LaSTrada Intro„Ein großes Miteinander“: Dieser Leitsatz von  La Strada Graz 2018, dem internationalen  Festival für Straßenkunst, Figurentheater, Neuem Zirkus und Community Art, strahlt aus zwei der in den ersten Tagen gezeigten Produktionen in gleich starkem, überzeugenden Ausmaß und in vielerlei Richtungen; in der einen insbesondere in die Höhe, in der anderen vor allem horizontal – in die Tiefe geht es bei beiden.

Il n’est pas encore minuit…

Die französische Compagnie XY ist eine etwas andere Akrobatik-Truppe. Gegründet 2009 zählt sie heute zu den führenden im Bereich des Cirque Nouveau und umfasst 22 Artisten unterschiedlichen Alters und ebensolcher Herkunft. Was sie eint, das ist eine fröhlich-lockere Ernsthaftigkeit, mit der sie ihr außergewöhnliches Können scheinbar spielerisch ausloten und zulassen, dass sie dabei auch an ihre Grenzen stoßen. Da sie grundsätzlich nichts „behübschen“, stehen sie auch zu dem, was sich einmal nicht wie geplant umsetzen lässt, zählt derartiges doch zur Realität des Menschen. Und diese ist es auch in einem weiten Sinne, die sie auf der Bühne sichtbar werden lassen: das vielschichtige Agieren von Menschen, zielstrebig lustvoll aber auch einmal überfordert (im Speziellen oder aber auch in tragender Kreativität).Lastrada Graz1

Ihr Tun ist manchmal das eines einzelnen oder das von Zweien, vor allem aber ist es eines in Gemeinschaft – und dies mit der sich wohltuend und anregend vermittelnden Erfahrung: „Alone one goes faster, together we go further…“. So gehört es auch zu einem der Grundkonzepte des Kollektives, ihre künstlerischen Höhepunkt - dazu zählt etwa der weltweit nur selten zu sehende Turm aus 4 Menschen – als gemeinsam Erarbeitetes und Aufgebautes zu präsentieren; ebenso wie die nicht minder anspruchslose Dekonstruktion. Dass der ihnen überaus wichtige Faktor des lückenlosen Zusammenspiels und des uneingeschränkt notwendigen Vertrauens auf den anderen derart besonders deutlich  zur Geltung kommt, ist ein weiterer ihrer wesentlichen, weil berührenden, zentralen Effekte. Und es ist die absolute Voraussetzung für ihre dreidimensionalen, ephemeren Menschen-Plastiken.

Lastrada Graz3Zusätzlich zum mehrmals wiederkehrenden Bewusstmachen, also Vorzeigen von um- oder auch fehlgeleiteter Energie. So finden sie immer wieder ihren auflockernden Spaß darin, scheinbar sinnloses oder auch chaotisches Treiben auf der Bühne entstehen zu lassen. Oder aber, krasser: in der Anfangsszene zu zeigen, dass falsch eingesetzte Energie zu Missverhältnissen und Kampf führt. Umso deutlicher wird dann in ihren bis ins kleinste Detail durchdachten Choreographien, bei denen Körper über und untereinander durch die Luft fliegen oder in mehrfachen Spiralen kreuz und quer vom Brett geschleudert werden, das tief Positives ihres Zusammenspiels. Dass sie auch Ruhiges beherrschen, zeigen sie in ihren geradezu poetischen Sequenzen des Gehens: Als „Solo“ auf den Händen der liegenden anderen oder aber in langsamen, linienförmigen Formationen, jeweils einer auf der Schulter eines anderen stehend, die schließlich im harmonischen Kreis enden.Lastrada Graz2

Dass es bei all dem keiner besonderer Kostüme und erst recht nicht eines Bühnenbildes bedarf, sei der Vollständigkeit wegen noch angefügt.  Und schließlich, weil nicht selbstverständlich, dass es den Ausnahme-Künstlern in beachtlicher Weise nicht an selbstbewusstem, kompromisslosem Mut mangelt, um ein Programm, fokussiert auf Variationen einer limitierten Bewegungsart aus fast ausschließlicher Eigenkraft, auf die Bühne zu stellen - vor ein im Alltag reizüberschüttetes Publikum. Großartig, dass es diesem zumutbar ist, wie man am Schlussapplaus hörte.

Sweat Baby Sweat

„Vom Miteinander“ könnte der Titel ebenso lauten; der Titel zum leisen, langsamen Duett zweier Liebenden (Premiere Oktober 2011, Amsterdam) von Jan Martens. Geboren 1984 in Belgien, ist er nach einer Tanzausbildung in Antwerpen seit 2010 mit eigenen Choreographien international erfolgreich; eine seiner neuesten Arbeiten, „Rule of Three“, ist für den niederländischen Tanzpreis „De Zwaan“ nominiert.

janmertensDie Tanzperformance „Sweat Baby Sweat“ lässt im angedeuteten, schmucklosen Strahlen des Bewegungsflusses das Wesen intimer Beziehung leuchten; ihre zehrende wie beglückende Kraft flimmern. Eingebettet in zeitlupenartig vorgeführten, gemeinsamen Bewegungen,  lässt deren Schlichtheit – bei allem nichtsdestotrotz notwenigem akrobatischen Können und solchem, herangezogen  in Form kleiner Versatzstücke,  aus den Bereichen Yoga oder Butoh – die Fragilität einer tiefen Verbundenheit und ungestillten Sehnsucht gerade auch in den zahlreichen Wiederholungen unterschiedlicher Art immer spürbarer, immer greifbarer werden. Die strenge Strukturierung, die puristisch angelegte, vordringlich horizontale Bewegung im (leeren) Raum lässt dem Rezipienten Platz für ein individuelles Assoziieren und Erkennen des ihm Wesentlichen. Sie gibt den beiden Künstlern Kimmy Ligtvoet und Steven MIchel die Möglichkeit, in ihrer geradezu uneingeschränkten Konzentration aufeinander ihre Bewegungen in aller Feinheit in der Wiederholung zu ziselieren, der grenzenlosen Ausdruckspallette von Gefühlen eine angedeutete Form zu geben. Und sie nützen die Möglichkeitsräume in beeindruckender, tief berührender Weise: gleichermaßen fähig, feinste Sinnlichkeit und angedeutet eruptive Lust wie Verweigerung und Schmerz mit ihren Körpern in den Raum zu schreiben.

„As long as you are here I am too“ lautet die diskrete Schrift an der Wand. Gegen Ende wird diese (gleichzeitig als Lied über Lautsprecher eingespielt) variiert: in unzähligen Abwandlungen und Bezügen wird das Thema Liebe umkreist, während die beiden Tänzer in einer rhythmischen Endlosbewegung sich langsam voneinander entfernen, im schwächer werdenden Licht an Sichtbarkeit verlieren. Sie und ihre Bewegung bieten Interpretationsflächen in ausreichendem und anregendem Maß; die Texte hingegen schrammen hin und wieder durchaus auch am Banalen. Schade.

Dank der performativen Kraft des Präsentierten bleiben aber letztlich nur die visuellen Bewegungsbilder eingeprägt und mit Begeisterung erinnert.

La Strada Eöffnungsproduktion: Compagnie XY: „Il n’est pas encore minuit …“ , Oper Graz, 27. Juli 2018, weitere Vorstellungen am 1., 2. und 3. August; Jan Martens: Sweat Baby Sweat, 28. Juli - Oper Graz- Studiobühne
Das Festival La Strada läuft noch bis einschließlich 5. August