BachSeine große Spielwiese ist die Tanzwerkstatt Europa. Dessen Leiter Walter Heun (und bis 2017 Chef des Tanzquartier Wien) nimmt hier jeden Sommer international aktuelle Strömungen zeitgenössischen Tanzes und manche Rückblicke in dessen Geschichte unter die Lupe. Seit letztem Jahr aber gibt es unter dem Titel „depARTures“ einen kleinen, feinen Ableger.

Das einwöchige Festival will choreografische Tendenzen aufzeigen, die über unterschiedliche Bewegungskonzepte hinaus Brücken zu anderen Kunstformen schlagen. Drehte sich 2018 alles um neue Ansätze der freien niederländischen Szene, so stand nun von 30. März bis 4. April zeitgenössischer Tanz aus Katalonien im Mittelpunkt. Live auf der Bühne sowie flankiert von einem vielfältigen Kurz- bzw. Dokumentarfilmprogramm, das – kuratiert von der Tänzerin Àngels Margarit – an die eigenwillige katalanische Tanzfilm-Pionierin Núria Font Solà erinnerte. Wie diese beispielsweise die junge Margarit durch ein Zimmerchen mit Blick aufs Meer pirouettieren und inmitten schwingender Bewegungen chillen lässt, machte Lust auf mehr. Insbesondere vor „No Dance, No Paradise“ von Pere Faura und „Bach“ von Maria Muñoz – Mal Pelo. Denn Film und Performance standen an diesen Abenden thematisch in direktem Bezug.

Zum Auftakt hatte man Quim Bigas eingeladen. Einen agilen Typen, den man – genauso wenig wie seine Stücke – unmöglich in eine Schublade stecken kann. Vor zwei Jahren eröffnete er die Tanzwerkstatt Europa mit einer unzählige Passanten beglückenden Open-Air-Performance am Wittelsbacher Platz. Sein Indoor-Projekt „Appraisers“ entwickelt sich dank immer anderer Kooperationspartner ständig weiter.

Im Schwere Reiter machte er erst einmal die Besonderheiten dieses Raums hörbar. Im ersten Teil durch ein Aufgebot von 12 Studentinnen der Iwanson Dance School. Sie stampfen quer über den Boden, ließen keinen der Ausgänge ungenutzt und klopften die Wände so lautstark ab, dass die hölzernen Abdeckungen der Fenster oder Türklinken nur so bebten. Anschließend kroch Bigas selbst mit einem Mikro ums Handgelenk sehr geräuschintensiv unter der Zuschauertribüne herum. Schließlich tauchte er unter den Beinen der ersten Reihe auf der lange leerstehenden Bühne auf.AlbertQuesada

Die sonore Wahrnehmungsverführung fand zuletzt ihren Höhepunkt in einem faszinierenden Trio, bei dem Bigas gemeinsam mit zwei Gastperformern aus Kopenhagen die Konzentration auf bestimmte Objekte und Strukturen an den Wänden lenkte. Während sich subtil steigernden Bewegungseinheiten und bei permanenter Blickfixierung auf Einrichtung wie Gemäuer. Der unter dem Stichwort Kreativquartier vieldiskutierte Ort wurde plötzlich auf ganz neue Weise erfahrbar. Was die insgesamt simple rhythmische Komponente des an sich musiklosen Beitrags angeht: Da ging es in „OneTwoThreeOneTwo“ von Albert Quesada immerhin wesentlich komplexer zu.

Mit Zoltán Vakulya als Tanzpartner stürzte er sich auf die Frage, was Flamenco eigentlich ist. Unter vollem Körpereinsatz versuchten sie dem intensiven Phänomen auf den Grund zu gehen, das das enge Zusammenspiel zwischen Musik und Tänzern beim Interpreten auslöst. Man durfte sich also überraschen lassen, ob sich der Zauber des temperamentvollen Tanzstils verändert, wenn zwei Männer beginnen, Bedeutung, Technik und Ausdruck des Flamenco aufzubrechen.

Bach3Auch das oft als Signaturstück bezeichnete Solo von Maria Muñoz zu Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ zeichnet die Beziehung von Bewegung und Musik aus. Seit 2004 tanzt Muñoz einige der Fugen in Stille. In anderen Präludien begleitet sie – so auch jetzt in München – ein Pianist live. Die heftig akklamierte Vorstellung war ein Muss – nicht nur für all jene, die Bach und künstlerische Präsenz in intimem Aufführungsrahmen schätzen.Bach2

„No Dance, No Paradise“ von Pere Faura dagegen war inhaltlich gesehen der Ausreißer dieser zweiten „depARTures“-Auflage. Denn hier kreiste alles um den Tanz. Dabei bedient sich der zuletzt 2016 in München gastierende Performer fulminanter Vorbilder für seine choreografische Collage. Über Gene Kellys unsterbliches Solo „Singin’ in the Rain” schlägt er den Bogen zu John Travolta in „Saturday Night Fever“. Dem zeitgenössischen Tanz huldigt er, indem er Anne Teresa De Keersmaekers Kompanie Rosas in „Fase“ zitiert. Und wenn es ihm ums klassische Ballett geht, rückt er keiner geringeren als Anna Pawlowa in „Der sterbende Schwan“ zu Leibe. Rekontextualisierung und das Puzzeln mit Referenzen – so lautet hier die Übung. Faura nennt sie „Tribut an meine Kindheit, um meine Leidenschaft als Choreograf neu zu definieren“. Der Mann hat zum Glück nicht nur Humor, sondern auch viel analytischen Esprit!

„depARTures“, eine Veranstaltung von Joint Adventures von 30. März bis 6. April in unterschiedlichen Spielorten in München