images/tanzlogov1.png

danach1Am Ende siegt die Menschlichkeit! Saskia Hölbling präsentiert mit ihrer Kompanie DANS.KIAS ihre jüngste Arbeit „Da-nach“ im Atelierhaus der Akademie der Bildenden Künste, dem ehemaligen Semperdepot. Auf einem Haufen Treibgut treffen irgendwo auf großen Wassern Menschen aufeinander, ihrer Vergangenheiten und Habseligkeiten entkleidet, zurück geworfen auf das Elementarste, und erweisen sich als Menschen.

Sirenen heulen auf, Seiten-Licht wird durch Ventilatoren zerhackt, drei TänzerInnen stürmen auf die Bühne und verschanzen sich im Treibgut. Wir sind sofort mitten in der Katastrophe. Der Bühnenraum zwischen den Säulen, wie die Kostüme kreiert von Gudrun Lenk-Wane, ist mit Schwimmfähigem aus Fässern, mit Gestänge gebunden, einer Leiter mit Kanistern, Stühlen, Reifen, einem großen Kübel und Planen, einer rettenden Insel aus Zivilisationsmüll also, bebaut. Auf diesen Resten eines unbekannten Desasters kämpfen die drei Erst-Ankömmlinge um Halt, um Sicherung ihrer Körper und der Insel. Sie scheinen einander unbekannt zu sein. Zu Beginn jeder für sich, bald erkennend, dass sie aufeinander angewiesen sind, ringen sie mit dem Gegebenen, halten und stützen sich, bauen die Insel um in der Hoffnung, Geeigneteres zu erschaffen. Bald kommt eine vierte Tänzerin auf Plastik unter den Füßen mit einem Rohr heran gestakt, wird aufgenommen und in die Gruppe integriert. Abgerutschte werden wieder heraufgeholt, sie rücken im Kampf ums Überleben immer enger zusammen. Die anfängliche Isoliertheit weicht einer Gemeinsamkeit, die sich mit viel Körperkontakt, mit akrobatischen Aktionen beim permanenten Umbau der Insel in eine Vertrautheit hinein entwickelt, die sie die Aktionen des Anderen bald antizipieren und unterstützen lässt.danach2

Und dann verlängern die vier die Insel in Richtung Auditorium. Ein Tänzer streckt von der vorgeschobenen Leiter aus die Hand ins Publikum, einem Jungen entgegen, der sie annimmt, das Floß besteigt. Zu fünft nun halten und stützen sich, steigen übereinander, suchen nach größtmöglicher Sicherheit. Wirklich berührend ist die aufmerksame Fürsorge der vier Erwachsenen für den jüngsten der Performer, den erst zehnjährigen Oskar Mitterer, der mit überraschender Selbstverständlichkeit seinen Teil der physisch anspruchsvollen Choreographie gestaltet. Die vier „Großen“, die TänzerInnen Leonie Wahl, Anna Hein, Jan Jakubal und Ardan Hussain, seit etwa drei Jahren ständige Mitglieder der Kompanie DANS.KIAS, und das Kind bewegen sich in dem nicht ganz ungefährlichen Setup mit großer Sicherheit, viel Sensibilität für einander und das Material und füllen den Raum. Das Licht von Reto Schubiger erzeugt Stimmungen, die zwischen Bedrohlichkeit, Angst und Hoffnung die choreografischen Intentionen gekonnt verstärkt.

danach3Und dann der Sound! Wolfgang Mitterer, vielfach preisgekrönter Komponist und Sound-Designer, zeichnet ein weiteres Mal für die Musik einer DANS.KIAS-Produktion verantwortlich. Seine elektronischen Klangteppiche, vorsichtig rhythmisch akzentuiert und mit sparsam eingestreuten klassischen Zitaten, vermeiden trotz ihrer äußerst komplexen Strukturen Überfrachtung. Der Sound ist für sich schon ein Hochgenuss.

Am Ende verlassen die fünf die Insel, drängen sich in einer eckigen Plastik-Wanne und schauen in die Ferne. Rettung in Sicht?danach4

Braucht die Menschheit wirklich erst die Katastrophe, um sich ihrer Größe zu erinnern? Keimt erst aus dem Ruin der Samen der Menschlichkeit? Saskia Hölbling zeichnet mit ihrer jüngsten Arbeit ein Bild des Menschen, der sich, reduziert auf seine bloße Existenz, als emphatisches, solidarisches Wesen, als Mensch im besten Sinne erweist. Großartig performt und im perfekten Zusammenspiel mit Sound und Licht ist „Da-nach“ ein zutiefst humanistisches Werk. Nietzsche ließ seinen Zarathustra fordern: „Neue Tafeln setzt mir, meine Brüder! Neue Tafeln mit neuen Werten!“ Saskia Hölbling setzt sie.

DANS.KIAS „Da-nach“ im Atelierhaus der Akademie der Bildenden Künste, Premiere am 1. März, weitere Vorstellungen bis 6. März

danach5