storydance1Folke Tegetthoff, Autor und Geschichtenerzähler, stand vor 40 Jahren erstmals auf der Bühne; damals wie heute mit einer grundsätzlich unveränderten Intention: Der Sehnsucht des Menschen nach Geschichten Raum zu verschaffen und der oftmals verlernten Fähigkeit des Zuhörens wieder Leben einzuhauchen und Qualität zu geben. Beim diesjährigen Storytelling Festival.

Bei der 32 .Ausgabe von Europas größtem Festival dieser „einfachsten und zugleich wunderbarsten Form der Kommunikation“ gab es dazu an mehreren Tagen Gelegenheit, vorgeführt von knapp 70 KünstlerInnen aus 19 Nationen anhand von 73 Programmpunkten für alle Alterststufen und divergierenden Interessen. Denn dass Geschichten und Märchen nicht lediglich „simple“ Kindersachen sind, das hat sich langsam auch bei uns herumgesprochen. Und dass sich die Kunstform des Erzählens einer variationsreichen Vermittlungstechnik bedient, dafür haben der Festivalgründer Folke und auch seine, diese Veranstaltung nunmehr leitende und organisierende Tochter Tessa Tegetthoff schon länger offene Ohren. Und so gelang auch beim diesjährigen Festival das Erzählen mit Worten von vielerlei Art und Herkunft sowie ebenso vielsagend auch ohne diese.

storydance2Story Dance

War es doch zum ersten Mal, dass der gesamte Programmpunkt der Festivaleröffnung von einer Tanzproduktion getragen wurde. Präsentiert von der 2009 in Slowenien gegründeten MN Dance Company, die europaweit mit Tanz in unterschiedlichen Stilen begeistert. Die beim Festival erstmals außerhalb Sloweniens gezeigte Modern Dance Performance „Labyrinth" war in einer Version zu sehen, für die Tegetthoff die Geschichte des Minotaurus nachgedichtet und als Teil der Aufführung auch erzählt hat. Die Gedankenwelt, die er eingangs rund um die allgemeingültige Thematik des Aufbruchs, Suchens, Kämpfens und Scheiterns, des immer ungewissen, des erfolgreichen oder erfolglosen Einsatzes von Geist und Fantasie aufbaut, bildet eine poetische Schale, die die Tänzer feinsinnig-exakt mit ihren Bewegungen befüllen und bereichern: Kanten und Ecken beängstigend zum Aufblitzen bringen, überraschend harmonische Rundungen und Wege zaubern und bereits beendet Geglaubtes wiederum entstehen lassen - kurz vor einer Explosion, die zu gänzlich Neuem führt.storydance3

Das für Michael Rynia und Nastja Bremec Rynia in seinem individuell-weichen Fluss sehr bezeichnende, abstrakte Bewegungsrepertoire ergibt im abgestimmten Einklang mit ihrer Company eine Vielzahl an ungewöhnlich schönen Bildern, die in ihrer Offenheit der Fantasie einerseits Anregungen geben und andererseits jede Art von Interpretationsfreiheit lassen.

Nachvollziehbar, dass am Ende der Woll-Faden der Originalgeschichte choreographisch angedeutet wird; dass dann aber auch in Form eines Stierkopfes die Handlung konkretisiert und kurz ausschnittsweise erzählt wird, das nimmt letztlich ein wenig vom feingesponnenen Wort- und Bewegungszauber des davor Erlebten.

VErbaDie lange Nacht der fantastischen Geschichten

Den Abschluss der Festivaltage bildet in tradierter und vielseits geschätzter Weise die „Lange Nacht der fantastischen Geschichten“. Die professionelle wie bezaubernde Vocal Band Kreativo aus Slowenien baute in diesem Jahr erstmals eine Art klingende Erzählstruktur für all die anderen ohren- und augenschmeichelnden Storyteller, die im Laufe des Abends ihre verbalen und visuelle (Höhe-)Punkte in dieses gleichermaßen melodiös wohlig tragende wie kraftvoll-rhythmische Klangnetz setzten.

Antonio Rocha (Brasilien), der schon fast zum Inventar zählt, fasziniert immer und immer wieder mit seiner ebenso energievoll-einfachen wie herzlich-verschmitzten Erzählweise von ungekünstelten, spannenden Geschichten, die berühren - und ältere Semester gerührt dankbar sein lassen dafür, dank seiner gesten- und mimikreichen Erzählweise nochmals kurz so sehr Kind geworden zu sein.VErba2

Charlotte B. Alston (USA) war erstmals zu Gast – und brachte doch umgehend mit einer kleinen Geste das Publikum zum Singen: Weil sie so wunderbar sang und weil sie mit unaufgesetztem Körpereinsatz sowie in der Tradition weltweiter Erzähltechnik mittels konsequenter Wiederholungen inhaltlicher wie phraseologischer Art jeden im Raum bei seiner/ihrer (kindlich offenen) Hand nahm.

Shadow Theater Verba aus der Ukraine war ebenfalls zum ersten Mal mit dabei: Mit gekonnter Bewegungstechnik und einfachem Requisiteneinsatz zauberten sie unerwartete Bilder und illustrierten (ein wenig einfach gestrickt) aktuelle Themen.

ShunSugimotoShun Sugimoto, ein Tänzer und Akrobat aus Japan, erzählt unspektakulär mit feinstem Humor und Präzisions-Gestik aus dem zeitgenössischen Alltag genauso selbstverständlich wie er mit beispielloser Körperbeherrschung akrobatisch-athletisch und unvorstellbar biegsam über die Bühne fegt, ja fliegt oder in atemberaubender Zeitlupensequenz ein wenig innehält: sensationell.GeometrieVariable

Die Hip-Hop Tänzer aus Frankreich haben als „Geometrie Variable“- Crew ebenfalls Sensationelles vorzuführen: in der Reduktion auf die Präzision im Einfachen, auf die Bewegungsabfolge und überraschende -Bewegungsverbindung innerhalb ihres kongenialen Zusammenspiels. Ihre internationalen Erfolge und der tosende Applaus der Grazer zeigen: das Publikum weiß die Kunst im Kleinen anzuerkennen.

Oder zusammenfassend gesagt: Die ausgewählten Beispiele lassen es ahnen und stehen für ein Fest der (neuerlichen) Sensibilisierung der Sinne!

STORY Dance, am 4. Juni im Dom im Berg; Lange Nacht der fantastischen Geschichten, am 8. Juni im Schauspielhaus Graz; beide im Rahmen des Internationalen Storytelling Festivals grazERZÄHLT