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Holzinger2Eine herbst(-liche) Zwischenbilanz seiner darstellenden Facette weist neben erfrischender Buntheit auch interessante Farbvariationen zu wiederkehrenden Themen auf. Im Grazer Kunstverein steht im gesamten Ausstellungsjahr thematisch die der Kunst innewohnende Magie im Zentrum (vgl Simon Mayer-Kritik „Oh Magic“). In einer Koproduktion mit dem steirischen herbst wird „The Seed Eaters“ von Emily Mast präsentiert. Außerdem waren in dieser Woche Werke von Florentina Holzinger und Gunilla Heilborn zu sehen. 

In Zusammenarbeit mit der Dramatikerin Rachel Kauder Nalebuff interessiert sich die bildende Künstlerin Emily Mast insbesondere für Abschaffung von Hierarchien; ein Thema, das sowohl bei Mayer als auch bei Ingvartsen (siehe auch tanz.at-Kritik zum Eröffnungswochenende) von Relevanz ist. Mast versucht in den begehbaren 17 Stationen ihres skulpturalen Bühnenbildes die Gleichwertigkeit von Objekten, Sprache und Interpreten erlebbar zu machen, was zweifellos unterschiedlich gelingt, da die Darsteller bei den 5 Aufführungen jeweils andere sind (allesamt Laien aus Graz). Bei der Interpretation am 27. September (gleichzeitig die letzte der angebotenen) ist das darstellende Moment in den zehn improvisierten, durch kurze Texte und Regieanweisungen strukturierten Mini-Szenen, die alle dem Alltag entnommen und mit Humor sowie einer gewissen Skurrilität verbrämt sind, eher zurückhaltend; das bewirkt immerhin eine Form der Egalität zu Sprache und Objekt. Die bei dieser Gruppe erlebte Coolness verhindert aber freilich die von Mast ebenfalls angestrebte Empathie. Was vor allem unterhält und bleibt, ist die einfallsreiche Vielfalt der zum Thema „Ende“ kreierten, grundsätzlich sehr einfach gestalteten und gerade dadurch überzeugenden Szenen. Um diesem Projekt mehr Wert und Tiefe zu geben, müsste der Zuseher mehrere Interpretationen erleben; auch ein Selbstversuch an zumindest einer Station sollte integriert sein. Die Möglichkeit zum Ausprobieren des eigenen „empathischen Vermögens“ ist erfreulicherweise gegeben, da die Ausstellung bis 17. November geöffnet ist.seedeaters

Wenn Florentina Holzingers performative Pranke zupackt, dann muss auch eine Choreographie wie die von George Balanchine, „Apollon Musagète“, weitgehend daran glauben. Was davon bleibt, ist die Auflösung von Althergebrachtem – so wie sie Strawinski in seiner Musik zu „Apollon Musagète“ anstrebte -, ist thematisch die Etablierung einer neuen Ordnung (bei Apollon u.a. das Mitnehmen seiner Musen zu Zeus), das Erkunden neuer Werte (vgl. auch Ingvartsen sowie Mayer) und ist formal die eingestreute ironische Benutzung neoklassischer Formensprache.

Holzinger1Was primär daraus werden soll und wird, ist die Entthronung des Männlichen respektive des Machismos, wobei es aber offenbleibt, wie konsequent dies auch den Zusammenbruch aller, also auch der weiblichen hierarchischen Strukturen bedeutet.

Der Weg dorthin ist jedenfalls brachial und fantasiereiche Variationsbreite kann man den eingesetzten Mitteln, die selbst Tabubrüche nicht scheuen, auch nicht absprechen. Gepflastert mit männlich konnotierten Aktionen, die hier von ausschließlich agierenden Frauen durchgeführt werden; angesiedelt zwischen akrobatischen Kraftakten, Bodybuilding-Demonstrationen und coltverliebten Cow-Girl-Tour de Forces.  Allesamt überzeichnet und irgendwo zwischen humorvoll-ironisch bis kritisch lächerlich. Arrangiert in einer Welt des selbstverliebten Körperkults, des glitzernden Entertainments und des abgegriffenen Klischees – vor allem aus den Bereichen tief eingegerbter Frauenbilder (naiv-sarkastisch in einer Miniszene gesprengt von in Ketten gelegten Frauen).

Einzelne der Szenen zwischen zuckersüßem Spitzenschuh und -Tanz, männlich besetzter Zirkuskunst und Dilettantismus sind nicht nur überzeugend aufbereitet und mit Können präsentiert, sondern greifen auch thematisch mit Biss. Zahlreich andere aus dem weiten Feld der Freak-Show decken aber lediglich (verborgene) Bedürfnisse nach (kleinen) Sensationen ab und übersteigen ohne ersichtlichen Grund die Grenzen des guten Geschmacks: So sollte etwa außerdem das öffentliche Verrichten der Notdurft mit den 60er-Jahren abgehakt sein. Die durchwegs übersexualisierten Zirkusnummern mögen zwar wiederum (s. Ingvartsen) ein Verweis auf die selbstverständliche Alltäglichkeit derartiger Verbindungen sein, sind in ihrer Dichte aber ermüdend und verwässern außerdem die in ihrer Art gelungenen kabarettistische Szenen.

Das kompromisslose Spiel mit Extremen – Holzinger schließt ihren eigenen Körper dabei nicht aus – verkommt letztlich unter dem tiefblauen Himmel (Bühnenbild); unter einem, der in Anspielung auf das Original für die angestrebte, erträumte Ideal-Zukunft steht und für den in einem Song schon anfangs postuliert wird: „everything is fine“. Das schrille Spiel verflüchtigt sich in dieser schrankenlosen Intensität weitgehend zu einer Show mit geringem  Tiefgang und damit der Rezipienten nicht selten zum lediglich oberflächlich „Zuschauenden“.  Heilbronn

Mit gänzlich anderem, mit dem Erinnern, das als klärendes Potential derzeit häufig künstlerisch hinterfragt wird, beschäftigt sich ein Auftragswerk vom steirischen herbst: „The Wonderful and the Ordinary“. Die schwedische Künstlerin Gunilla Heilborn (etwa schon 2011 und 1014 beim Festival zu Gast) und das Grazer Theater im Bahnhof (TiB) setzen sich dabei mit Arten des Erinnerungsvermögens auseinander, versuchen, seinen Mechanismen auf die Spur zu kommen; seiner Flüchtigkeit und Wiederholbarkeit in gewollten oder vor allem auch ungewollten Varietäten, was durch das Medium Film, das die Choreographin und Filmemacherin Heilborn zusätzlich auf einer schmalen Screen im Hintergrund einsetzt, angedeutet wird. Die drei Darsteller des TiB agieren in der ihnen eigenen, altbewährt coolen Form; nicht ganz unähnlich zum Auftreten der beiden schwedischen Künstler, die mit ruhiger Lässigkeit ihre Beobachtungen einbringen.

Dass sich die Erinnerungskultur durch die Digitalisierung verändert habe, wird im Vorstellungsverlauf auch noch dem Letzten bewusst: „We have our memory now in the cloud“; und dass das Aufschreiben dennoch weiterhin gegen das Vergessen helfe, wahrscheinlich ebenso. Während kollektives Erinnern – demonstriert beim Rekapitulieren von Alltäglichkeiten – die kopfinternen Unschärfen nur noch vergrößere, ist zu erfahren. Und: Dass Fakten allein hilfreich seien…

So plätschern erinnerte Versatzstücke, die das eine und andere Lachen provozieren, hie und da gesanglich aufbereitet sind, über die Bühne. Viel, was zu erinnern wäre, gibt es im Grunde also nicht.

Steirischer Herbst 2017: “The Seed Eaters”: 27. September, Grazer Kunstverein; “Apollon Musagète“: 28.September, Dom im Berg; “The Wonderful and the Ordinary“: 29.September, Orpheum