum; es war zwar recht sinnlich, aber lustvoll mitreißend oder beängstigend ab- oder denkanstoßend?

sh19 JakonLenaKneblAm ehesten bleibt vielleicht noch der absurde Umgang mit Körperlichkeit und damit zum Thema passend die installative Body-Builder Performance „The Syle Council“ von Jakob Lena Knebl, Markus Pires Mata und Manuel Pelmus im Gedächtnis.

steirischer herbst 2019, Eröffnung 19.September 2019, Landhaushof, Congress Graz