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martens1Mannigfaltige Drei-Einigkeiten. Bumm! Ein heftiger Trommel-Schlag in absoluter Finsternis eröffnet „Rule of Three“, eine ambivalente, weil zeitweise hoch-intensive, dann wieder herausfordernd stille Performance des flämischen Choreographen Jan Martens. Das Tanzquartier Wien zeigte in der Halle G die aus 22 Episoden komponierte Untersuchung der postmodernen Realität und deren Wirkung auf den Menschen.

Unaufdringlich auf die Rückwand projiziert, empfängt die Zuschauer eine handgeschriebene Liste von Überschriften, den Titeln der performativen Sequenzen. Nach deren Verlöschen, aus der Dunkelheit heraus, hebt ekstatisches Getrommel zu Stroboskop-Licht den Zuschauer und -hörer körperlich schnell spürbar auf ein hohes Energieniveau. Links hinten auf der Bühne stehen das Schlagzeug und die Elektronik, live bespielt von NAH, einem in Philadelphia lebenden Schlagzeuger, Produzenten und Visual Artist. Hinter ihm einige Stroboskop-Lichtsäulen, sonst ist die Bühne leer.

Ein Solo, schnell und kantig vor allem mit den Armen getanzt, leitet den Reigen von Short Stories ein. Gefolgt von einem weichen, fließenden Solo-Tanz wird schnell klar, dass hier der Bruch regiert. Ohrenbetäubender Drum- und Elektronik-Sound löst stille Passagen ab. Soli, Duette und Trios, getanzt in diverser Kostümierung von Valerie Hellebaut, begleitet vom Räume und Stimmung gestaltenden Licht von Jan Fedinger, jagen den Zuschauer durch eine fragmentierte Welt.martens2

Physik und Physis: Die drei TänzerInnen in rot, gelb und blau (RGB) gekleidet, den Farb-Bausteinen, mit denen auf einem Bildschirm jede andere Farbe, auch weiß, erzeugt werden kann.
Auf einem Dreieck aus Licht tanzen sie separiert, an den Kanten, ein Gehen, ein zu Boden Sinken, ein Krampfen dort, ein sich wieder Aufrichten, um sich langsam in der Mitte zu treffen. Sportiv umeinander hüpfend, rühren sie um den Topf der vielfarbigen Interessantheiten.

martens4Informelle Mengenlehre: Am Boden vier ineinander liegende Licht-Ovale. Von hinten, aus dem hellen Inneren, tanzt sich die wunderbare Courtney May Robertson über die größer und dunkler werden Areale in Richtung Auditorium. Die Bewegungen, zuerst fließend weich, verhärten, verkrampfen. Vorn spielt sie quälende Einverleibung mit kurzen Momenten der Befriedigung. Die Fülle von herbei gewischten Facebook-Nichtigkeiten ist tatsächlich schwer zu schlucken.

Sirenen geben Alarm, das Trommeln und der Tanz dazu führen uns fast in Trance. Oder die TänzerInnen hüpfen zu arhythmischem Piepen wie Marionetten auf das Publikum zu, immer wieder von hinten beginnend. Oder die Geschichte vom Hundehaar, die erzählt wird. Denn wenn schon nicht mal mehr ein Hund zu Hause wartet und sich auf uns freut, so kann man wenigstens seine Haare aufbewahren, um daraus vielleicht einen neuen Hund zu bauen. Oder wie wir am Ende in einem Text lesen, ist das Fliehen durch Schreiben wohl doch nicht die geeignetste Form der Realitätsbewältigung.

Im letzten, etwa 20-minütigen Teil der Performance bauen die drei TänzerInnen, nun nackt, in völliger Stille und bei beleuchtetem Zuschauerraum, sechs Körper-Skulpturen. Sehr langsam, immer wieder ins Publikum schauend, verschränken sie ihre Körper, suchen größtmögliche Nähe und Harmonie. So wird aus dreien das All-Eine. Die Länge und die Langsamkeit dieses abschließenden Teils sind für manch einen eine echte Herausforderung. Nach so viel Reiz sich selbst zu spüren heißt die von Martens formulierte Aufgabe.martens3

In dieser im September 2017 uraufgeführten und bislang bereits 65 mal performten Arbeit wird die Drei, die Zahl des Ganzen, die die Dualität und Polarität überwindet, auf vielerlei Weise präsentiert.
Auch so: Der Trommler hämmert Kaskaden von Triolen in die Felle. Die Arbeit wird vom ungemein zwingenden Schlagzeug- und Elektronik-Rhythmus getragen. NAH auf der Bühne spielen zu sehen ist ein Erlebnis. Die drei TänzerInnen (Steven Michel, Dan Mussett, Courtney May Robertson) überzeugen mit ihrer Bandbreite, Präzision und Ausdrucksstärke, das Licht mit teilweise geradezu mystischer Atmosphäre, dann wieder kühl strukturierend. Jan Martens bewegt sich in „Rule of Three“ zwischen hoher Abstraktionsebene und direkter Emotionalität, zwischen Lärm und Stille, Finsternis und Licht. Und er entlässt uns mit Harmonie im Geiste und Ruhe im Herzen.


Jan Martens: „Rule of Three“ am 06. Dezember 2018 im Tanzquartier Wien