AdrianSchvarzstein0Das Straßentheater war es, das vor 20 Jahren in La Stradas Wiege gelegt wurde. Ein wenig von der damaligen Unbekümmertheit und Entdeckungsfreude ist dieser Kunstform auch heute noch eigen; insbesondere, wenn etwa der spanische Artist Adrian Schvarzstein und die litauische Tänzerin Jurate Sirvyte Rukstele mitten im Grazer Stadtzentrum vorsichtig-unbeholfen aus einer Mülltonne steigen.

Sie sind nicht ganz freiwillig unterwegs, wie die Klezmer-Musik andeutet, und wohl auch schon länger, wie ihre staunend umherschweifenden Augen ahnen lassen. Was sie alles freilich nicht davon abhält, ihren Weg mit Bedacht und doch auch ohne gängiger Scheu fortzusetzen: Zu den Menschen (von heute) und vor allem auch mit diesen. Denn Berührungsängste, das kennen sie nicht, wenn sie die große Gruppe der sie Umstehenden und später auf der Straße Begleitenden in ihre Erkundungen miteinbeziehen. Ob inniglich vereint auf einem „Familienfoto“ – optimistisches Wunschdenken mag hier Pate gestanden haben –, ob herzhaft umarmend, Fußmassage gewährend oder beim Entledigen des einen oder anderen Kleidungsstückes.AdrianSchvarzstein

Neben derartigen erheiternden Sequenzen, die das eigene, stereotype Verhalten zum Teil hinterfragend bewusst machen mögen, würden hin und wieder aber auch „kritisch-schärfere Aktionen“ den Rahmen des nur Unterhaltsamen zielführend sprengen können. Als kleines, erlebtes Beispiel: das Öffnen einer Absperrung mit ergänzender Kreidenotiz Schvarzsteins auf den Gehsteigbelag: ‚No Borders‘.

opositoCie Oposito & Décor Sonore

Kaum diesem unterhaltsam interaktiven, sondern vielmehr dem Bereich des ungewöhnlich ästhetisch und akustisch Erbaulichen ist der Straßenauftritt der Cie Oposito & Décor Sonore zuzuordnen. Sie stellen eine wandelnde Klanginstallation aus Lautsprecher-Menschen dar, die klassische Klangwelten mit heutigen Alltagsgeräuschen in Kontrast setzen. Überraschendes zum Bestaunen, wobei als verbindender Faktor zwischen Schvarzsteins „Arrived“ und diesem Programm. „Le Cinematophone“,wiederum ‚No Borders‘ (was die Grenzen von Kunstsparten betrifft) aufblitzt.

Compania Maduixamaduixa

Dass die in Spanien beheimatete Compania Maduixa mit ihrer das Stelzengehen und den Tanz kombinierenden Produktion „Mulїer“ auf die Straße geht, hat zwei Hauptgründe: Sie wollen darstellende Kunst - im speziellen eine der Formen zeitgenössischen Tanzes - einem wenig theateraffinen Publikum näherbringen. Die große Anzahl der Zuseher bei einer von vier Vorstellungen in Graz bestätigte die Richtigkeit ihres Ansatz; und erst recht die konzentrierte Stille der Zuseher, denen die wenig alltägliche, kraftvolle, aber vor allem feine Bewegungssprache (deren Formenpallette im Grunde nicht allzu breit ist) dem Publikum doch einiges an künstlerischem Verständnis abverlangt. Der zweite Grund ihres Straßenauftritts ist ein inhaltlicher und zwar derart, dass er ein öffentlicher Tribut an zahllose Frauen dieser Welt sein soll: An all jene, die ihren Weg von Einschränkung oder auch aus Unterdrückung mutig und unbeirrbar in die Freiheit suchen und gehen. Wie die 5 Performerinnen den Kern ihres Inhalts Kraft ihrer differenzierten Mimik, Gestik und Körperarbeit für „alle“ Varianten dieses virulenten Themas sensibel und filigran zum Ausdruck bringen, ist grandios. Grandios, weil sie fast jede und jeden (!) Zuseher erreichen.

wldnJoanne Leighton

Mit letzterem tun sich die TänzerInnen der Compagnie WLDN der belgisch-australischen Choreographin Joanne Leighton ein wenig schwerer. Gemeinsam mit Studio Percussion Graz interpretieren sie in „9000 Steps“ auf der Opernhaus-Bühne Steve Reichs „Drumming“. Die zahllosen geometrisch angeordneten bis frei sich entfaltenden Loops im schnellen, im langsamen Gehen und Laufen, allein, zu zweit, zu dritt, in der Gruppe, die sich entspannt, streng diszipliniert aber auch dem Tänzerischen angenähert präsentieren, visualisieren den musikalischen Input zwar in konsequent einfacher, nichtsdestoweniger eigenständiger Bewegungssprache durchaus musikaffin. Passagenweise lässt das Bildliche auch nachvollziehbar Mehrwert entstehen, lässt tiefer tauchen in das, was hier akustisch – meisterlich vorgetragen von der Grazer Gruppe – aufgebaut und geschichtet verwoben und verzweigt wird. Allein, so manches Mal wäre dem unter- oder aber durch „endlose“ Wiederholungen überforderten Auge visuell etwas Griffigeres eine Hilfe, da ihm etwa eine tragende Emotionalität abhandenkam; aus empathischem Unvermögen oder weil da eben doch noch eine – zusätzlich zu den 2Tonnen Salz auf dem Bühnenboden, in die (leider wenig sichtbar) Spuren gezogen werden –, eine weitere Kunst-Ebene fehlt.leighton

Eine, die sich in selbstverständlicherweise ganz anderer Qualität, aber doch mit Intensität vor dem Zuseher ausbreitet: Wenn sich in Joanne Leightons zweitem Beitrag bei diesem Festival, im Community Art-Projekt „Made in Graz“, die ca. 60 teilnehmenden Laien unterschiedlichster Altersstufen dem Fluss der choreographierten Bewegungsabläufe mit beachtlicher Konzentration „anvertrauen“. Einer „big mooving architecture of simple geometric forms“, wie es Leighton im Gespräch gegenüber der Autorin bezeichnete und anfügte: „A mass in harmony“. Und eben diese Form harmonischer Zusammenarbeit einander fremder Individuen macht das Faszinosum der einstündigen Performance aus, berührt und nimmt gefangen. Die bei der Probe gehörten kleinen Anweisungen der Choreographin an ihre Akteure schwangen überzeugend im Endprodukt mit: „not too serious“, „show the pleasure to run“, „keep connection to the floor“, „with energy but slowly“… .

bellinxJohannes Bellinkxs

In zwei weiteren Projekten, die der Community Arst zuzuordnen sind, übernimmt das gemeinhin vor allem rezipierende Publikum einen überaus aktiven Teil innerhalb der jeweiligen Inszenierung. Und damit sind wir wieder bei „No Borders“ – in Bezug auf Künstler und Publikum.

In Johannes Bellinkxs „Reverse“ handelt es sich tatsächlich um ein Umdrehen. Um eines der gewohnten Perspektiven nämlich, wenn man – „geleitet“ durch eine Linie am Boden –  1 1/2km rückwärts durch die Straßen, Hinterhöfe, Gärten und Häuser der Stadt geht. Die überraschend andere Sicht auf die mehr oder weniger bekannte Umgebung mag beim einen funktionieren, beim anderen, wie etwa bei der Autorin, eher nicht. Der zweite intendierte Aspekt, der ein Fokussieren der ungewohnten Art der Wahrnehmung und deren Reflexion anstrebt, ist allerdings sehr wohl ein funktionierender, überraschender und sogar ein positiver: Wie flexibel doch der Körper und seine Sinne sind – wenn man sich nur zu anderem, Neuem, Ungewohntem aufraffte, traute!

Effetto LarsenEffettoLarsen

Eine besondere Form von Mut zur Teilnahme erfordert das Projekt „After/Dopo“ von Effetto Larsen. Soll sich der Teilnehmer in diesem doch anhand von unterschiedlichen Aufgabenstellungen ernsthaft mit der Hypothese auseinandersetzen, was passierte, wenn er einen Tag später nicht mehr lebte. Nicht unbedingt ein naheliegendes Thema für ein Festival der Kunst, sehr wohl allerdings eines für die mit dieser eng vernetzten Kultur. Und das potenzielle Publikum zeigte sich auch überaus interessiert daran und widmeten sich ihm mit großer Ernsthaftigkeit. Fast ausschließlich allerdings für sich allein oder bestenfalls im kurzen Gespräch mit einer Begleitperson. Zu einem „Ort der Begegnung und des Austausches“ wurde die sensibel und liebevoll arrangierte Installation der Fragen (an die Teilnehmer) und (individuellen) Antworten also eher nicht. Aber sehr wohl eine der tief, ja sehr tief gehenden Reflexion in ureigener Sache.
Kunst, Kultur und Selbsterkenntnis – „No Borders“!

Cie Oposito & Décor Sonore : LE CINEMATOPHONE 30. Juli, Südtiroler Platz Graz; Adrian Schvarzstein, & Jurate Sirvyte Rukstele : ARRIVED, 1. August; Hauptbrücke Graz; Compania Maduixa: MULIER, 1.August, Karmeliterplatz Graz; WLDN: 9000 STEPS, 2. August, Opernhaus Graz; Joanne Leighton: MADE IN GRAZ, 3.August, Stadtpark (Passamtswiese); Johannes Bellinkx: REVERSE, 3. August, Volksgarten Graz; Effetto Larsen: AFTER/DOPO, 1. August, Graz-Reininghaus (Tennenmälzerei),  alle bei La Strada Graz 2019