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degot1Die erstmals mit ihrem Team in diesem Jahr den herbst kuratierende Intendantin Ekaterina Degot denkt und macht vieles anders, sehr anders sogar: Inhaltlich ist ihr Schwerpunkt ein politischer, strukturell ist dieses 51.Festival für zeitgenössische Kunst als großer Parcours angelegt und intentional als Gesamtheit aufzufassen, in der tradierte Sparten einem fließenden Miteinander weichen.

Das Kernprogramm steht unter dem Titel Volksfronten und will mit seiner Plural-Form auf die Vielfalt seiner Bedeutungen hinweisen, auf historische und aktuelle Hintergründe und Auswirkungen, die in dieser rund dreiwöchigen Veranstaltung in Form eines Narratives anhand von installativen, diskursiven und performativen Angeboten Fragen stellen und die eine oder andere Antwort liefern; aber vor allem und mehr denn je Kritikbewusstsein schüren soll;  an über 20 Veranstaltungsorten mit und durch mehr als 40 KünstlerInnen.degot2

Der Verweis auf eine Welt im Fluss, auf eine der Übergänge durchzieht das Programm der Eröffnungsveranstaltungen, ja markiert schon den Ort der ersten, den Hauptbahnhof, auf dessen Vorplatz Ekaterina Degot ihre Eröffnungsrede hält und in der sie von der Unbeständigkeit unserer Zeit spricht, von Widersprüchen und Gegensätzen sowie von den angeblichen Unvereinbarkeiten, von Verhinderungen, denen mit dieser Veranstaltung, mit diesem steirischen herbst  entgegengetreten werden soll.

breadIn Form einer Parade in die Innenstadt setzte daraufhin die US-amerikanische Gruppe des Bread&Puppet Theater das erste zeit- und ein wenig lokalkritische Zeichen. Kurze szenisch, rituelle Maskenspiele gestalten die grundsätzlich komplexen, aber niederschwellig aufbereiteten Inhalte. Zahlreiche der gelesenen Texte, die vielleicht Tiefschürfenderes beinhalten, gehen leider oftmals im Stadtlärm unter. Ungefähr 800 Interessierte waren es, die mitzogen, allerdings eher plaudernd als „protestierend“, zweifellos so manchen Passanten oder Bewohner der Strecke immerhin überraschend; ob motivierend für Veranstaltungsbesuche ist fraglich.

Die anschließende Open-Air-Performance auf der Schlossbergstiege von Roman Osminkin nach Dimitrij Alexandrowitsch Prigovs „Umsturz. Ein Stück für zwei Lautsprecher“ bot nicht viel mehr als visuell etwas ungewöhnlich arrangierte, aber weitgehend abgenützte Schlagwörter; akustische Akzente gingen wiederum eher unter.laibach2

Den abschließenden Programmhöhepunkt des Eröffnungstages in den Kasematten des Schlossbergs sollte die erfolgverwöhnte slowenische Gruppe Laibach mit ihrem bearbeiteten „Sound of Music“ anbieten. Ihr Versuch, Ikonografisches aus dem gleichnamigen Musical sowie dem weltweit bekannten Film (Österreich weitgehend ausgenommen) entlarvend zu überhöhen bzw. performativ musikalisch zu konterkarieren, überzeugte nur in wenigen Szenen.

Buharov2Das Publikum ist Teil der Installation und Performance „Stimmen des unsterblichen Absichtsfeldes“ des Künstler-Filmemacher-Musiker-Duos Igor und Ivan Buharov aus Budapest. „Never forget: How little you monkeys know“ steht auf einem der Zettel, der während der Aktion verteilt wird. Und tatsächlich kommt man aus dem verwunderten Staunen ob dieser skurril-surrealistischen Szenerie, die zum Teil laborartig angelegt ist, nicht heraus. Die rituell aufgeschlüsselten Visionen- teils „handfest“, teils dem Okkultistischen nicht fern - einer Verbindung von Menschen- und Pflanzenwelt als letzter (?) Versuch des Auflehnens gegen Bestehendes spielt sich hier, eingebettet auch in interkulturellen Bezügen und technischen Verweisen, in geradezu beunruhigender Gelassenheit der Menschen, aber im gleichzeitig nahezu aufruhrartigen Quietschen und Rattern der Maschinen (z.T. abhörbar über Kopf- oder Telefonhörer) gleichermaßen verspielt wie zielstrebig ab. Buharov

Auch hier ist alles im Fluss, sind es fantasiereich-witzig dargestellte Übergänge des Werdens und Vergehens, des Kreierens und des Begrabens. Aus dem vorerst fast bedrohlichen Unverständlichen von Installation und Aktion entwickelt sich ein in seiner Weise selbstverständlich anderes Entwickeln und Tun, das den Keim einer Hoffnung in sich birgt – durch seine Art eines Miteinander, gleichermaßen getragen von Unbeschwertheit und Ernst. Erlebenswert.

Steirischer herbst: Eröffnung am 20. September, „Stimmen des unsterblichen Absichtsfeldes“ Igor und Ivan Buharov, Volkshaus Graz, 21. September 2018