ChoyKaFai DanceClinicHDer Doktor wird’s schon richten. KritikerInnen sagen der österreichischen Choreografin zuweilen einen Hang zur Freakshow mit pornografischen Details nach. Choy Ka Fai, der aus Singapur stammende "Dance Clinic"-Erfinder, vermerkt das ebenfalls in seinem Patientenblatt. Tanz und Choreografie sind in der digitalen Selbstoptimierung angekommen: Am österreichischen Aushänge-Enfant-terrible lässt sich gut ermessen, was „Heilung“ bewirken könnte. Choy Ka Fai checkt Holzinger mit seiner künstlichen Intelligenz, genannt Ember Jello durch.

Was denken Choreografen und Choreografinnen, wenn sie tanzen? Am Beispiel von Florentina Holzinger mag man sich das folgendermaßen vorstellen – zumindest gibt sie das in gewollt linkischer Anmaßung so vor: Schnoddrig posierend, mit einem Hochglanz-Magazin in Händen, stakst sie auf die Bühne, während Lana del Reys „Brite Lites“ erklingt: „I look for you in magazines. I´m taking off my wedding ring. I gave you everything“. In feinstem bad acting entdeckt sie ihr Foto auf dem Titelblatt. Als sie sich ins Blattinnere zum Artikel über sie selbst vorarbeitet, nimmt das Publikum an ihren Reaktionen auf die kritischen Zeilen teil. Besonders schmerzt sie, dass man ihr unterstellt Scheiße zu Geld zu machen: „I´m not making any money!“, ruft sie empört. Bei der Szene handelt es sich um einen Ausschnitt aus ihrer Arbeit „Wellness“.ChoyKaFai DanceClinicD

Skandalisierendes Overacting ist Florentina Holzingers Markenzeichen, alles, was sie auf der Bühne zeigt, unterwandert sie sogleich. Alles ist Fake, alles ist Show, aber es ist „echter“ Live-Fake. Auch wenn regelmäßig „reale“ Grenzen des guten Geschmacks, sozialer und künstlerischer Konventionen – oder was auch immer - überschritten werden. Darum geht es in ihren Arbeiten und das tut sie mit der Unschuld eines spielenden Kindes, das Grenzen ganz selbstverständlich nicht anerkennt. Aber nun will Holzinger als Künstlerin ernst genommen werden, das ist das Anliegen an ihren Tanzdoktor. Sie will „als begabte, hübsche, intelligente Person“ erkannt werden und dem Pornografie-Vorwurf entkommen.

Die Grenze zwischen "porn" und "art" ist fließend. Choy Ka Fai, der Tanzdoktor, lässt seine Klientin durch den Scan seiner künstlichen Intelligenz laufen. Dann fischt er eine Testperson aus dem Publikum und spielt ihr typische Ausschnitte von ImPulsTanz-Produktionen vor – kriechende, springende, sich verbiegende Nackte, solo oder in Gruppenformationen, jedenfalls immer splitterfasernackt. Zum Vergleich dazu pornografische Bilder. Die Gehirnströme der Testperson – projiziert auf dem Riesen-Screen der Dance Clinic – messen Ausschläge zwischen „porn“ und „art“. Diesen Test nun lässt Choy Ka Fai über eine Szene aus Florentina Holzingers „Schönheitsabend“ laufen, in der sich diese einen Dildo umschnallt, um ihren Sklaven damit live zu begatten. Bis der Sultan, ihr Ehemann auftritt, um ihren Geliebten zu töten. Choy Ka Fais lapidare Diagnose nach Auswertung durch Ember Jello besagt: Je mehr overacting, desto mehr Pornoverdacht.

Als zwChoyKaFai DanceCliniccBrandonTay01Kleineite Testperson stellt der kluge Tanzdoktor Choy Ka Fai den zeitgenössischen Tänzer Darlane Litaay aus West-Papua gegenüber, der mit einem ganz anderen Anliegen kommt und damit das Skandalisierende in Holzingers Tanz relativiert. Denn der Tänzer Litaay tritt mit einem traditionellen Penis-Aufsatz auf, wie ihn Männer in seiner Heimat tragen, weil er sich in seinem Tanz mit den Ritualen und den spirituellen Traditionen stärker verbinden will. Damit ist dann aber auch schon der Höhepunkt von Choy Ka Fais „Dance Clinic“-Demonstrationen überschritten, was folgt ist ein ritualisierter Trance-Tanz von Darlane Litaay, der irgendwann einfach ausfadet.

Ist Florentina Holzinger zu helfen? Nein, ist der Befund nach dem Screening auf der Bühne. Denn das Enfant terrible von seinem overacting zu „befreien“ hieße, es seiner künstlerischen Kraft zu entledigen. Womit der Tanzdoktor seinem mit Augenzwinkern definierten Ziel, die Zahl der ChoreografInnen zu reduzieren, näher käme. Denn sich mit naivem Pseudorealismus ganz dem Faken zu verschreiben und dabei das Ballett „Shéhérazade“ mit expliziten Sexualakten zu garnieren, ist in Florentina Holzingers Welt Alltag. Ohne Overacting wäre sie wohl nicht sie selbst.

Dance Clinic, Choy Ka Fai, Odeon Theater, 19.7.2018, www.impulstanz.com